Ich habe Filme geliebt, lange bevor ich wusste, wie Filme eigentlich entstehen. Irgendwann fiel mir als Kind ein dicker Bildband über Hollywood in die Hände, der bei uns im Bücherschrank stand. Darin waren Fotos von Dreharbeiten, Modelle, Masken und Kulissen zu sehen. Ich entdeckte, wie Künstler für Filme wie „2001: Odyssee im Weltraum“ oder „Star Wars“ Welten entwarfen und bauten, die mir auf der Leinwand vollkommen selbstverständlich erschienen.
Plötzlich verstand ich: Hinter der Leinwand existiert noch eine zweite Welt. Menschen entwerfen Raumschiffe, bauen Modelle, gestalten Masken, zeichnen Figuren, Räume und Szenen, bevor daraus überhaupt ein Film werden kann. Dieser Bildband war kein kunstwissenschaftliches Werk. Er war einfach groß, schön, anschaulich – man könnte sogar sagen: illustrativ.
An diese Erfahrung musste ich denken, als ich die Kritik von Lance Esplund im Wall Street Journal über das Lucas Museum Of Narrative Art in Los Angeles las. Bevor ich auf ihre Argumente eingehe und erkläre, warum die Besprechung vor allem zeigt, wie hartnäckig ein längst überholter Kunstbegriff noch immer ist, ein paar Worte zu dem neuen Museum von George Lucas.
Dieses feierte seine große Eröffnung am Samstag mit vielen Schauspielstars und Ausnahmeregisseuren wie Steven Spielberg, Christopher Nolan, Greta Gerwig, Peter Jackson, Spike Lee, Guillermo del Toro oder Denis Villeneuve. Ab dem heutigen Dienstag, den 22. September 2026, ist es offiziell für die Öffentlichkeit eröffnet.
Michael Kovac/Getty Images for Lucas Museum Of Narrative Art
George Lucas und seine Frau Mellody Hobson haben eine enorme Sammlung zusammengetragen: Gemälde, Fotografien, Comics, Buchillustrationen, Filmkunst, Storyboards, Concept Art und Objekte aus der Filmgeschichte. Norman Rockwell steht neben Frida Kahlo, Comics neben klassischer Malerei, „Star Wars“-Produktionsdesign neben Werken, die längst zum etablierten Kunstkanon gehören. Und irgendwo hat auch noch Banksy einen Gruß hinterlassen.
Vorwurf an Lucas' Kunstsammlung: "Sie stellen lediglich dar"
Esplund beschreibt den Versuch des Lucas Museum Of Narrative Art, sogenannte „high and low art“ miteinander zu verbinden, ausdrücklich als problematisch. Über Illustration schreibt er, sie sei auf unmittelbaren emotionalen Zugang angelegt. Illustrationen würden letztlich nur darstellen („they merely depict“). Große Kunst dagegen transformiere ihren Gegenstand durch Rhythmus, Spannung und Metapher.
Und spätestens hier beginnt mein Problem mit dieser Kritik. Illustration und große oder „eigentliche“ Kunst derart gegeneinander auszuspielen, überzeugt mich nicht. Seit wann entscheidet die Funktion darüber, ob etwas Kunst ist? Natürlich ist nicht jede Illustration große Kunst. Aber ebensowenig ist es jedes Gemälde, jede Skulptur, jede Installation oder jeder Film. Qualität kann man diskutieren. Man sollte es sogar.
Paul Salveson for Lucas Museum Of Narrative Art
Aber die Tatsache, dass ein Bild illustriert, erklärt, erzählt, unterhält oder ursprünglich für einen kommerziellen Zweck geschaffen wurde, kann kaum ernsthaft über seinen Kunststatus entscheiden. Spätestens die Kunst des 20. Jahrhunderts hat solche Grenzen gründlich zerlegt. Andy Warhol nahm kommerzielle Bildwelten und Massenprodukte und stellte sie ins Zentrum seiner Kunst. Marcel Duchamp machte ein industriell gefertigtes Objekt zum Kunstwerk. Banksy bewegt sich zwischen Illustration, Graffiti, politischem Kommentar, Installation und Performance. Architektur kann gleichzeitig funktional und Kunst sein. Und natürlich würde heute niemand auf die Idee kommen, Leonardos anatomische Studien oder seine Maschinenentwürfe deshalb aus der Kunstgeschichte auszusortieren, weil sie zugleich eine erklärende oder technische Funktion besitzen.
Gerade das von uns so geliebte Kino zeigt besonders deutlich, wie absurd diese Grenze ist. Und hier wird die Unterscheidung vollends schwammig. Was ist etwa ein Concept Artist? Jemand wie Ralph McQuarrie wurde beauftragt, Bilder für einen Film zu schaffen. Seine berühmten Entwürfe für „Star Wars“ hatten eine konkrete Funktion: Sie sollten zum ersten Mal sichtbar machen, wie diese Welt aus George Lucas’ Fantasie aussehen könnte (siehe dazu als Beispiel auch unser Artikelbild).
Sind diese Bilder deshalb „nur Illustration“ oder sind sie Kunst? Für mich ist die Antwort offensichtlich: Sie können beides gleichzeitig sein.
Paul Salveson for Lucas Museum Of Narrative Art
Dasselbe gilt für Storyboards, Produktionsdesign, Kostümentwürfe, Matte Paintings, Modelle und zahllose andere Arbeiten, ohne die unsere Vorstellung vom Kino völlig anders aussehen würde. Filme entstehen eben nicht erst in dem Moment, in dem eine Kamera eingeschaltet wird. Sie entstehen zunächst in den Köpfen und Händen von Menschen, die Bilder schaffen. Genau diese Künstler verschwinden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig hinter Regisseuren und Schauspielern. Dass Lucas ausgerechnet ihnen einen prominenten Platz einräumen will, halte ich deshalb für ausgesprochen relevant.
Milliardärs-Projekt oder echte Institution?
Ein weiterer Vorwurf an das Lucas Museum lautet, dass dort vor allem zu sehen ist, was George Lucas selbst gesammelt hat. Man kann fragen, ob der „Star Wars“-Erfinder als Milliardär zu viel Einfluss darauf bekommt, welche Künstler und Werke durch ein solches Museum kulturell aufgewertet werden. Man kann fragen, ob seine eigene Sammlung und sein Geschmack zu dominant sind. Man kann bezweifeln, ob der Begriff „narrative art“ nicht so weit gefasst ist, dass sehr unterschiedliche Kunstformen unter einem großen Etikett zusammengeführt werden. Auch die Präsentation selbst darf selbstverständlich kritisiert werden.
Natürlich – es ist sein Sammlermuseum. Eine private Sammlung ist keine objektive Enzyklopädie der Kunstgeschichte. Die relevante Frage ist vielmehr, was eine Institution daraus macht. Ein Museum ist kein abgeschlossenes Bücherregal. Es kann wechselnde Ausstellungen organisieren, andere Kuratoren einladen, Filme zeigen, Diskussionen veranstalten, neue Künstler vorstellen und die eigene Sammlung immer wieder in andere Zusammenhänge stellen. Gerade ein Museum, das sich mit narrativer Kunst beschäftigt, könnte dadurch organisch wachsen.
Iwan Baan for Lucas Museum Of Narrative Art
Selbstverständlich sollte man beobachten, wie offen das Lucas Museum tatsächlich dafür ist. Und grundsätzlich sollte man kritisch fragen, wie viel Macht ein extrem wohlhabender Sammler über eine kulturelle Institution ausübt. Dies sind wesentlich interessantere Fragen als die Behauptung, Illustration befinde sich grundsätzlich auf einer niedrigeren Ebene als „echte“ Kunst.
Was ist eigentlich so schlimm an einem "Comic-Con Mecca"?
Besonders aufschlussreich finde ich deshalb eine andere Formulierung Esplunds. Die stark auf „Star Wars“ ausgerichtete Filmabteilung verwandelt das Museum für ihn in eine Art „Comic-Con Mecca“. Das ist offensichtlich nicht als Kompliment gemeint. Aber was wäre daran schlimm, wenn ein Jugendlicher dieses Museum besucht, weil er schlicht „Star Wars“, Manga, Comics oder Fantasy liebt? Vielleicht sieht er dort zum ersten Mal bewusst, was ein Storyboard ist. Vielleicht entdeckt er Produktionsdesign. Vielleicht bleibt er anschließend vor Norman Rockwell stehen. Oder vor Fotografie. Oder vor einem Gemälde, das er in einem klassischen Kunstmuseum niemals gesucht hätte.
Traditionelle Kunstmuseen sprechen noch immer nicht alle Menschen gleichermaßen an. Auf manche wirken sie fremd, elitär oder schlicht langweilig. Ein Museum darf deshalb auch verführen. Es darf spektakulär sein und es darf Spaß machen. Es darf den Einstieg zur Kunst sogar über Yoda ermöglichen. Kulturelle Bildung funktioniert nicht ausschließlich dadurch, dass man erklärt bekommt, welche Werke man kennen sollte. Manchmal beginnt sie schlicht damit, dass ein Mensch etwas sieht und Neugier geweckt wird. Bei mir war es ein Hollywood-Bildband.
Wer darf also entscheiden, was Kunst ist?
Am Ende seiner Kritik wirft Esplund dem Lucas Museum vor, es löse die „essential distinctions“ der Kunst auf – ihre wesentlichen Unterscheidungen. Vielleicht ist genau das der interessanteste Satz des gesamten Artikels. Denn wer bestimmt eigentlich, welche Unterscheidungen „wesentlich“ sind? Museen, Kunsthistoriker, Kritiker, der Markt, Milliardäre? Natürlich sollte ein George Lucas nicht allein darüber entscheiden dürfen, was Kunst ist, nur weil er sich ein riesiges Museum leisten kann. Aber Lance Esplund sollte es ebenfalls nicht. Zur Kunstgeschichte gehören immer wieder Grenzen, die zunächst mit großer Selbstverständlichkeit gezogen und später eingerissen wurden. Fotografie musste um Anerkennung kämpfen, ebenso der Film, Comics und Street Art.
Hufton Crow for Lucas Museum of Narrative Art
Unterschiede sind interessant und wichtig, aber ein Unterschied ist noch keine Hierarchie. Und vielleicht ist genau das die Herausforderung, die George Lucas’ neues Museum der traditionellen Kunstwelt stellt: nicht die Frage, ob alles Kunst ist, sondern die wesentlich unangenehmere Frage, wer eigentlich das Recht hat, festzulegen, was keine sein darf.
Vielleicht ist gerade dieses Beharren auf angeblich „wesentlichen“ Grenzen der Kunst das eigentlich Anachronistische: ein Gatekeeping, das ein bestimmtes, traditionelles Kunstverständnis zum Maßstab für alle anderen erhebt. Das unterschätzt nicht nur Künstler und ihre Arbeit, sondern auch das Publikum – Menschen, die sehr wohl selbst beurteilen können, was sie berührt, herausfordert und für sie Bedeutung entfaltet.