Ich habe den ersten komplett KI-generierten Actionfilm gesehen: Müssen wir uns wirklich Sorgen um die Zukunft des Kinos machen?
Christoph Petersen
Christoph Petersen
-Chefredakteur
Schaut 800+ Filme im Jahr – immer auf der Suche nach diesen wahrhaftigen Momenten, in denen man dem Rätsel des Menschseins ein Stück näherkommt.

90 Minuten Fantasy-Action – entstanden in nur zwei Wochen und mit einem Budget von 500.000 Dollar. Ist der ausschließlich mit KI generierte „Hell Grind“ also die Zukunft des Kinos? Wir haben die Chance genutzt, uns selbst ein Bild zu machen …

Der Film ist besser als erwartet. Vor allem aber ist er besser, als es mir lieb ist …

Als Kinopurist würde ich mir wünschen, dass eine Zukunft voller KI-Produktionen noch möglichst lange auf sich warten lässt. Aber dieser Hoffnung wurde nun ein herber Dämpfer verpasst.

Nach der Hälfte der diesjährigen Cannes-Ausgabe habe ich das unerwartete Angebot erhalten, mir in einem inoffiziellen Marktscreening den ersten komplett KI-generierten (aber von Menschen geschriebenen) Actionfilm anzusehen. Meine Neugierde war geweckt – vor allem, weil ich mich selbst rückversichern wollte, dass dabei doch nur totaler Schrott herauskommen kann. Denn das hätte mich erst mal wieder ruhiger schlafen lassen.

Aber Pustekuchen! Man muss die Augen nur leicht zusammenkneifen – und schon geht „Hell Grind“, ein Fantasy-Action-Abenteuer über vier skateboardende ehemalige Waisenkinder, die es mit einer interdimensionalen dämonischen Bedrohung aufnehmen, als Hollywood-Blockbuster der mittleren Preisklasse durch. Die Verantwortlichen selbst sprechen davon, dass „Hell Grind“ als klassische Filmproduktion wohl um die 50 Millionen Dollar verschlungen hätte – und das kommt definitiv hin.

Die Figuren wirken die ganzen 90 Minuten hindurch kohärent – und erreichen zumindest das „schauspielerische“ Niveau, wie man es auch sonst aus beliebiger Fantasy-B-Kost nicht groß anders gewohnt ist. Higgsfield
Die Figuren wirken die ganzen 90 Minuten hindurch kohärent – und erreichen zumindest das „schauspielerische“ Niveau, wie man es auch sonst aus beliebiger Fantasy-B-Kost nicht groß anders gewohnt ist.

Primär ist „Hell Grind“ als Marketingtool für die KI-Videoplattform Higgsfield AI entstanden. Das 15-köpfige kasachische Team aus Regisseuren, Kameraleuten und Cuttern benötigte nur zwei Wochen, um den fertigen Film zu generieren. Wie schnell das offenbar geht, zeigte sich auch am Poster: In der Einladung prangte noch der Schriftzug „80 Minute AI Generated Feature Film“ – vor Ort im Kino gab es zwar dasselbe Plakatmotiv, aber aus den 80 waren hier bereits 90 Minuten geworden.

Die Tools generieren zwar nur 15 bis 30 Sekunden lange Clips, von denen dann im Schnitt auch nur einer von 64 Versuchen zu gebrauchen war, aber die Konsistenz der Charaktere und sonstigen Assets über die eineinhalbstündige Spielfilmlänge hat mich am meisten überrascht. Ich hätte damit gerechnet, dass sich der Stil andauernd ändert und die Figuren permanent leicht anders aussehen. Doch das war definitiv nicht der Fall.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: „Hell Grind“ ist ein mieser Film; ich würde vermutlich 1 von 5 Sternen geben. Aber es ist die Art Grütze, wie wir sie auch sonst oft genug vorgesetzt bekommen. Weil das Endprodukt aus all diesen kurzen Clips besteht, wirken einige Schnitte oder Szeneneinstiege auffällig abrupt – und bei den Rückblenden, die nicht in einer Fantasy-Welt, sondern in einem Kinderheim spielen, herrscht schon ein gewisser Margarine-Werbung-Vibe. Aber hätte man ein Publikum von der Straße reingeholt, wäre es vermutlich mindestens der Hälfte überhaupt nicht aufgefallen.

In den sonnigeren, romantischeren Szenen kommt doch noch der Margarine-Look durch – diese Momente erinnern zumindest noch ein wenig an den KI-Slop, wie wir ihn aus den sozialen Medien kennen (und hassen). Higgsfield
In den sonnigeren, romantischeren Szenen kommt doch noch der Margarine-Look durch – diese Momente erinnern zumindest noch ein wenig an den KI-Slop, wie wir ihn aus den sozialen Medien kennen (und hassen).

Ich sehe hier in Cannes einige der besten Filme des Jahres – die ganz tief hineintauchen in die Frage, was es eigentlich bedeutet, menschlich zu sein. Solche Dramen, bei denen es auf präzise Nuancen ankommt, wird die KI so schnell sicher nicht hinbekommen. Aber dort, wo Film schon jetzt mehr Produkt als Kunst ist, könnte es jetzt ganz schnell gehen. „Hell Grind“ hat 500.000 Dollar gekostet – davon sind 400.000 Dollar direkt in die Rechenpower des KI-Modells geflossen.

Nun gibt es keinen Grund, sich einen Film wie „Hell Grind“ anzusehen: Es würde sich aktuell komisch anfühlen, an der Kinokasse 20 Euro für das Ticket zu einer KI-Schöpfung auszugeben. Aber es gibt auch erschreckend wenige Gründe, sich den Film nicht anzusehen – und damit kommen wir zu einem spannenden Punkt: All die Marken und Lizenzen (Zauberwort: IP), die zwar eine Fangemeinschaft haben, aber bei denen es sich trotzdem nie lohnen würde, 50 bis 100 Millionen Dollar für eine Verfilmung auszugeben, ließen sich jetzt plötzlich monetarisieren.

Ein Fantasy-Buch startet in den Bestseller-Charts durch? Ein Sci-Fi-Comic übertrifft die Erwartungen bei den Verkaufszahlen? Irgendwo im Keller wartet noch ein halb vergessener Film auf ein zeitgemäßes Remake? Mit KI lässt sich in Zukunft innerhalb eines Monats das fertige Werk auf den Markt schmeißen – und die Fanbase bekommt vermutlich sogar genau das, was sie haben will, nämlich eine Adaption möglichst nah an der Vorlage.

Und man darf nicht vergessen: „Hell Grind“ ist der erste Versuch. Mir graut vor dem zehnten …

Wenn euch das Thema tiefer interessiert, die ersten gut 20 Minuten von „Hell Grind“ sind auch auf YouTube zum Anschauen verfügbar:

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