Als Fred Zinnemanns „Julia“ bei der 50. Oscarverleihung 1978 ins Rennen ging, galt er als einer der ganz großen Favoriten: Elf Nominierungen, vier davon allein für die Darsteller*innen, von denen Vanessa Redgrave und Jason Robards in ihren jeweiligen Kategorien gewannen. Auch Drehbuchautor Alvin Sargent gewann einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.
Die Vorlage für das außerdem noch mit Jane Fonda („Barbarella“, „Klute“) prominent besetzte Drama lieferte die US-amerikanische Schriftstellerin Lillian Hellman. In ihrem 1973 erschienenen Erinnerungsband „Pentimento“* blickt sie auf Menschen zurück, die ihr Leben geprägt haben. Eines der Kapitel widmete sie ihrer Jugendfreundin Julia – und genau dieses sollte „High Noon“-Regisseur Fred Zinnemann wenige Jahre später als Grundlage für eine berührende gleichnamige Verfilmung über Freundschaft, Erinnerung und politischen Widerstand dienen. Heute Abend um 20.15 Uhr läuft „Julia“ ohne Werbeunterbrechung auf Arte. Alternativ findet ihr den Klassiker als Kauf- oder Leihoption auf Amazon Prime Video:
Eine Freundschaft im Schatten der NS-Zeit
Lillian Hellman (Jane Fonda) und Julia (Vanessa Redgrave) kennen sich seit ihrer Kindheit, doch führen inzwischen sehr unterschiedliche Leben: Während Lillian versucht, sich als Schriftstellerin zu etablieren und mit ihrem Partner und Schriftsteller Dashiell Hammett (Jason Robards) zusammenlebt, zieht es Julia nach Europa.
Dort studiert sie unter anderem in Wien und engagiert sich gegen den aufkommenden Faschismus. Als sie und Lillian sich nach Jahren wiedersehen, hat der Kampf bereits deutliche Spuren hinterlassen. Schließlich wird auch Lillian mit hineingezogen: Julia bringt sie dazu, bei ihrer Durchreise Geld für die Widerstandsbewegung nach Deutschland zu schmuggeln. In Berlin treffen sich die Freundinnen ein letztes Mal, ehe sie sich nie wieder sehen...
Große Schauspielkunst statt großer Gesten
„Julia“ ist kein Film der großen Gesten, wenngleich die Geschichte ihm alle Möglichkeiten gegeben hätte. Zinnemann erzählt kontrolliert, beinahe zurückhaltend, lässt lange Einstellungen, Gespräche und Gesichter wirken – vielleicht sogar etwas zu lange für den heutigen Geschmack. In seinen stärksten Momenten entwickelt der Film aber gerade dadurch auch seine größte Spannung: Wenn Lillian beispielsweise mit dem Geld durch das nationalsozialistische Deutschland reist, braucht Zinnemann weder große Action noch dramatische Zuspitzung – man weiß, was auf dem Spiel steht.
Getragen wird „Julia“ von seinen Darstellerinnen: Jane Fonda gibt Lillian als Beobachterin, die sich an Julia in Fragmenten, Begegnungen und Rückblenden erinnert, während Vanessa Redgrave ihrer Julia trotz vergleichsweise geringer Leindwandzeit eine enorme Präsenz verleiht. Die Erzählform von „Julia“ macht den Begriff „Pentimento“, dem der Titel der Buchvorlage entlehnt ist, dabei spürbar: Übermalte oder korrigierte frühere Linien oder Bildschichten kommen zum Vorschein – so wie Julia in Lilians Erinnerung.
Fast 50 Jahre nach seinem Erscheinen ist „Julia“ sicherlich kein leichter Happen für den schnellen Fernsehabend. Er erfordert Geduld und die Inszenierung entspringt sichtbar einer anderen Zeit. Wer sich darauf einlassen will, wird mit einem bedächtigen und eindringlichen Drama belohnt – und kann dabei zusehen, wie eine der größten Karrieren Hollywoods ihren Anfang nahm. Denn „Julia“ zeigt niemand Geringeren als Meryl Streep in ihrer ersten Filmrolle!
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