An den Kinokassen lief es für Mike Flanagan mit der stimmungsvollen „Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleeps Erwachen“ und dem wunderbaren, ebenfalls auf einer Stephen-King-Geschichte basierenden (jedoch nicht im Horror-Genre verorteten) „The Life Of Chuck“ zuletzt nicht wirklich rund. Dennoch ist Flanagan gerade im Gruselmetier eine der aktuell spannendsten Stimmen, wie er nach einigen Low-Budget-Filmproduktionen vor allem mit seinen gefeierten Netflix-Serien bewiesen hat.
Inmitten von weiteren Highlights wie „Der Untergang des Hauses Usher“, „Midnight Mass“ und „Spuk in Bly Manor“ hat der ebenso schaurig-atmosphärische wie emotionale Geister-Horror-Familiendrama-Mix „Spuk in Hill House“ auch einen Platz in der Liste meiner absoluten Lieblingsserien ergattert, in der er die dort vertretenen Horror-Titel gar anführt.
Da lässt es natürlich aufhorchen, dass Flanagan drei Jahre nach „Usher“ nun zum Serienbereich zurückkehrt, wenn auch diesmal bei Streaming-Konkurrent Amazon Prime Video und nicht unter dem Dach von Netflix. Und für dieses Comeback hat er sich nicht irgendeinen Stoff ausgesucht, sondern einen der größten Klassiker seines Lieblingsautors Stephen King, der damit bereits zum vierten Mal eine Vorlage für eines von Flanagans Werken lieferte.
So hat der Filmemacher jetzt aus dem Debütroman des Horror-Papstes die gleichnamige achtteilige Miniserie „Carrie“ gemacht, die ab dem heutigen 7. Oktober 2026 komplett im Prime-Video-Abo gestreamt werden kann. Doch kann die erneute Adaption dem beliebten und zuvor bereits drei Mal für Film und Fernsehen adaptierten Stoff tatsächlich noch etwas hinzufügen?
Darum geht's in "Carrie"
Jahrelang lebte Carrie White (Summer H. Howell) mit ihrer strengreligiösen Helikoptermutter Margaret (Samantha Sloyan) und ihrem Verschwörungstheoretiker-Vater Ralph (Tahmoh Penikett) völlig von der Außenwelt abgeschottet. Doch als Ralph eines Tages einen plötzlichen Unfalltod stirbt, wird man auf Carrie und ihre Mutter aufmerksam.
Das Teenager-Mädchen soll fortan zum ersten Mal in ihrem Leben eine öffentliche Schule besuchen und findet sich dort schließlich in einem völlig ungewohnten Umfeld wieder. Und damit nicht genug: Als sie in der Umkleide der Turnhalle ihre erste Periode bekommt und daraufhin in Panik ausbricht, wird sie von ihren Mitschülerinnen gnadenlos schikaniert – was eine massive (Cyber-)Mobbing-Attacke ins Rollen bringt. Während sich Carrie zunehmend im Stich gelassen fühlt, manifestieren sich in ihr übernatürliche Kräfte, deren Erstarken auf eine verheerende Katastrophe zusteuert ...
Lohnt sich die "Carrie"-Neuauflage?
Auch in „Carrie“ verwurzelt Mike Flanagan den Horror wieder ganz eindeutig in den Figuren, wobei es hier tatsächlich weit weniger gruselig im klassischen Sinne zugeht als bei vielen seiner anderen Arbeiten. Der Schrecken ist hier primär in den Grausamkeiten von Carries jugendlichem Umfeld zu finden. Flanagan stürzt sich ganz und gar in den Coming-of-Age-Aspekt der Geschichte und liefert dabei ein deutlich modernisiertes Porträt der Lebensrealität heutiger Teenager, das bisweilen gar ein wenig wie die (noch) düstere(re) Antwort auf die Videospiel-Reihe „Life Is Strange“ anmutet, ständige Indie-Pop-Untermalung und verspieltes Kräfte-Training auf dem Schrottplatz inklusive.
Die neue „Carrie“-Adaption schlägt damit in vielerlei Hinsicht in eine ganz ähnliche Kerbe wie die vielgescholtene Kino-Neuverfilmung mit „Kick-Ass“-Star Chloë Grace Moretz aus dem Jahr 2013, die tatsächlich ja auch nur so „kurz“ zurückliegt, dass die Drangsalierung der Titelfigur dort ebenfalls schon zeitgemäß auf das Internet ausgeweitet wurde. Doch Flanagan dreht das hier 13 Jahre später noch ein ordentliches Stück weiter und geht das Ganze allein schon durch das umfangreichere Serien-Format auch weitaus versierter, tiefschürfender und glaubhafter an.
Er nimmt sich (manchmal etwas zu) viel Zeit, um nicht nur Carrie selbst auszustaffieren (Darstellerin Summer H. Lowell ist hier eine echte Entdeckung!), sondern auch die Riege an wichtigeren Nebenfiguren zu weit mehr als nur stereotypen Bullys zu machen. Schließlich bieten die knapp sieben Stunden Gesamtlaufzeit jede Menge Raum, um die überschaubare Vorlage rund um deren beibehaltene Story-Stützpfeiler ordentlich auszuschmücken – wobei Flanagan in Sachen Mythologie um die übermenschlichen Fähigkeiten gerade beim Ende (das eingefleischte „Carrie“-Fans spalten dürfte) vielleicht ein wenig übers Ziel hinausschießt und damit bisweilen gar die Betrachtungen zum Außenseiterdasein etwas verwässert.
Die psychologische Ausdifferenzierung der Charaktere geht indes in den meisten Fällen gut auf und setzt gerade auch im so essentiellen Verhältnis zwischen Carrie und ihrer Mutter einige frische Akzente. Zwar wird deren Fanatismus trotz all ihrer verstrahlten Überzeugungen eine Stufe zurückgefahren (nicht nur im Vergleich zu den vorherigen „Carrie“-Versionen, sondern etwa auch zur nicht unähnlich gelagerten Rolle von Samantha Sloyan in Mike Flanagans „Midnight Mass“), was Margaret etwas von ihrer Bedrohung nimmt und auch Carries Ohnmachtsgefühl im Elternhaus nicht so stark hervortreten lässt. Dass inmitten der mehr als fragwürdigen Ansichten und Methoden der manipulativen Intrigantin ihre mütterliche Liebe für Carrie stärker in den Vordergrund gerückt wird, macht den Umgang der beiden miteinander allerdings oftmals noch spannender und unberechenbarer, die Entwicklung ihrer Beziehung noch eine Spur tragischer.
Trotz aller Abgründe und so mancher blutiger Einlage zielt die neue „Carrie“-Adaption dabei aber eher auf ein Zielpublikum im Alter ihrer jungen Protagonisten und Protagonistinnen ab, das im besten Fall noch nicht mit Carrie in Stephen Kings Roman oder einer der vorherigen Verfilmungen mitgelitten hat. Denn trotz der noch stärker eskalierenden Cyber-Mobbing-Thematik und vieler Ergänzungen hat Flanagans Version im Kern nicht viel Neues zu erzählen.
Seine „Carrie“ ist damit weniger „Spuk in Hill House“, sondern kommt eher dem Geist seiner Teenager-Serie „Gänsehaut um Mitternacht“ näher: kein ganz großes Highlight in Flanagans Vita, aber eine ebenfalls runde, toll gespielte und dadurch letzten Endes durchaus gelungene Adaption mit einem aufrichtigen Gespür für die Not und die Ängste Heranwachsender.
Nach „Carrie“ plant Mike Flanagan übrigens bereits die nächste Adaption eines ganz zentralen Stephen-King-Werks. Infos zum neuesten Stand des Mammut-Vorhabens bekommt ihr im folgenden Artikel:
Neue Hoffnung für Stephen Kings größtes Fantasy-Epos: Horror-Meister offenbart überraschende Idee bei Amazon Prime Video*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.