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    Die FILMSTARTS-Meinung zu #OscarsSoWhite: Unbedingt nötige Kritik oder übertriebene politische Korrektheit?
    Von Christoph Petersen — 18.01.2016 um 13:03

    Seit diesem Wochenende wird ein Boykott der Oscarverleihung gefordert, weil nicht genügend (beziehungsweise gar keine) Nicht-Weißen nominiert sind. Aber ist die Kritik gerechtfertigt?

    Der Hashtag #OscarsSoWhite wurde nach den Nominierungen für die Oscars 2015 geboren – den ersten Oscars seit 1998 (!), bei denen weder ein schwarzer noch ein asiatischer Schauspieler zumindest nominiert wurde.

    Dazu kam, dass das Martin-Luther-King-Biopic „Selma“ zwar als Bester Film, aber Ava DuVernay nicht als Beste Regisseurin nominiert wurde.

    Sofort bildeten sich zwei Lager: Die einen riefen zum Boykott der Veranstaltung auf, die anderen konterten mit dem Argument, dass man doch niemanden nominieren sollte, „nur weil er schwarz sei“.

    Nun klingt letzteres Argument im ersten Moment sicherlich logisch: Schließlich würden Quoten – egal ob auf dem Papier oder in den Köpfen der Wähler – den Preis erst einmal abwerten. Das ist dasselbe wie bei der Frauenquote für Spitzenpositionen, bei der es dann sofort heißt: „Sie hat den Job ja NUR bekommen, weil…

    Und auch wir haben mit uns gerungen: „Selma“ ist ein gut gemachtes, aber auch recht konventionelles Biopic - ist eine Nominierung als Bester Film da nicht mehr als genug? (Wobei wir David Oyelowo definitiv als Bester Hauptdarsteller nominiert hätten!)

    Aber spätestens nach den Nominierungen in diesem Jahr ist für uns klar, dass das Argument nicht mehr als eine billige Ausrede ist, um sich bloß nicht mehr als nötig anstrengen zu müssen…

    Dass der intensive „Beasts Of No Nation“ nicht als Bester Film nominiert wurde? Geschenkt. Das könnte auch mit Bedenken wegen des Netflix-Releases zu tun haben. Aber dass nicht einmal Idris Elba als Bester Nebendarsteller nominiert wurde, obwohl er sonst bei praktisch allen Preisverleihungen vorne mit dabei war, fällt da schon schwerer zu schlucken.

    Regelrecht perfide wird es aber bei zwei weiteren „schwarzen“ Filmen – die wurden nämlich von den Oscarwählern durchaus bedacht, allerdings wurden jeweils nur die einzigen Weißen unter den Beteiligten nominiert:

    Der schwarze Regisseur und Autor Ryan Coogler belebt eigenhändig ein totgeglaubtes Franchise wieder – und macht aus „Creed – Rocky’s Legacy“ entgegen aller Erwartungen auch noch einen richtig geilen Film! Dazu rockt sein Hauptdarsteller Michael B. Jordan mit einer der besten Boxer-Performances seit Jahrzehnten!

    Das Ergebnis: Nur Sylvester Stallone wird als Bester Nebendarsteller nominiert! Das ist sicherlich nicht unverdient, aber schauspielerisch kann Stallone seinem jungen Leinwandpartner natürlich nicht das Wasser reichen. Bestimmt keine Absicht, aber passend: In seiner Dankesrede bei den Golden Globes dankt Sly Gott und der Welt, aber an seinen Co-Star und seinen Regisseur denkt er erst in der Werbepause.

    Fast noch unverständlicher: „Straight Outta Compton“ ist ein sehr erfolgreiches, von den Kritikern gelobtes klassisches Musik-Biopic (mit nicht so klassischer Musik), wie es die Oscarwähler eigentlich lieben sollten (siehe „Walk The Line“ & Co.).

    Aber: Die Produzenten sind schwarz, der Regisseur ist schwarz, die Hauptdarsteller sind schwarz! Und wer wird nominiert: NUR die weißen Drehbuchautoren.

    Dass #OscarsSoWhite in diesem Jahr direkt nach der Verkündung der Nominierung wieder auf Twitter trendete, ist deshalb nur zu gut verständlich. Und wenn Jada Pinkett Smith und viele ihrer Kollegen die Verleihung aus diesem Grund nun boykottieren wollen, dann halten wir das für eine gute Sache!

    Denn die alten weißen Männer der Academy werden das überwiegend (also anders als vor 60 Jahren) gar nicht unbedingt mit Absicht machen. Sie sind bloß einfach zu faul und in ihren (rückständigen) Ansichten zu festgefahren, um noch über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen (was ja neben Filmen mit oder über Nicht-Weiße auch für bestimmte Genres gilt).

    Deshalb ist jeder (mediale) Arschtritt gut, der die Wähler dazu bringt, Film und Kino in ALL seinen Facetten wahrzunehmen. Und wenn ein paar Engstirnige dann meinen, X oder Y hätte den Preis ja nur wegen seiner Hautfarbe gewonnen, dann ist das ein kleiner Preis, den man dafür zahlen müsste.

    Einige Internet-User haben sich übrigens die Mühe gemacht und auch mal in den Nebenkategorien nach nicht-weißen Nominierten gestöbert – und haben schließlich sogar einen schwarzen Hauptdarsteller gefunden, der immerhin in der Kategorie Bester Animationsfilm nominiert wurde:


    Und wer jetzt auf die Idee kommt, den schwarzen Peter allein den rückständigen Amis zuzuschieben, den laden wir herzlich dazu ein, sich die angsterfüllten Kommentare männlicher deutscher Besitzstandsdenker unter so ziemlich allen Artikeln zum „Ghostbusters“-Reboot hier auf FILMSTARTS durchzulesen. Die klingen auch oft genug wie kleine Jungen, die ständig nur rumheulen: „Das ist aber meins, meins, meins… und die doofen Mädchen sollen doch bitte weiter mit ihren Puppen ihrem ‚Sex And The City‘ spielen!“

    Aber bei dem ganzen Geschimpfe gibt es auch einen Lichtblick. Die Oscarverleihung moderiert in diesem Jahr zum zweiten Mal Chris Rock. Und was da auf die Oscarwähler an sarkastischen Sprüchen zukommen wird, hat der Komiker schon mal in einem Tweet als Reaktion auf die Nominierungen angedeutet:



    Vielleicht sollte man die Oscars also doch nicht boykottieren. Es könnte schön böse und sehr lustig werden.

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