Für viele Deutsche, so heißt es oft, ist Grillen beinahe so etwas wie ein inoffizieller Nationalsport. In der Komödie „Extrawurst“ geht es allerdings schon lange vor dem ersten Brutzeln richtig heiß her. Der scheinbar harmlose Vorschlag, für das einzige muslimische Clubmitglied eines Tennisvereins beim Sommerfest einen separaten Grill aufzustellen, entwickelt sich rasch zu einer handfesten Debatte – über Toleranz, Traditionen sowie tief sitzende gesellschaftliche und persönliche Konflikte.
Zum Kinostart der Komödie hat FILMSTARTS-Redakteurin Chantal Neumann Hape Kerkeling in Berlin zum Interview getroffen. Hier spielt er Heribert Bräsemann, den Vorsitzenden des örtlichen Tennisclubs. Im Gespräch verriet er unter anderem, wie anstrengend die Dreharbeiten waren, ob man das Projekt als sein Comeback bezeichnen kann – und ob er selbst im echten Leben schon einmal eine „Extrawurst“ bekommen hat.
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FILMSTARTS: Bei einem Film mit diesem Titel drängen sich Grillfragen ja fast auf. Deshalb gleich vorweg: Was ist die schlimmste kulinarische Todsünde auf dem Grill, die Sie je erlebt haben?
Hape Kerkeling: Was ich ja nicht mag, ist so Durcheinander auf dem Grill. Ich hab das gerne ordentlich. Wurst kommt zu Wurst. Steak kommt bei Steak und Gemüse bei Gemüse. Das soll jetzt nicht irgendwie alles durcheinander. Wenn einer so rumwurschtelt und die Flamme zu hoch ist, da bin ich schon bedient. Ich bin ein ordentlicher, sauberer Griller. Und deswegen schmeckt es dann auch gut, wenn ich grille. Und Schwein getrennt von Rind und Rind nicht mit Huhn. Ich will es gerne klar haben auf dem Grill.
FILMSTARTS: Die Frage ist sicherlich am naheliegendsten: Haben Sie schon einmal eine Extrawurst gehabt?
Hape Kerkeling: Also ich verrate, glaube ich, kein Geheimnis, wenn ich sage, dass mich der ein oder andere kennt. Und wenn man dann so reist, dann kriegt man schon mal eine Extrawurst. Also ja, hatte ich schon. Und ich nehme die auch gerne. Und ich fühle mich dann auch gebauchpinselt, muss ich ehrlich sagen.
FILMSTARTS: Was hat Sie persönlich an diesem Projekt gereizt – war es das Thema, der Humor, die Vorlage oder die Figur?
Hape Kerkeling: Also an dem Projekt „Extrawurst“ haben mich ganz viele unterschiedliche Sachen gleichzeitig fasziniert. Erst einmal der Name des Regisseurs: Marcus Rosenmüller. Ich kannte den „Rosi“ nur so ein bisschen aus der Ferne, über die Bande. Ich bin großer Fan von Marcus Rosenmüller. Und als die Anfrage kam, der hätte mich gerne in einer Hauptrolle für seinen neuen Film, habe ich gedacht, das brauche ich mir gar nicht durchzulesen, das Buch. Das spiele ich, wenn der die Regie macht.
Dann las ich dieses wunderbare Buch von Moritz Netenjakob und Dietmar Jacobs – was völlig zu Recht eines der erfolgreichsten Theaterstücke der letzten 20 Jahre in Deutschland war – und war wirklich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert und liebte meine Rolle, diesen korrupten, etwas unbeholfenen, präpotenten, lustigen, irgendwie auch auf eine verschwurbelte Art herzensguten Heribert, sodass ich eigentlich relativ schnell zugesagt habe. Und die Dreharbeiten haben auch genau den Spaß gemacht, den ich vermutet habe. Aber es war auch verdammt viel Arbeit.
StudioCanal / Daniel Gottschalk
FILMSTARTS: Im Film wird ja fast ausschließlich nur gestritten – ich schätze 80 bis 90 Prozent sind pure Auseinandersetzung. Wie anstrengend ist das beim Drehen? Bleibt diese Spannung auch zwischen den Takes hängen, oder kann man das nach dem „Cut!“ gut abstreifen?
Hape Kerkeling: Es ist in etwa so: Die Eskimos haben, glaube ich, 100 Wörter für Schnee. Und wir haben in diesem Film 100 Varianten von Streit gefunden. Es gibt den etwas unterschwelligeren, dann gibt es den richtig handfesten Streit, wo auch die Fetzen fliegen. All das gibt es, ich glaube in Höchstform, auch was vor allem meine Kollegen betrifft, zu sehen. Das ist, glaube ich, das besonders Reizvolle daran gewesen.
Diese langen Streitpassagen, die gehen ja manchmal über 20 Seiten im Drehbuch. Das hat man normalerweise beim Film nicht. Beim Film hat man drei Seiten, anderthalb Minuten Schnitt. Und so lange spielt man durch. Wir als Ensemble mussten aber 20 Minuten durchspielen. Das ist man beim Film gar nicht gewohnt, das macht man eher beim Theater. Was dazu geführt hat, dass wir die ersten zehn Tage als Team nicht ein privates Wort gewechselt haben. Und nach zehn Tagen kam Christoph Maria Herbst – wir hatten endlich mal eine Verschnaufpause nach unseren Proben und Drehs – und er sagte: „So, jetzt sagt mal alle, wie ihr heißt. Was habt ihr für Hobbys? Was macht ihr privat?“ Da hatten wir zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit, uns privat zu unterhalten. So sehr und so toll hat uns die Arbeit gefordert.
FILMSTARTS: Ihr Kollege Christoph Maria Herbst ist ja erprobt in hitzig-pointierten Rollen. Konnten Sie sich für „Extrawurst“ etwas bei ihm abschauen oder haben Sie Tipps von ihm bekommen?
Hape Kerkeling: Also ich glaube, wir haben uns als Team gegenseitig sehr unterstützt. Dieses Ensemble mit diesen wunderbaren Schauspielern zu spielen, war echt ein Geschenk. Und ich habe mir wirklich bei jedem was abgeguckt. Es gibt so ein paar Szenen, da habe ich nicht so allzu viel zu sagen. Da habe ich kurze Einwürfe, die aber schon ziemliche Knallerpointen sind. Aber da habe ich mich manchmal bei der Probe oder auch beim Dreh erwischt, dass ich so fasziniert war vom Spiel meines Gegenübers, dass ich vergessen habe zu reagieren. Das ist mir ein paar Mal passiert, weil ich wirklich vom Spiel der Kollegen sehr fasziniert war. Und natürlich guckt man sich bei so einem routinierten Profi wie Christoph ein bisschen was ab, klar.
StudioCanal / Daniel Gottschalk
FILMSTARTS: Wie hätten Sie die Situation denn gelöst? Grillfächer aufteilen? Zweiten Grill kaufen? Oder einen ganz anderen Weg wählen?
Hape Kerkeling: Ich will jetzt nicht verraten, welche Lösung der Film parat hat, aber der Heribert als Vorsitzender dieses komischen Tennisclubs Lengenheide, der kommt ja mit ein paar Vorschlägen. Die sind schon sehr abstrus, aber ich glaube, das wären exakt die Vorschläge, die ich auch gemacht hätte. Insofern ist mir dieser rheinische, komische Heribert von der Denke auch sehr nah.
FILMSTARTS: Das Theaterstück gilt als eine der aktuellsten Komödien über Integration und Leitkultur. Fühlen Sie sich mit dem Film als Teil einer gesellschaftspolitischen Debatte – oder sehen Sie „Extrawurst“ vor allem als unterhaltsame Komödie?
Hape Kerkeling: Ich glaube, „Extrawurst“ ist beides. Es ist eine unterhaltsame Komödie, unter dem Aspekt kann man es auch sehen. Aber es trägt, wenn man will, auch zur gesellschaftlichen Debatte etwas bei.
Ich muss sagen, dass ich meinen wunderbaren Kollegen Fahri Yardim sehr bewundert habe, wie er die Rolle des – in Anführungszeichen – Türken von vorne bis hinten durchzieht und dieses Außenseitertum, was ihm zugeteilt wird, in allen Nuancen durchspielt, sich versucht, dagegen zu wehren, zu integrieren, sich abzusetzen. Das ist hochinteressant, und insofern finde ich, sein Spiel, besonders nuancenreich, was das anbetrifft. Aber ich habe ihn auch als Charakter und als Mensch, als Fahri bewundert, wie er das durchgezogen hat, wie er das geschafft hat, dieses Problem einmal darzustellen. Ich will nicht zu viel verraten, es gibt so ein paar unheimlich schöne Sätze im Film, die wirklich hängenbleiben und die was mit einem machen.
FILMSTARTS: Welcher Gedanke, welche zentrale Botschaft sollte idealerweise beim Publikum hängen bleiben, wenn sie aus dem Film kommen?
Hape Kerkeling: Jeder hat einen an der Klatsche. Das ist eine der zentralen Botschaften. Und wenn wir uns darauf erstmal verständigen können, dann ist schon viel gewonnen. Die andere zentrale Botschaft ist, dass wir immer im Gespräch bleiben müssen, dass Kommunikation immer unsere Rettung ist und nie unser Verderben. Und wenn wir nicht mehr auf einer vernünftigen Ebene kommunizieren, dann sind wir verloren.
FILMSTARTS: Ich bin vor wenigen Tagen an einem Kiosk vorbeigekommen und sah eine Zeitschrift, die von Ihrem „Comeback“ sprach. Wie sehen Sie das – feiern Sie gerade tatsächlich ein Comeback?
Hape Kerkeling: Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, jedes Mal, wenn ich irgendwas im Fernsehen, im Kino oder auf dem Literaturmarkt mache, heißt es „Kerkeling's Comeback“. Das ist, glaube ich, jetzt in 40 Jahren mein zehntes Comeback. Sei es drum. Solange die Leute sich freuen, soll es doch ein Comeback sein.
Das ganze Interview könnt ihr euch übrigens auch hier als Video ansehen: