KI-Boykott gegen Netflix droht zu scheitern – darum sieht es schlecht für die Synchronbranche aus
Björn Becher
Björn Becher
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Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

Solidaritätsbekundungen und Empörung gab es vom Publikum für den Boykott von Teilen der Synchronbranche gegen Netflix. Doch nach mittlerweile ist davon wenig zu spüren und eine Schauspielgewerkschaft stellt sich sogar auf die Seite des Streamers.

Netflix / Webedia GmbH

Anfang des Jahres sorgte es für dicke Schlagzeilen, Empörung und Sorge. Ein Teil der Synchronbranche weigert sich aufgrund neuer KI-Klauseln in den Verträgen seit Januar für Netflix zu arbeiten. Es gab Wut, dass Netflix angeblich professionelle Sprecher*innen durch KI ersetzen will und die Befürchtung, dass es neue Filme und Serien auf Netflix bald ohne deutschen Ton geben wird.

Habt ihr euch gefragt, was aus der Sache geworden ist? Der Boykott läuft noch weiter, ihr merkt davon nur ziemlich wenig. Denn während ein Teil der Branche weiter jede Arbeit für den Streamingdienst verweigert, haben andere kein Problem damit. Doch der Reihe nach. Bevor wir zu den aktuellen Entwicklungen kommen, verweisen wir euch für die ausführlichen Hintergründe auf den folgenden Artikel:

Streit um deutsche Synchronisationen bei Netflix: Der Konflikt geht jetzt in die nächste Runde

Bei Netflix gibt es weiter deutsche Synchros – selbst wenn es andere Stimmen sind

Wie von uns schon früh prognostiziert, war die teilweise geschürte Sorge, dass es künftige Netflix-Neuerscheinungen ohne deutsche Sprache gibt, völlig übertrieben. Netflix machte von Anfang an klar, weiter synchronisieren zu wollen und das durchzuziehen. Der boykottierende Teil der Branche dürfte gehofft haben, dass es einen großen Aufschrei gibt, wenn plötzlich minderwertige Synchros mit neuen Stimmen erscheinen. Doch das ist nicht der Fall.

Genug erfahrene und erprobte Synchronsprecher*innen wollen weiter mit Netflix arbeiten. Von einer minderen Qualität kann also nicht die Rede sein. Und die übrigen Probleme hatten auch keine Auswirkungen. Eine Serie wie „Nuklearer Notfall“ erschien dann zwar erst mal nur im Originalton, die deutsche Synchro wurde aber nachgereicht. Dass bei Titeln wie „Knokke Off: Staffel 3“ oder „Clans: Staffel 2“ plötzlich große Teile der Figuren neue Stimmen im Vergleich zu davor haben, sorgte – womöglich auch angesichts der geringeren Popularität – nicht für große Wellen.

Es mag Netflix in die Karten gespielt haben, dass man keine großen Mega-Stars in Fortsetzungen von Publikumshits umbesetzen musste, aber am Ende scheinen weite Teile des Publikums auch Stimmenumbesetzungen dann doch recht schulterzuckend zu akzeptieren. Schließlich ist man die gewöhnt, gibt es sie auch aus anderen Gründen immer wieder.

Schauspielgewerkschaft BFFS stellt sich gegen Synchro-Streik

Warum viele Synchronsprecher*innen trotz des Boykotts von so vielen Namen in der Branche immer noch mit Netflix arbeiten, kann generell nicht gesagt werden. Bei manchen ist es vielleicht finanzielle Notwendigkeit. Viele dürften die neuen Regeln zur KI-Schulung aber einfach auch nicht ablehnen, sondern akzeptieren. Das macht jetzt eine Stellungnahme des Bundesverbands Schauspiel e. V., kurz BFFS, deutlich. Die größte deutsche Schauspielorganisation stellt sich nämlich überraschend deutlich auf die Seite von Netflix.

In einer während der Arbeit an diesem Artikel veröffentlichten Pressemitteilung stellt man nüchtern fest: „Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Film- und Synchronproduktion ist längst Realität.“ Die Vereinbarung mit Netflix werde daher befürwortet, weil sie einen Rechtsrahmen als Grundlage für eine existenzielle Absicherung der Synchronbranche schaffe. Es gebe damit sogar einen erhöhten Schutz. In der Pressemitteilung werden mehrere berühmte deutsche Stimmen zitiert, welche die vom BFFS getroffene Vereinbarung mit Netflix loben.

Der BFFS stellt sich damit ganz klar gegen den Verband Deutscher Sprecher*innen e.V. VDS, der vor wenigen Wochen noch mitteilte, dass laut einem Juristengutachten zentrale Klauseln des Netflix-Vertrags unwirksam oder sogar rechtswidrig seien. Dem widerspricht der BFFS in seiner Mitteilung nicht nur unter Berufung auf einen eigenen Rechtsexperten und dessen Gutachten. Dazu teilt man sogar aus: Da ist von „einem anderen Verband“ die Rede, der mit dem Rechtsgutachten „verunsicherte Synchronschauspieler*innen aktuell unter Druck setze, ihre Unterschrift unter neue Netflix-Verträge zu verweigern“. Dies führe dazu, dass viele von ihnen umbesetzt werden und damit Gagen verlieren.

Unsere Prognose: Die Boykott-Front wird bröckeln

Bereits vor der BFFS-Mitteilung wollten wir in diesem Artikel die Prognose abgeben, dass es um den Boykott schlecht aussieht. Wir wollen das Geschehen mit jetzt zwei sich gegenüber stehenden Gutachten ganz sicher nicht juristisch bewerten. Auch einer moralischen Wertung enthalten wir uns an dieser Stelle. Es geht nicht darum zu sagen, ob der Streik gerechtfertigt ist und ob es eine gute oder schlechte Idee war, diesen zu starten. Das hier ist einfach nur die nüchterne Feststellung, dass viele Fakten dafür sprechen, dass Netflix am längeren Hebel sitzt.

Der Streamingdienst synchronisiert weiter, Widerstand vom zahlenden Publikum, der wehtun könnte, gibt es nicht. In Kommentaren unter den Boykott-Posts von betroffenen Synchronsprecher*innen gab es zwar viel Solidarität, aber haben wirklich viele Menschen ihr Netflix-Abo gekündigt? Man darf es bezweifeln. Gerade mal gut 12.000 haben es zum Beispiel auf der Seite nicht-nett-flix.de gedroht. Schon dass ist eine Zahl, die Netflix verschmerzen kann. Und dabei ist das ja nur eine Ankündigung, die mit zwei Klicks folgenlos gemacht wird.

Je länger der Streik dauert, desto mehr Sprecher*innen dürften sich gezwungen sehen, doch nachzugeben. Denn sie tragen ein beträchtliches finanzielles Risiko. Hat Netflix „ihre“ Rolle einmal umbesetzt, ist sie wahrscheinlich bei dem Streamingdienst für immer weg. Vielleicht macht es die neue Stimme sogar so gut, dass beim nächsten Mal auch ein anderer Anbieter bei der Synchro-Besetzung für denselben Schauspieler oder dieselbe Schauspielerin nicht die vorherige Version verpflichtet. Vor diesem Hintergrund droht die Zahl der Streikenden kleiner zu werden. Die BFFS-Stellungnahme dürfte das jetzt eher beschleunigen.

Der Boykott mag als lauter Paukenschlag begonnen haben, doch er droht bald, ganz vergessen zu sein. Die in dieser Sache offensichtlich nicht einige deutsche Synchronbranche steht vor einer schwierigen Zukunft.

Normalerweise empfehlen wir zum Abschluss eines Artikels hier direkt den nächsten. Doch es fühlt sich jetzt nicht richtig an, einfach einen Netflix-Streamingtipp zu posten. Daher verweisen wir an dieser Stelle nur darauf, dass es hier bei FILMSTARTS täglich nicht nur die die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen, sondern auch Kritiken, Interviews Streaming- und TV-Tipps, interessante Geschichten über deine Lieblingsfilme und -serien und solche Hintergrundartikel wie diesen gibt. Abonniere FILMSTARTS deswegen gerne hier bei Google Discover, um uns zu unterstützen und künftige Inhalte nicht zu verpassen.

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