Er hat ein 5-Sterne-Meisterwerk gedreht: Regisseur Frederick Wiseman ist tot
Michael Bendix
Michael Bendix
-Redakteur
Schaut pro Jahr mehrere hundert Filme und bricht niemals einen ab. Liebt das Kino in seiner Gesamtheit: von Action bis Musical, von Horror bis Komödie, vom alten Hollywood bis zum jüngsten "Mission: Impossible"-Blockbuster.

Frederick Wiseman ist einer der wichtigsten Regisseure des dokumentarischen Films. Jetzt ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

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Noch im vergangenen Jahr konnte man in der Krimikomödie „Paris Murder Mystery“ (deutscher Kinostart: 16. April 2026) einen seiner seltenen Schauspiel-Auftritte bewundern. Nun ist Filmemacher Frederick Wiseman im Alter von 96 Jahren verstorben.

Wiseman war einer der wichtigsten Protagonisten des Dokumentarfilms. Mit seinem in erster Linie observierenden Direct-Cinema-Stil hat er das nonfiktionale Kino entscheidend modernisiert – und war so wegweisend für mehrere Generationen von dokumentarisch arbeitenden Regisseur*innen nach ihm. In seinen Filmen interessierte er sich vor allem für Institutionen – dafür, wie sie strukturiert und aufgebaut sind und wie Menschen innerhalb dieser Systeme funktionieren. Dabei verzichtete er auf viele typischen Stilmittel, die im Dokumentarfilm bis dahin vorherrschend waren: Es gibt keine einordnende Erzählstimme, keine Interviews, keine das Geschehen emotionalisierende Musik.

Sein Debütfilm war jahrelang verboten

Bereits mit seinem ersten Langfilm – „Titicut Follies“ von 1967 – sorgte Wiseman für Aufsehen: Im Auftrag der staatlichen Behörden blickte er hinter die Mauern einer Anstalt für psychisch erkrankte Straftäter in Massachusetts. Heraus kam dabei allerdings kein Imagefilm, sondern ein erschütterndes Porträt von Entmenschlichung, Vernachlässigung und systemischem Versagen.

Viele Szenen waren so verstörend, dass der Film für Jahrzehnte mit einem Aufführungsverbot belegt wurde – offiziell zum Schutz der Privatsphäre der Insassen. Erst zu Beginn der 1990er-Jahre wurde „Titicut Follies“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Film trug maßgeblich dazu bei, das Bewusstsein für die Missstände in staatlichen Einrichtungen zu schärfen und lieferte so einen wichtigen Impuls für ihre Reformierung.

Titicut Follies
Titicut Follies
1 Std. 24 Min.
Von Frederick Wiseman

Bis zu seinem Tod drehte Wiseman um die 40 weitere Filme, in denen er sich stets neuen Mikrokosmen zuwendete: Er porträtierte das US-Bildungssystem in „High School“ (1968), beobachtete den Alltag im „Central Park“ (1990) oder lieferte – wie in „City Hall“ (2020) – Einblicke in die öffentliche Verwaltung. Dabei wurden seine Werke stetig länger (bis zu viereinhalb Stunden), um eine Entsprechung für den spezifischen Rhythmus sowie die Komplexität der porträtierten Orte, Institutionen und Lebensräume zu finden.

Beispielhaft dafür ist Ex Libris: Die Public Library von New York“ (2017), dem FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen in seiner Kritik sogar die seltene Maximalwertung von fünf Sternen spendierte. „Ein zutiefst faszinierendes und vor allem ein zutiefst menschliches Meisterwerk“ nennt er den Film und resümiert: „Inspirierender können drei Stunden und sieben Minuten Kino nicht sein.“

Ex Libris: Die Public Library von New York
Ex Libris: Die Public Library von New York
Starttermin 24. Oktober 2018 | 3 Std. 18 Min.
Von Frederick Wiseman
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