So habt ihr diesen "Harry Potter"-Star noch nie gesehen: Bisher ging dieser Geheimtipp unter – jetzt im Heimkino nachholen!
Teile diesen Artikel

Macht Pause von RomComs und stürzt euch auf eine DomCom: Statt eines Wechselspiels aus zarter Liebe, schmachtendem Herzschmerz und hübschen Späßen bietet „Pillion“ einen strammen Ritt entlang erbarmungsloser Härte und feistem Humor.

Nahezu einer ganzen Generation wurde Harry Melling als Teil eines magischen Kosmos bekannt: In den „Harry Potter“-Filmen spielte der Brite Dudley Dursley, den verzogenen Vetter des Titelhelden. Zwar war er auch in zahlreichen weiteren Projekten zu sehen, doch nie zuvor in einem Film von solch spezieller Tonalität wie „Pillion“:

An der Seite von „Infinity Pool“-Star Alexander Skarsgård brilliert Melling in einer kompromisslosen Sadomaso-Romanze. Das ist reich an kantigem Witz, Momenten körperlicher Annäherung, die die spießigen Gemüter im Publikum zielgenau von den aufgeschlossenen trennt, und einem bemerkenswert-selbstverständlichem Wechselspiel zwischen leidenschaftlicher Demütigung und kreativ ausgelebter Zuneigung. Das dürfte nur einem Bruchteil derjenigen gefallen, die aufgrund der „Harry Potter“-Teile Fan von Melling sind, ist aber dank seiner erzählerischen Konsequenz und feingliedrig-nuancierten Performances einer der besten Filme des bisherigen Jahres. Und seit dieser Woche ist „Pillion“ im Heimkino erhältlich!

Als Bonusmaterial umfassen Blu-ray und DVD* ein fast halbstündiges Interview mit Regisseur/Drehbuchautor Harry Lighton sowie jeweils über 15 Minuten lange Interviews mit den Hauptdarstellern. Wer weder die physische Komponente noch die Extras benötigt, findet „Pillion“ auf diversen Plattformen als VOD – etwa bei Amazon Prime Video*.

Darum geht es in "Pillion"

Colin (Harry Melling) ist schüchtern und führt ein trostloses, eintöniges Leben in der Vorstadt. Tagsüber verteilt er Strafzettel und zieht sich somit den Hass aller erdenklichen Leute auf sich, abends tritt er hin und wieder mit seinem Vater als Teil eines Barbershop-Quartetts auf. Bei einem Auftritt fällt ihm der selbstbewusste, wortkarge und stattlich gebaute Ray (Alexander Skarsgård) ins Auge. Als Colin dem strammen Biker in einen Hinterhof folgt, wird klar, wo dieser Hase langläuft:

Ray steht darauf, seine Gefährten zu unterwerfen. Bei dieser Erkenntnis muss Colin erst einmal schlucken. Doch der Hänfling muss einsehen, dass es ihm gefällt, von diesem Hünen kontrolliert, herumgeschubst und in seinen Entscheidungen eingegrenzt zu werden. Colins Mangel an Erfahrungen und Rays strikter Fokus darauf, sein Leben so zu führen, wie er es bereits entschieden hat, bringen dieser SM-Beziehung jedoch allerhand Startschwierigkeiten ein...

Ein Film, der sich mit Humor und Härte ins Herz kämpft

Gewiss, man braucht einen bestimmten Sinn für Humor – aber wenn man ihn hat, kann man viel und kräftig während „Pillion“ lachen. Denn Regisseur/Drehbuchautor Harry Lighton gönnt sich im Laufe des Aufs und Abs, das Ray und Colin im Zuge ihrer Liaison durchleiden, allerhand beiläufig-zotige Wortspiele, die auf die Dynamik zwischen den ungleichen Männern abzielen. Diese Doppeldeutigkeiten kostet Lighton mit einer verstohlenen Lausbuben-Art aus, ohne je das sprichwörtliche Scheinwerferlicht auf sie zu lenken.

Auch mit Situationskomik wird nicht gespart. Sei es, weil der anfangs so unbefleckte Colin lange braucht, um Rays knurrig vermittelte Regeln und Befehle zu begreifen oder weil der vom stinknormalen Alltag der Vanille-Konformität entrückte Ray nicht versteht (oder verstehen will), weshalb sein Gehabe für Verwirrung sorgt.

So gezielt-unzeremoniell der Dialogwitz in „Pillion“ ist, so sehr zelebriert Lighton diese Situationskomik mit britischer Kauzigkeit: Ein bisschen steif, ein wenig schlacksig. Gegenüber Queer.de verriet der Filmemacher, dass er hinsichtlich des Humors von den kultigen Knetfiguren „Wallace & Gromit“ inspiriert wurde. Nicht, dass „Pillion“ eine deckungsgleiche Zielgruppe anvisieren würde. Schließlich vertraut Lighton darauf, dass sein Publikum wenigstens ein grobes Grundverständnis von SM-Dynamiken mitbringt – klobige (geschweige denn versehentlich Missverständnisse provozierende) Erklärmonologe der Marke „Fifty Shades Of Grey“ gibt es nicht.

Dafür gibt es eine viel bessere Chemie zwischen den zentralen Stars: Wenn Colins Augen bei einer unerwarteten Geste der Sympathie wie einem nächtlichen Hupkonzert aufleuchten oder Rays Grimmigkeit durch ein leichtes Mundwinkelzucken von Frustration zu spielerischer Dominanz schwankt, machen Melling und Skarsgård klar, dass dies ihren Figuren die Welt bedeutet. Umso bedrückender, wenn die wacklige Kommunikation oder einzelne, grundlegende Differenzen zwischen ihnen dieses eigenwillige Glück wieder aufs Spiel setzen...

In „Pillion“ lässt es sich also richtig schön mitfiebern, mitleiden und mitfreuen – und wenn ihr nach dieser Romanze zudem Lust auf filmische Demütigung und Folter frei von Einvernehmlichkeit habt: In unserem folgenden Heimkino-Tipp geht es um ein Meisterwerk des Schlechte-Laune-Kinos!

Er war lange Zeit verboten: Einer der verstörendsten Skandalfilme der Kinogeschichte erscheint erstmals komplett ungekürzt in 4K

*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.

Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren