Restorative Justice – zu Deutsch etwa „wiederherstellende Gerechtigkeit” – bezeichnet eine Praxis, bei der Täter mit Opfern, gelegentlich auch mit der Gemeinschaft, aufeinandertreffen. Ziel ist, diese in den Dialog zu bringen, um Verständnis, aber eben auch soziale Beziehungen wiederherzustellen – anstelle von oder als Ergänzung zur Strafe.
Restorative Praktiken zwingen beide Seiten dazu, andere Perspektiven einzunehmen und fordern Täter dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und sich mit den Folgen ihres Handelns auseinanderzusetzen. Seit 2014 werden diese Verfahren auch in Frankreich angewandt – sofern beide Parteien zustimmen, können Täter und Opfer, begleitet von geschulten Mediator*innen, ins Gespräch kommen.
Wie das aussehen kann und welche Ambivalenzen das auf den Plan ruft, könnt ihr heute Abend um 20.15 Uhr in Jeanne Herrys hochkonzentriertem Drama „All eure Gesichter” auf ONE sehen. Alternativ findet ihr es im ARTHAUS+-Channel von Amazon Prime – nach Ablauf des siebentägigen Probeabos zahlt ihr hierfür 3,99 Euro im Monat und könnt jederzeit kündigen.
Wenn Dialog zur Zumutung wird
„All eure Gesichter” begleitet die Mediator*innen Judith (Élodie Bouchez), Fanny (Suliane Brahim) und Michel (Jean-Pierre Darroussin) in ihrem Berufsalltag, der darin besteht, die Aufeinandertreffen von Verbrechern und ihren Geschädigten vorzubereiten und zu begleiten. Sie moderieren eine Gesprächsgruppe im Gefängnis, bei der Insassen auf Opfer von Raubüberfällen treffen – und auf Fragen nach Schuld, Verantwortung und Konsequenzen.
Besonders herausfordernd ist zudem Chloés (Adèle Exarchopoulos, bekannt aus „Blau ist eine warme Farbe”) Fall: Jahrelang wurde sie als Kind von ihrem Bruder missbraucht. Jetzt, da dieser in ihre Stadt gezogen ist, möchte sie ihn treffen. Nicht etwa, um sich zu versöhnen, sondern, um klare Grenzen abzustecken und sich künftig nicht zufällig über den Weg zu laufen.
Eindrucksvoll zeigt „All eure Gesichter” die Komplexität von Moral und Verantwortung und wie blind Perspektive den Blick verengen kann. In tastenden, zögernden Gesprächen zeigt der Film, wie Dialog Räume öffnen und Empathie entstehen lassen kann – und zugleich, wie brüchig und überfordernd dieser Prozess für alle Beteiligten ist.
Aufeinanderkrachende Perspektiven
Seine größte Stärke besteht darin, das Geschehene konsequent über die Figuren erzählen zu lassen – alle Beteiligten bekommen Raum, wodurch sich kaleidoskopisch Perspektiven auffächern. Die überaus starken Darsteller*innen spielen dabei nicht auf Effekt, sondern auf innere Spannung, kleine Gesten und schwelende Konflikte. Man spürt in jeder Szene, wie viel Zurückhaltung hier nötig ist – und wie viel Mut.
Dabei ist der Film durchgehend nüchtern, fast dokumentarisch inszeniert. Der emotionale Druck, der innere Knoten, der vor allem bei Chloes Aufeinandertreffen mit ihrem Bruder vorherrscht, überträgt sich so nach Außen – und macht sichbtar, wie schwer auszuhalten Widersprüche sind.
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