Eindringliches Kino über die Bedeutsamkeit von Gewerkschaften ist zwar wichtig, aber leider auch schwer zu verkaufen. Vielleicht gibt es deshalb mehrere prominent besetzte Filme, die in diese Kerbe schlagen und sich vom kostspieligen Flop zum später wiederentdeckten, gefeierten Klassiker gemausert haben. Die Disney-Produktion „Newsies – Die Zeitungsjungen“ aus dem Jahr 1992 etwa, die den 1899 erfolgten Streik der New Yorker Zeitungsjungen als Musical mit Christian Bale und Bill Pullman verewigt.
Fünf Jahre vor dem mittlerweile als Kult-Kleinod zelebrierten Disney-Kassenflop thematisierte wiederum die Independent-Produktion „Matewan“ einen 1920 erfolgten Minenarbeiter-Streik, der mit einem blutigen Massaker vergolten wurde. Das lange von der US-Geschichtsschreibung ignorierte Kapitel in der Geschichte der US-Arbeiterbewegung wird im wuchtigen, aufrüttelnden Historiendrama mit intensiven Western-Anleihen in Szene gesetzt.
Das verleiht dem Stoff nicht bloß Style, sondern unterstreicht die Botschaft zugleich unterschwellig und nachdrücklich: Dort, wo die Arbeitenden nicht ausreichend geschützt werden, befindet man sich gefährlich nah am Wilden Westen. An den Kinokassen war „Matewan“ zwar ein Fehlschlag, nicht zuletzt dank seiner prominenten Besetzung und der für einen Oscar nominierten, an raue Western erinnernden Kameraarbeit fand er später aber trotzdem sein Publikum. Jetzt geht das auch in neuer Qualität, denn diese Woche ist „Matewan“ erstmals in Deutschland auf Blu-ray erschienen:
Darum geht es in "Matewan"
Matewan in West Virginia, anno 1920: Die Region ist vom Kohlebergbau geprägt und von der übermächtigen Stone Mountain Coal Company gebeutelt. Die schwer für sie schuftenden Bergleute werden ohnehin schon mit einem kargen Lohn abgespeist, doch nun will das Unternehmen seine Profite noch weiter maximieren und senkt die Gehälter deshalb noch weiter.
Der neu im Ort angelangte Pazifist und Gewerkschafter Joe Kenehan (Chris Cooper) will daher die Arbeiterschaft organisieren, doch die Firma heuert Streikbrecher aus anderen Orten an, woraufhin es zu physischen Auseinandersetzungen zwischen den Seiten kommt. Kenehan versucht, zu vermitteln und die tief verwurzelten, rassistischen Vorurteile im Ort abzubauen, die die Lage weiter eskalieren lassen.
Kenehan findet Gehör und kann den wütenden Arbeitern zusammen mit „Few Clothes“ Johnson (James Earl Jones) und Fausto (Joe Grifasi) erläutern, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, der die Mittel in der Hand hält. Die Gewerkschaft wächst, endlich scheint sich die Macht fair zu verschieben – doch die Stone Mountain Coal Company hat noch fiese Tricks in der Hinterhand ...
Ein Gewerkschafts-Western in den Bergen
Empire Online wählte „Matewan“ 2011 zu einem der 50 besten US-Independent-Filme der Geschichte, zwölf Jahre später wurde er ins United States National Film Registry – das Filme sammelt, die aufgrund ihrer historischen, kulturellen oder ästhetischen Bedeutsamkeit erhalten bleiben müssen – aufgenommen, . Und die kanadische Band Godspeed You! Black Emperor griff in gleich zwei ihrer Songs die Musik aus „Matewan“ auf.
Solch ein kultureller Nachhall schien 1987 für den Historienfilm schwer denkbar, wurde er doch trotz positiver Kritiken vom Publikum weitestgehend ignoriert – bei einem Budget von drei bis vier Millionen Dollar sprangen an den US-Kassen Einnahmen von unter zwei Millionen Dollar heraus. Dabei tat der auch für „Lone Star“ bekannte Regisseur/Autor John Sayles allerhand, um den Geschichtsstoff fesselnd zu gestalten.
So orientierte er sich, wie er Jahre später in einem Making-of für die Criterion Collection erklären sollte, bewusst an der Dramaturgie klassischer, konstant eskalierender Revolverhelden-Western, in denen sich eine geschlossene Gemeinde und ein hilfreicher Fremder gegen mächtige Feinde wehren. Beeindruckend ist auch, wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“-Kameramann Haskell Wexler aus der Bergregion West Virginias eine warm-staubige Welt formt, die trotz präsenter Grün-Farbtupfer an angespannte, kurz vor dem blutigen Knall stehende Wüstenstädtchen aus dem Western-Kino erinnert.
Vollendet werden die Western-Assoziationen durch die kernige, Ruhe ausstrahlende Performance von „L.A. Confidential“-Mime David Strathairn als integrer Sheriff Sid Hatfield – aber auch der hier mit Herzblut sein Debüt als Schauspieler feiernde Chris Cooper und ein Wärme ausstrahlender James Earl Jones bereichern den Film ungemein mit ihrer Präsenz.
Einen weiteren, eindrucksvoll gespielten und visuell beeindruckenden Film nach wahren Ereignissen stellen wir euch übrigens im folgenden Beitrag vor:
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