Für seine „Carrie“-Neuauflage hat sich „Spuk in Hill House“-Mastermind Mike Flanagan so einige Freiheiten genommen, um die Geschichte auszuschmücken und viele der Figuren zu vertiefen. Schließlich ist die Romanvorlage aus der Feder von Horror-Papst Stephen King mit ihren um die 200 Seiten so überschaubar, dass eine rund siebenstündige Serie hier noch viel Raum für Erweiterungen hat.
Die Grundpfeiler des Handlungsverlaufs bleiben in der neuen Adaption aber erhalten und so steuert auch in der jüngsten „Carrie“-Adaption alles auf einen verheerenden Abschlussball an der Highschool der Titelfigur zu. Schon bei den Feierlichkeiten, vor allem aber bei den Geschehnissen danach, weicht Flanagan dann aber doch recht stark von dem ab, was Stephen King vor über 50 Jahren in seinem Buch niedergeschrieben hat.
Hier wie dort wird die junge Carrie (in der Serie gespielt von Summer H. Howell) nach einer durch ihre Dauer-Drangsaliererin Chris Hargensen (Alison Thornton) manipulierten Wahl zur Ballkönigin gekrönt – woraufhin Chris und ihr Freund Billy (Arthur Conti) sie auf der Bühne mit einem Eimer Schweineblut überschütten. Das bringt für Carrie nach den vorangegangenen Mobbing-Attacken gegen sie schließlich das Fass zum Überlaufen.
Obwohl das Gesamtergebnis ähnlich ausfällt (Verwüstung und Zerstörung in der Kleinstadt Chamberlain mit zahlreichen Toten), bewegen sich Roman und Adaption hier dann aber schon ein Stück weit auseinander. Und das hat nicht zuletzt damit zu tun, was Flanagan in seiner Serie noch zusätzlich im Hintergrund aufgebaut hat.
Emaline ist keine Einbildung
Denn während Carrie in der Vorlage erst dadurch so richtig durchdreht, dass sie versehentlich den Tod zahlreicher Mitschüler und Mitschülerinnen herbeiführt, macht sie in der Serie direkt kurzen Prozess mit allen, die sich ihr in den Weg stellen. Das ist allerdings auch dem Einfluss ihrer (für die Serie neu erfundenen) vermeintlich imaginären Freundin Emaline (Thalia Dudek) geschuldet, die zeitweise offenbar die Kontrolle über Carries Tun übernimmt – was später durch das Wieder-zu-sich-Kommen und die geschockte Reaktion von Letzterer verdeutlicht wird.
Wie zuvor schon angedeutet wurde und sich letztlich bestätigt, handelt es sich bei Emaline nämlich keineswegs um eine Einbildung von Carrie. Stattdessen haben wir es mit einer ebenfalls über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügenden Teenagerin zu tun, die Carrie mittels Astralprojektion (wie sie etwa auch prominent in Stephen Kings „Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ und der zugehörigen Verfilmung von Mike Flanagan vorkommt) erscheint und sie offenbar ein Stück weit auch steuern kann.
Ist Emaline die Tochter von Judith?
Auch wenn es in der Serie nicht explizit ausbuchstabiert wird, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei Emaline gar um die Tochter der von „Battlestar Galactica“-Star Katee Sackhoff gespielten Judith Brigham handelt, die erstmals in einem Flashback zu Beginn von Folge 7 auftaucht. Dort sehen wir, wie sich die mutmaßliche Emaline als kleines Mädchen im Schlaf in die Gedanken ihrer Mutter projiziert. Diese bekam daraufhin Angst vor ihrer Tochter und versuchte, sie zu töten – wie sie in der Gegenwart bei einem Treffen mit Carries Mutter Margaret (Samantha Sloyan) offenbart.
Und wie es aussieht, ist sie noch immer erpicht darauf, dieses Vorhaben zu vollenden: Beim großen Showdown der Serie wird Emaline nämlich angeschossen. Zwar erfahren wir nicht, wer dahinter steckt, jedoch liegt der Verdacht nahe, dass Judith den Abzug gedrückt hat, da sie bereits mit gezückter Schusswaffe beim Abschlussball anwesend war, wenn auch eigentlich, um Carrie zu töten.
Hier wird auch die größere Mythologie deutlich, die Mike Flanagan rund um die besonderen Fähigkeiten von Carrie aufgebaut hat. In mehreren Prologen der einzelnen Folgen wird darauf verwiesen, dass es in der Weltgeschichte allerlei übernatürlich begabte Frauen gegeben hat. Und bereits zu Beginn von Episode 1 ist davon die Rede, dass es nicht nur Carrie war, die mit ihren Kräften für die Katastrophe in der Highschool gesorgt hat. Das Finale zeigt dann, dass tatsächlich noch zwei telekinetische Frauen zugegen waren, die Carrie wohl vor Judith beschützen und sie womöglich für ihre Gruppierung rekrutieren wollten.
Eine ganze Gruppe von übersinnlich begabten Frauen
Denn wie schlussendlich das Aufgreifen der Rahmenhandlung enthüllt, sind diese in einem wahrscheinlich größeren Zirkel organisiert, der Carrie dann auch nach dem Abschlussball-Massaker aufspüren will. Die hier vermutlich an der Spitze stehende mysteriöse Adelaide (Kate Siegel), die aus dem Off auch schon die Prologe mehrerer Folgen erzählt hat, nutzt den Vorwand des Drehs einer Doku über die Tragödie von Chamberlain, um den wenigen Überlebenden Informationen über den Verbleib der verschwundenen Carrie zu entlocken. Eine große Überraschung für alle Kenner und Kennerinnen von Kings Romanvorlage dabei: Auch Carries Mutter Margaret gehört hier (vorerst) zu den Überlebenden.
Bei King ist es Carrie, die bei Margaret nach der Auseinandersetzung in ihrem Zuhause einen Herzstillstand herbeiführt und sie so tötet. In der Serie sorgt erst Adelaide beim Interview genau dafür. Carrie hingegen hat – ähnlich wie in Brian de Palmas erster Verfilmung des Stoffes aus dem Jahr 1976 – zuvor das Haus über sich und ihrer Mutter zum Einsturz gebracht, wobei es hier zu zwei weiteren unerwarteten Entwicklungen kommt.
Anders als bei Stephen King: Carrie überlebt – kommt jetzt Staffel 2?
Zum einen sehen wir, dass Margaret selbst über ein gewisses Maß an übernatürlichen Fähigkeiten verfügt, als es ihr kurz gelingt, den Schutt des Hauses über sich in der Luft zu halten (in Kings Roman ist indes die Rede davon, dass Carries Großmutter derartige Kräfte hatte und diese oftmals eine Generation überspringen).
Zum anderen überlebt auch Carrie selbst den Mordversuch ihrer Mutter und das Einstürzen ihres Hauses, während sie im Buch den Verletzungen durch einen von Margaret herbeigeführten Messerstich erliegt. In der Serie nimmt sie nun aber gemeinsam mit Emaline Reißaus, die vermutlich ebenfalls mal Teil von Adelaides Zirkel war, sich aber letztlich wohl von ihm abgewandt hat. Sie scheint jedenfalls bestens über ihn und darüber, wozu er in der Lage ist, Bescheid zu wissen, und versorgt Carrie daher erst einmal nur mit den nötigsten Informationen, damit die beiden nicht aufgespürt werden können.
So fahren die zwei jungen Frauen einer ungewissen Zukunft entgegen, die durchaus ein Hintertürchen für eine mögliche zweite Staffel von „Carrie“ offen lässt – auch wenn Staffel 1 eigentlich als abgeschlossene Miniserie konzipiert ist, die bereits die komplette Handlung aus Stephen Kings Vorlage abdeckt. Wahrscheinlich möchte Mike Flanagan am Ende aber auch einfach nur zeigen, dass Carrie überhaupt eine Zukunft vor sich hat, die nach dem Lossagen von ihrem alten Leben und der Akzeptanz ihres wahren Ichs voller Möglichkeiten steckt (Zitat: „Meine Welt!“) und der sie daher optimistisch entgegenblickt.
Flanagan hat derweil bereits mit seinem nächsten vielversprechenden Horror-Projekt zu tun, zu dem pünktlich zum Release von „Carrie“ gerade die ersten Bilder erschienen sind:
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