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    Interview mit Doris Dörrie

    AlloCiné traf die sympathische Regisseurin im Rahmen der diesjährigen Berlinale, wo ihr letzter Film "Kirschblüten - Hanami" auch im Wettbewerb lief. Doris Dörrie sprach über Klischees, Japan und Vergänglichkeit, ohne einen Moment lang ihre Sonnenbrille abzunehmen. Letzten Donnerstag startete ihr Film nun in den deutschen Kinos.

    ...über Trudi: Die war einmal ganz anders drauf. Sie wollte Tänzerin werden und hat es offensichtlich wohl auch gemacht, man sieht es ja in dem Daumenkino. So wie viele junge Frauen Ende der 70er Jahre hier in Berlin. Irgendwann muss man dann überlegen ob man ehrgeizig genug ist, ob man gut genug ist und ob man auf Rudi, Kinder und Allgäu verzichten möchte. Das ist halt dann schwierig für Frauen den eigenen Traum weiter zu verfolgen. Für Trudi war es vor allem schwierig da sie aus einer anderen Generation kommt. Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie so als bayrisches Mädchen vom Land hier in Berlin war und alles Mögliche gemacht hat, eben auch Butoh. Und was es dann auch für eine Anstrengung gewesen sein muss für junge Frauen wenn man von so weit weg geht und sich dann komplett dafür entscheidet, so etwas zu machen. Mit natürlich auch der Aussicht nach langem Misserfolg. Es ist ja immer auch eine Entscheidung dass man sagt, egal ob man damit danach Erfolg hat, ich muss das machen. Und wenn man sich dann verliebt und der Mann sagt: Muss das sein ?! Komm, ich habe von meinen Eltern ein Bauernhaus gekriegt im Allgäu. Ich weiß nicht wie man sich dann entscheidet. Aber Trudi hat sich eben für Rudi, Kinder und Allgäu entschieden.

    ...über die Butoh-Tänzerin : Ich habe ein Tanzcasting gemacht, denn ich wusste, dass ich eine Tänzerin casten muss und nicht eine Schauspielerin. Denn bis aus einer Schauspielerin eine Butoh-Tänzerin wird, das ist unmöglich, das kann man nicht so schnell lernen. Und andersrum habe ich eben gehofft eine gute Schauspielerin zwischen den Butoh-Tänzerinnen zu finden. Aya hat mich mit ihrem Tanz überzeugt aber auch mit ihrer offenen, direkten und unverstellten Art.

    ...Klischees: Klischees sind wenn man etwas filmisch wie eine Totale festhält. Also wenn man in Deutschland etwas anguckt und nur die Lederhosen und das Bier sieht. Oder in Österreich nur die Mehlspeisen. Oder in Japan nur den Fuji und die Kirschblüte. Dann ist es natürlich der Witz dass man immer näher herankommt, immer genauer wird um immer genauer schaut. Dann kann man sich die österreichischen Palatschinken immer genauer anschauen und wird sich, wenn man es sich wirklich sehr genau, mit großer Präzision anschaut, das Klischee auflösen und etwas ganz anderes erzählen. Dann entsteht ein ganz anderer Kosmos.

    ...über Japan: Wie man in dem Film sieht ist der Fuji sehr zickig, deshalb hab ich ihn auch nie gesehen, es gab immer Wolken. Aber ich habe auch nie gezielt versucht, ihn zu sehen. Also ich bin nie gezielt hingefahren um zu warten, was ich ja jetzt für den Film gemacht habe. Und bei Hanami ist es das Selbe, also diese Kirschblüte ist so fragil und so extravagant in ihrem Timing, sie blüht nicht pünktlich auf. Sie ist nur drei Tage hier, oder manchmal nur 24 Stunden. Das habe ich nun auch für den Film gezielt gemacht. Die Hanami-Partys finden auch schon statt wenn die Kirschblüten noch gar nicht da sind, weil sie alle darauf warten. "Hanami" bedeutet ja Die Kirschblüte betrachten. Also wenn man unter dem Baum sitzt und schaut. Ich habe Japan als Ort für den Film ausgewählt wegen der Kirschblüte. Denn sie ist die perfekte Metapher für Vergänglichkeit. Und der Butoh-Tanz kommt aus Japan.

    ...über Vergänglichkeit und Tod: Man soll sich selbst in dem was man wirklich ist, zum Blühen bringen. Also dass man gar nicht so sparsam ist, so schüchtern und sich selbst verschiebt. Es geht nicht um eine biologische Blütezeit sondern darum, sich selbst in seinem eigenen Potential zum Blühen zu bringen. Dass Trudi so überraschend stirbt hängt damit zusammen dass wir immer denken wir können unser Leben planen und dass etwas das so zwangsmäßig angelegt ist - der eine ist schwer krank und wird dann auch automatisch der sein der zuerst stirbt - das muss dann ganz und gar nicht sein weil sich dann unser Leben ja doch sehr überraschend ändern kann. Der Tod kann tatsächlich zu jedem Zeitpunkt eintreten, nur tun wir so als wäre dies ganz und gar nicht so. Wenn wir uns dessen jedoch ständig bewusst wären dann würden wir glaube ich schon sehr viel stärker versuchen jeden Augenblick zu einem besonderen und schönen zu machen. So vertrösten wir uns eigentlich immer auf den nächsten und den nächsten: Übermorgen fahre ich mit meiner Frau in die Ferien und überübermorgen bin ich dann auch netter zu meinem Mann. Deshalb sagt Rudi auch in dem Film, da muss ich immer lachen an dieser Stelle: Wenn ich gewusst hätte, dass das so schnell endet, dann wäre ich netter zu ihr gewesen. Ich versuche, dies ständig vor Augen zu haben, aber vergesse es auch dauernd. Und streite mich mit meinem Kind, streite mich unnötig und mache mir unnötig Gedanken und Sorgen. Also ich vergesse es auch oft.

    Das Interview wurde von Barbara Fuchs im Rahmen eines runden Tischs am 12. Februar in Berlin geführt.

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