Nicht nur dank vermehrter Aufführungen auf Festivals, sondern speziell auch aufgrund ihrer Verbreitung durch Streaming-Services erhalten deutsche Filme im Rest der Welt seit einigen Jahren wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit. Einer, der davon definitiv profitiert hat, ist Franz Rogowski. Denn der vielfach prämierte sowie als einer der aktuell besten und ausdrucksstärksten hiesigen Mimen angesehene „Victoria“- und „Transit“-Star wird immer häufiger für internationale Produktionen angefragt. Offenbar sagt er dann auch gern zu.
So kam es, dass der Freiburger die Hauptrolle im französisch-italienisch-polnisch-belgischen Drama „Disco Boy“ übernahm. Der Spielfilm-Erstling des aus Apulien stammenden Regisseurs Giacomo Abbruzzese debütierte 2023 im Rahmen der Berlinale. Am späteren Abend könnt ihr seine deutsche Free-TV-Premiere erleben:
„Disco Boy“ läuft am heutigen 11. Februar 2026 um 22.55 Uhr auf arte. Zudem steht der Film als Gratis-Stream in der Mediathek des Senders zur Verfügung. Bei Interesse solltet ihr wirklich auf eine der beiden Varianten zurückgreifen, denn bisher ist „Disco Boy“ hierzulande weder auf haptischen Bildträgern noch als Video-on-Demand zu erwerben.
"Disco Boy": Das ist die Story
Der aus Belarus stammende Aleksei (Franz Rogowski) hat illegal und unter einigen Entbehrungen die EU durchquert, um sich in Paris der Fremdenlegion anzuschließen. Fünf Jahre muss er nun in einer nahezu permanent im Auslandseinsatz befindlichen Eliteeinheit sein Leben als Soldat aufs Spiel setzen, bevor er dann automatisch die französische Staatsbürgerschaft erhalten soll.
Gleichzeitig führt der junge Jomo (Morr Ndiaye) einen Trupp Guerillas an, der im Nigerdelta ausländische, primär französische Ölarbeiter entführt. So wollen Jomo und seine Leute erzwingen, dass ihre Regierung endlich aufhört, mit ausländischen Investoren Raubbau an der Natur zu betreiben und so der lokalen Bevölkerung Landwirtschaft und Fischerei unmöglich zu machen.
Es ist unvermeidlich, dass sich die zwei Männer eher früher als später gegenüberstehen werden…
Lucky Red / KMBO
Tanzen statt Töten
Der auf zahlreichen Festivals für seine Kurzfilme ausgezeichnete Giacomo Abbruzzese will mit diesem Werk auf die Absurdität und Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen aufmerksam machen. Dazu kommen Szenen, die eine erbitterte Anklage an das ausbeuterische Kolonialsystem darstellen. „Bestünde ‚Disco Boy‘ nur aus seinem verdächtig an eine allegorische Versuchsanordnung erinnernden Plot, dann wäre er zwar gut gemeint, aber auch ziemlich platt und naiv“, heißt es in unserer gute 3,5 von 5 möglichen Sternen vergebenden FILMSTARTS-Kritik. Doch zum Glück ist dem nicht so. Denn der Filmemacher nutzt die recht rudimentäre Story als eine Art Sprungbrett für einen durchaus ambitionierten und weitaus interessanteren Streifen, als die oben zu lesende Synopse es verheißt.
Ja, der Einstieg, bei dem der von Rogowski sehr authentisch gespielte Protagonist ein dreitägiges Fußballfan-Visum nutzt, um nach Polen einzureisen und sich dort abzusetzen, erinnert noch an Abbruzzeses Wurzeln als Dokumentarfilmer. Mit dem Location-Wechsel nach Westafrika kommt es aber auch in der Form zu einem ersten krassen Bruch und „Disco Boy“ nimmt eine immer stärker ins Mythische abdriftende Dimension an. So sehen wir etwa einen Kampf zwischen Aleksei und Jomos Schwester (verkörpert von der für ihre Haarskulpturen berühmten Künstlerin und Aktivistin Laëtitia Ky) lediglich als Infrarotbilder durch ein Nachtsichtgerät. Dazu gemahnen die brennenden, komplett zerstörten Landschaftsstriche mit den gewaltigen, tiefschwarzen, Ruß ausstoßenden Ölraffinerien im Hintergrund an spektakuläre Szenen aus dem Klassiker „Apocalypse Now“.
Endgültig ins Traumhafte fällt der Film, wenn seine Handlung dann wieder nach Europa, genauer gesagt in einen Pariser Nachtclub, versetzt wird. Der Fluss der Bilder ist hier ganz dem treibenden Beat der Stücke von Electro-Star und Kompromat-Mitglied Vitalic angepasst. Das Ergebnis ist ein musikalisches Märchen, bei dem die Körper der Kriegsopfer in einem Techno-Tempel zusammenzufinden und ihre Seelen miteinander zu verschmelzen scheinen. Wie unser Chefredakteur in seiner Rezension analysiert, kann man sich hier als Zusehende*r nicht mehr sicher sein, ob dies nun ein hoffnungsvoller oder ein hoffnungsloser Ausblick sein soll. Am besten entscheidet ihr selbst, wenn ihr euch das speziell im letzten Drittel mutige, weil ungewöhnliche Wege gehende Werk anschaut.
Einen der besten Streifen mit Franz Rogowski empfehlen wir euch im folgenden Streaming-Tipp:
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