Heimkino-Premiere: Vor über 70 Jahren sorgte dieses Historienabenteuer für Aufsehen – heute ist es nahezu unbekannt!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Von der Presse und dem Studio skandalisiert, dann trotz Medienwirbel unter den wirtschaftlichen Erwartungen gelaufen und nunmehr so gut wie vergessen: „Lady Godiva - Die nackte Geisel“ feiert zwei späte Debüts im deutschen Heimkino!

Universal Pictures Home Entertainment / Explosive Media GmbH / Plaion Pictures

Von den 1940ern bis in die 1960er war Maureen O'Hara der wandelnde Traum vieler Filmschaffender, die ihr Publikum mit brillantem Technicolor-Einsatz beeindrucken wollten: Mit strahlend-roten Haaren und funkelnden, grünen Augen war O'Hara wie geschaffen für den komplexen Farbfilmprozess – und obendrein hatte sie eine feurig-charismatische Leinwandpersönlichkeit, dank der sie selbst die größten Platzhirsche darstellerisch in ihre Schranken zu weisen verstand.

Dazu zählte John Wayne, zu dem sie laut Aussagen der Western-Ikone als einzige Frau eine Freundschaft aufbaute. 1955 wollte das Hollywood-Studio Universal Pictures O'Haras Doppelstatus als gefeiertes Schauspieltalent und schillerndes Schönheitsideal ausnutzen und streute in der Presse gezielt Gerüchte, sie hätte eine Schlüsselszene des Historienabenteuers „Lady Godiva - Die nackte Geisel“ komplett nackt gedreht. Universals Taktik ging allerdings nicht auf:

Zwar wurde dieses frei erfundene „Hintergrundwissen“ heiß diskutiert, der Aufruhr resultierte aber nicht in stattliche Ticketverkäufe. Stattdessen lief „Lady Godiva“ unter den wirtschaftlichen Erwartungen – und seither geriet der farbenprächtige Film nahezu in Vergessenheit. In Deutschland sogar noch mehr als in den USA, blieb ihm doch im digitalen Zeitalter bislang eine physische Heimkino-Auswertung verwehrt.

Nun ist Schluss damit: Diese Woche ist „Lady Godiva - Die nackte Geisel“ erstmals in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen!

Darum geht es in "Lady Godiva - Die nackte Geisel"

Das mittelalterliche England: Die Bevölkerung von Coventry leidet unter einer brutalen Steuerpolitik. Um den herrischen Grafen Leofric (George Nader) in Zaum zu halten, lässt sich seine mit dem Volk mitfühlende Ehefrau Lady Godiva (Maureen O'Hara) immer neue Kniffe einfallen.

Letztlich geht die rebellische Adlige eine mutige Wette ein: Wenn sie nackt durch die Stadt reitet, senkt er die Steuern – was Leofric als Akt der Demütigung erachtet, verwandelt Godiva mit Würde und moralischer Überzeugung in einen denkwürdigen Akt des Widerstands und der Selbstverwirklichung...

O'Haras Wunsch wurde erhört, konnte aber nicht befolgt werden

Die vom Studio verbreitete Fehlinformation, sie hätte tatsächlich nackt, allein von strategisch platziertem Haupthaar verhüllt, auf einem Pferd gesessen, verfolgte O'Hara: Sie wurde nicht müde, zu betonen, dass sie einen hautengen Gymnastikanzug getragen hat und Regisseur Arthur Lubin (entgegen des damals üblichen Mangels an Pietät) ihr Respekt zollte, indem er die Sequenz mit reduzierter Crew an einem geschlossenen Set drehte.

Zwar wurde O'Hara von der geflunkerten Promomaßnahme überrumpelt, sonst hatte sie als namhafter Star bemerkenswertes Mitspracherecht: Sie redete dem Studiomanagement die Idee aus, Lex Barker als männlichen Hauptdarsteller zu besetzen, weil sein „Tarzan“-Image zu überwältigend sei.

O'Haras Wunschkandidat Jeff Chandler („Der gebrochene Pfeil“) wurde daraufhin zwar unter Vertrag genommen, jedoch stieg er noch vor Drehbeginn wieder aus, weil er sich überarbeitet fühlte. So bekam George Nader („Dem Satan singt man keine Lieder“) den Zuschlag, an dessen Leistung in diesem Film die Presse jedoch kaum ein gutes Haar ließ.

Ein junger Clint Eastwood stört sich an der Sonne

Deutlich mehr Freude dürfte ein heutiges Publikum am Miniauftritt eines jungen Clint Eastwood haben, der sich als namenloser Mann über die ihn blendende Sonne beschwert, sowie am letzten Drittel, das zwar mit der historischen Vorlage der Geschichte sehr frei umgeht, aber einige zügige, erzählerische Haken schlägt.

Ansonsten müssen sich „Der Gauner von Bagdad“-Regisseur Lubin (der vertraglich zu diesem Film gezwungen wurde und ihn rückblickend als Fehler bezeichnete) und die Drehbuchautoren Harry Ruskin und Oscar Brodney den Vorwurf gefallen lassen, rund 90 relativ schleppend verlaufende Minuten geschaffen zu haben. Dabei finden sich in der kurzen Laufzeit einige nette Passagen, nicht zuletzt dank der engagierten, selbstbewussten Darbietung O'Haras:

Die Schauspielerin in einem 1955 entstandenen Film als politisch vorausschauende Verführerin und Diplomatin in Personalunion zu sehen, die eine Rebellion anfacht, aus ideologischen Gründen in einen Sexstreik tritt und ihren Körper zum Symbol gegen Unterdrückung formt, bleibt allen dramaturgischen Mängeln zum Trotz in Erinnerung. Das hat mit der Klischeevorstellung des US-Kinos der 1950er wenig gemein!

Und unser folgender Heimkino-Tipp sträubt sich noch energischer gegen falsche Vorurteile über besagte Kinoära:

"Einer der besten Filme, die je gemacht wurden": Thriller-Kult mit Starbesetzung erscheint endlich auf Blu-ray

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