Heute Abend zum ersten Mal im TV: Dieser ebenso soghafte wie betörende Geheimtipp ist die abstrakte Antwort auf Indiana Jones!
von Sidney Schering
Teile diesen Artikel

Mit „La Chimera – Die Grabräuber“ schuf Arthouse-Regiegröße Alice Rohrwacher einen abstrakten Gegenentwurf zu Indiana Jones. Heute feiert das tragikomische Abenteuer voller magischem Realismus seine deutsche TV-Premiere.

Ein charismatischer, etwas ungehobelter Archäologe und Abenteurer, der abseits seiner Heimat nach verborgenen Schätzen sucht und dabei von einer Aura des Übernatürlichen verfolgt wird – das muss doch Indiana Jones sein? Nicht unbedingt: 2023 feierte mit „La Chimera – Die Grabräuber“ eine Abenteuer-Tragikomödie Weltpremiere, in der romantische Sehnsucht, magischer Realismus und ein melancholisch vermittelter, symbolträchtiger Widerhall zwischen dem Heute und der Vergangenheit zusammenfinden.

Nicht zuletzt, weil es darin um einen charismatisch-schroffen Archäologen und Abenteurer geht, drängen sich da Vergleiche zu einer berühmten Blockbuster-Reihe auf: FILMSTARTS-Autor Michael Meyns beispielsweise bezeichnete „La Chimera“ als die „abstrakte Arthouse-Antwort auf Indiana Jones“. Nun bahnt sich diese impressionistische, traumhaft-schön gefilmte und zugleich kummervolle Verneigung der Regisseurin Alice Rohrwacher vor ihrer Heimat Etrurien den Weg ins Fernsehen:

Heute, am 4. November 2026, feiert „La Chimera“ um 22.50 Uhr bei arte seine deutsche TV-Premiere. Außerdem ist der Film unter anderem via Amazon Prime Video als VOD verfügbar:

Darum geht es in "La Chimera"

Die Toskana in den 1980ern: Der Archäologe Arthur (Josh O’Connor) wurde aus dem Gefängnis entlassen und kehrt nun in einen kleinen Ort zurück, mit dem ihn viele Erinnerungen verbinden. Er trifft dort auf eine Gruppe alter Bekannter, die nachts Gräber ausrauben, um etruskische Schätze aufzustöbern und auf dem Schwarzmarkt zu verschachern. Arthur, der mit einer Wünschelrute vergessene Gräber aufspüren kann, schließt sich ihnen an.

Dabei strebt er nicht nach Reichtum, sondern nach Möglichkeiten, sich wieder Beniamina, seiner verstorbenen Geliebten, nahe zu fühlen. Zuflucht findet Arthur bei Beniaminas Mutter Flora (Carol Duarte), unterdessen beschert ihm eine Zufallsbekanntschaft Geborgenheit: Die junge Italia (Isabella Rossellini), eine Gesangsschülerin, die bei Flora zähneknirschend als Haushälterin arbeitet. Als Arthur und Konsorten einen außergewöhnlichen Fund machen, drängen sich dem Briten existenzielle Fragen auf...

Grabräuberei zwischen Raff- und Neugier

Regisseurin/Autorin Rohrwacher lässt in „La Chimera“ Eindrücke aus ihrer Kindheit neu aufleben. Denn in den 1980ern und 1990ern gehörte es in ihrer Heimat praktisch zur Tagesordnung, dass sogenannte „tombaroli“ etruskische Fundstätten plünderten. In ihrer tonal komplexen, traumartigen Tragikomödie wählt sie einen ausdifferenzierten Blick auf diese Menschen: Sie wehrt sich gegen eine Heroisierung, wie sie das Schatzsuchen und die Grabräuberei jahrzehntelang im Popcorn-Abenteuerkino erfahren haben.

Doch Rohrwacher lässt das Pendel nicht ins andere Extrem schwingen, um mit erhobenem Zeigefinger moralinsaure Lektionen herunterzurasseln. Viel mehr findet sie einen faszinierenden, das Publikum fordernden Mittelweg: Die chaotische, fast anarchische Truppe, der sich ihr tragischer Held Arthur anschließt, ist das wirre, menschgewordene Aufeinanderprallen aus Freigeistigkeit, historischer Wissbegierde, Respektlosigkeit und Raffgier. Es ist bewegend, wie diese eigenwilligen Leute Gesellschaft finden, Orten ihre Aufmerksamkeit schenken, die die meisten ignorieren, und dem Vergessen entgegenwirken. Aber es ist schmerzlich, zu sehen, wenn sie jegliche Pietät fallen lassen, an den reinen Profit denken und Andenken mit Füßen treten.

Josh O'Connor so magnetisch wie nie

Dabei sind die von Staub bedeckten Niemande, die sich ihren kläglichen Lebensunterhalt verdienen, indem sie im Dreck wühlen, in Rohrwachers Abenteuermär harmlos, vergleicht man sie mit Schwerreichen, die Artefakte an sich reißen wollen, obwohl sie weder emotional an ihnen hängen noch sie zum Überleben brauchen. Und Arthur? Der ist in „La Chimera“ ein schwieriger, aber sich letztlich Empathie verdienender Held, der mit zerknautschtem Gesichtsausdruck einen Weg sucht, erlebte Tragödien endlich hinter sich zu lassen und wieder durch und durch Geborgenheit zu empfinden.

„Challengers“-Star O'Connor gibt in diesem Part seine bislang soghafteste, bewegendste Performance ab. Seine intensive Mimik und zögerliche Körpersprache treffen auf ein emotional bewusst fahriges Skript sowie eine Widersprüchlichkeit auskostende Inszenierung. Dadurch wird Arthur quasi zu einem Gespinst, das getrieben, wenngleich widerspenstig durch diese Filmwelt irrt, der „Pina“-Kamerafrau Hélène Louvart mit ausgeblichenen, grobkörnigen Bildern eine konkrete Haptik und zugleich eine unwirkliche Ästhetik verleiht:

Dieser Arthouse-Indy weiß, was er will, ist sich aber unsicher, wo er es findet und ob es ihm zusteht. Ohne zu viel zu verraten – am Ende von „La Chimera“ darf geseufzt werden. Ob erleichtert, freudig oder geknirscht, das findet ihr schon noch heraus!

Und wenn ihr danach wieder ein Abenteuer mit Popcornkino-Attitüde sehen möchtet, folgt doch diesem Streaming-Tipp:

Episches Fantasy-Abenteuer heute streamen: Einer der erfolgreichsten Blockbuster des Jahres 2024!

*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.

Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren