„Haben die Macher den Trailer neu erfunden?“, fragt in Deutschland sogar DER SPIEGEL anlässlich der ersten Vorschau zu „You Can See Everything“, die gerade für riesiges Aufsehen sorgt. Schließlich werden hier nicht besonders spektakuläre Bilder hintereinandergeschnitten, sondern im Wesentlichen sehen wir zwei Menschen, die sich aus wirklich nächster Nähe anstarren. Dabei geht es um die eigentlich ziemlich einfache Frage, ob Elizabeth Holmes dem Comedian und Filmemacher Nathan Fielder („The Rehearsal“) wirklich die Wahrheit sagt. Doch vor allem ist es ganz unangenehm und verstörend, wie sie mit groß aufgerissenen Augen und ohne Blinzeln ihre Beteuerungen bekräftigen will.
Die Bilder daraus gehen viral. Der Teaser hat allein auf dem offiziellen YouTube-Kanal von Indie-Verleih A24 bereits deutlich über vier Millionen Aufrufe. Doch viel mehr kommen quer durch das Internet dazu. Millionenfach wird der Teaser oder Auszüge daraus in den Sozialen Medien geteilt. Die Vorschau zum Film von Fielder und seinem Co-Regisseur Lance Oppenheim („Primetime“) hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem echten Internet-Phänomen entwickelt. Das liegt auch daran, dass sich viele beim Anschauen fragen, warum sich das Ganze eher wie der Trailer zu einem verstörenden Psychothriller als zu einer Dokumentation anfühlt.
Das ist "You Can See Everything"
„You Can See Everything“ ist eine Dokumentation über Elizabeth Holmes, die einst als Wunderkind des Silicon Valley galt. Mit ihrem Unternehmen Theranos versprach sie nämlich, zahlreiche medizinische Untersuchungen mit nur wenigen Tropfen Blut durchführen zu können. Holmes sammelte enorme Summen bei Investoren ein und wurde zeitweise zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der USA. Doch das Problem: Holmes' vermeintlich revolutionäres System funktionierte nicht wie versprochen und ein Gericht kam zur Überzeugung, dass die Unternehmerin dieser immer wusste. Holmes wurde schließlich wegen Betrugs an Investoren verurteilt und trat 2023 ihre Haftstrafe an.
Genau hier setzt „You Can See Everything“ an. 34 Tage vor ihrem Gefängnisantritt ließ Holmes Fielder, Oppenheim und deren Team Teil ihres Lebens werden, um sie, ihren Partner und die Kinder zu begleiten. Die Filmschaffenden hatten kompletten Zugang zu der verurteilten Täterin, die offenbar hoffte, ihre eigene Sicht auf die Geschichte erzählen und zeigen zu können, dass die Verurteilung und ihre öffentliche Wahrnehmung falsch seien. Sie versucht sogar ein neues Startup hochzuziehen und wieder Investoren zu bekommen.
Bereits als Meisterwerk gefeierte dreijährige Reise "in den Abgrund"
Fielder und Oppenheim arbeiteten drei Jahre lang weitgehend im Geheimen an dem Film, weil sie auch in der Zeit, die Holmes im Gefängnis saß, weiterdrehten. Das fertige Projekt bezeichnen sie selbst als „bewusstseinsverdrehende dreijährige Reise in den Abgrund“, was angesichts des Mitwirkens von Fielder nicht völlig verwundert. Der Kanadier ist für seine ungewöhnlichen Arbeiten bekannt, bei denen gerne Realität, Inszenierung und Manipulation miteinander verschwimmen. Womöglich ist er damit genau der Richtige, um Holmes in den langen Interviews immer wieder auf den Zahn zu füllen.
Beim Telluride Film Festival feierte „You Can See Everything“ jetzt bereits eine Weltpremiere als streng geheime Überraschungsvorführung und begeisterte Kritik und Publikum. Auf der Kritikensammelseite Metacritic steht das Werk bei sensationellen 94 Punkten. Der Durchschnittswert bildet sich zwar nur aus sechs Kritiken, weil es bislang nur diese eine Vorführung gab, doch die sind sich alle einig, wie herausragend das Ergebnis ist. Teilweise wird sogar die Höchstwertung von 100 Punkten gegeben. In den USA kommt „You Can See Everything“ im Oktober 2026 in die US-Kinos. Einen deutschen Kinostart gibt es bislang noch nicht.