Dieser fesselnde FSK-18-Film verwischt die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion – soghaftes Meisterwerk jetzt neu im Heimkino
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Dieses Justizdrama klagt in gespenstischen Bildern eine frauenverachtende Gesellschaft an, und ist reich an gewollten sowie tragisch-ungeplanten Parallelen zum Schicksal seiner Hauptdarstellerin: „Die Wahrheit“ kehrt in HD ins Heimkino zurück.

Die Ende 2025 verstorbene Brigitte Bardot hinterließ ein widersprüchliches Vermächtnis: In den 1950ern und 1960ern medial zum tumben Sexsymbol stilisiert, balancierte sie dies wiederholt durch Rollen in anspruchsvollen Filmen aus. Und so sehr sich ihre Darstellung mit verwuschelter Beehive-Frisur, tiefem Ausschnitt und blankem Po bei einem männlichen Heteropublikum anbiederte – mehrmals entschied sie sich für Projekte mit progressiver, feministischer Botschaft (wie diesen Western).

Das Brennglas, das die Klatschpresse auf sie richtete, wurde der Bardot jedoch zu viel, weshalb sie sich aus dem Showgeschäft zurückzog, um politische Botschafterin zu werden. Auf ein Engagement im Tierschutz folgte ab den 1990ern allerdings der Einsatz für den rechtsextremen Front National inklusive rassistischer sowie islamophober Aussagen, für die sie justiziell belangt wurde. Im deutschen Heimkino rückt nun aber die Bardot ihrer Blütezeit ins Rampenlicht, denn am 12. Februar 2026 erhält das mit FSK 18 freigegebene, vielschichtige Gerichtsfilm-Meisterwerk „Die Wahrheit“ eine Neuauflage auf Blu-ray!

Darum geht es in "Die Wahrheit"

Die in den Tag hinein lebende Dominique Marceau (Brigitte Bardot) ist eine ausgezeichnete Verführerin, erhielt jedoch keine konventionelle Ausbildung. Als es sie nach Paris treibt, findet sie dank ihrer ungezwungenen Lebenslust und ihrer Ausstrahlung schnell Anschluss im Kunstmilieu. Sie verliebt sich in den aufstrebenden Musikstudenten Gilbert (Sami Frey), der allerdings ein gänzlich anderes Temperament als Dominique an den Tag legt:

Für ihn geht die Karriere über alles, außerdem ist er die Eifersucht in Person. Es kommt zum bitteren Bruch zwischen den Liebenden und Gilbert wendet sich Dominiques kleinlauter Schwester Annie zu. Dominique versucht, Gilbert zurückzugewinnen, stößt bei ihm aber lediglich auf Ablehnung. Ablehnung, die er bitter bereuen soll. Und Dominique landet in einer Situation, in der ihr gesamtes Leben auf den moralischen Prüfstand gestellt wird...

Bardot in einer ihrer besten Rollen (mit erschütternder Nähe zu ihrem wahren Leben)

Eine Amour Fou, ein Verbrechen und eine Gesellschaft, die sich mit gewetzten Messern auf eine Frau stürzt, die sich nicht in eine vorgefertigte Schublade quetschen lässt: An der Oberfläche geht es in „Die Wahrheit“ um eine Gerichtsverhandlung, in der Schuld oder Unschuld in einem schweren Verbrechen bewiesen werden soll. Doch man muss nur sanft an der Oberfläche kratzen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass es dem meisterlichen „Lohn der Angst“-Regisseur Henri-Georges Clouzot um mehr geht:

Er zeigt den Prozess, wie eine Frau, deren Entscheidungen und Wesenszüge ganz lebensecht voller Widerhaken stecken, an den Erwartungen der Gesellschaft gemessen und dafür belangt wird, weder Unschuldslamm noch Femme fatale zu sein. Das treibt Bardot, die zuvor sowohl in leichtfüßigen als auch in intelligenten Stoffen bevorzugt als Blickfang besetzt wurde, zu einer leidenschaftlichen, komplexen Performance an. Sie lässt Dominique sympathisch, abstoßend, tragisch und bewundernswert-tolldreist dastehen – und das als glaubhaft-schwieriges Ganzes, nicht als Sammelsurium an Charakterbruchstücken.

Vertieft wird die vielschichtige Story über Liebe, toxische Co-Abhängigkeit und Macht(-Missbrauch), die sich Jérôme Geromini, Michèle Perrein, Véra Clouzot, Simone Drieu und Henri-Georges Clouzot ausdachten, durch Parallelen an reale Justizfälle, die im Frankreich der 1950er-Jahre Schlagzeilen schrieben.

Hinzu kommen bewusste Querverweise auf den Mythos Bardot, wie ihn die Klatschpresse heraufbeschworen hat (etwa in Form dessen, wie jede noch so kleine Tat Dominiques auf die moralische Goldwaage gelegt wird), und ebenso durch ungewollte Ähnlichkeiten. Beispielsweise dichteten ihr die Medien so lange Suizidversuche an, bis sie unter diesem emotionalen Ballast zusammenbrach und kurz nach Ende der „Die Wahrheiten“-Dreharbeiten tatsächlich versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Justizstoff mit starkem Film-Noir-Hauch

Hinter diesem dramatischen Metakommentar auf Bardots Image verbirgt sich letztlich die wahre Essenz von „Die Wahrheit“: Das Gerichtsdrama ist eine finster-pointierte Anklage dessen, wie sehr Frauen im Frankreich der späten 1950er-Jahre (und nicht nur dort) unterdrückt wurden. Wenn selbst regelmäßige Kinobesuche als moralischer Affront gewertet werden, reißen über kurz oder lang Geduldsfäden – und statt diese erdrückenden Umstände zu ändern, wird rechtlich an den Frauen, die nicht mehr an sich halten konnten, ein Exempel statuiert...

Filmjuwelen

Wie passend für einen Film, der moralisch komplexe Figuren in den Mittelpunkt einer aufreibenden Anklage einer bigotten Gesellschaft stellt, dass „Die Wahrheit“ Anleihen an den Film noir enthält: Clouzot und sein „Die Teuflischen“-Kameramann Armand Thirard arbeiten mit schneidenden Schatten, weiten, tiefschwarzen Flächen und scharfen Lichtstrahlen – teils gar zu gespenstischem Effekt, etwa wenn Bardot und ihr unförmiges Spiegelbild in einem Schlund aus Nichts verschwinden...

Einen waschechten Film noir stellen wir euch derweil im folgenden Heimkino-Tipp vor – noch dazu einen, der knackige 79 Minuten geht. Perfekt für alle Genre-Neulinge, die sich herantasten wollen!

79 Minuten raue Anspannung: Dieser stylische und provokante Skandalthriller erscheint endlich zum ersten Mal auf Blu-ray

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