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    Regisseur Drew Pearce über "Hotel Artemis": Mehr "Drive" als "John Wick"

    Obwohl den Trailer zu „Hotel Artemis“ viele Zuschauer mit „John Wick“ in Verbindung brachten, ist der Film doch ganz anders und beleibe kein Imitat. Regisseur und Autor Drew Pearce („Iron Man 3“) verrät uns, wie er mit den Erwartungen umgeht.

    Concorde Filmverleih

    Für Drew Pearces Regiedebüt „Hotel Artemis“ meldete sich sogar Oscarpreisträgerin Jodie Foster („Das Schweigen der Lämmer“) zurück aus ihrem selbstgewählten Ruhestand. Die 55-Jährige spielt in dem im Jahr 2028 angesiedelten Sci-Fi-Noir-Thriller die nur The Nurse genannte Krankenschwester im Hotel und Krankenhaus Artemis in Los Angeles, in dem Schwerverbrecher Krankenversorgung und Unterschlupf finden. An drei Regeln müssen sie sich halten: „Beschimpfen des Personals verboten!“, „Waffen mitbringen verboten!“, „Andere Patienten umbringen verboten!“. Doch in einer unheilvollen Nacht kommen im Artemis so viele zwielichtige Zeitgenossen zusammen, dass es nicht lange dauert, bis jemand die Regeln bricht… Zur weiteren Besetzung des futuristischen Kammerspiels zählen noch Dave Bautista, Zachary Quinto, Jeff Goldblum, Charlie Day un Sofia Boutella.

    Hotel Artemis

    FILMSTARTS: Als ich den Trailer zu „Hotel Artemis“ das erste Mal sah, war ich nicht die Einzige, die zu allererst an ein Spin-off zu „John Wick“ dachte. Die sozialen Netzwerke waren voll mit derartigen Kommentaren. Hast Du davon etwas mitbekommen?

    Drew Pearce: Ich habe schnell gemerkt, dass die Leute diesen Bezug herstellen und ich fand es im ersten Moment auch wirklich lustig. Ich habe schon mit David Leitch zusammengearbeitet und auch in Vorbereitung auf „Hotel Artemis“ mit ihm über mein Projekt gesprochen. Mir war also durchaus bewusst, dass sich eventuell Einflüsse von „John Wick“ in „Hotel Artemis“ wiederfinden könnten, aber dass der erste Trailer so krass an ihn erinnern würde, das war so nicht geplant. Da ich die „John Wick“-Filme aber sehr mag, ist es für mich mittlerweile eher ein Kompliment, wenn die Leute meinen Film mit ihnen assoziieren.

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    ERWARTUNGSHALTUNG KONTRA FILMERLEBNIS

    FILMSTARTS: Der Trailer ist sehr actionlastig und legt den Fokus auf sehr ästhetisch choreographierte Kampfszenen, obwohl der Film selbst ja eigentlich eher ein ruhiger Noir-Thriller ist. Das ist allerdings auch schwierig im Hinblick auf die dadurch heraufbeschworene Erwartungshaltung des Publikums…

    Drew Pearce: Es stimmt, „Hotel Artemis“ ist kein Actionfilm. Ich betrachte ihn stattdessen als einen Film, der so inszeniert ist, als käme er aus einer Zeit, in der es noch keine so strenge Genreeinordnung gab. Das bedeutet in diesem Falle, dass „Hotel Artemis“ auf vielen Ebenen ein Thriller ist, er hat aber auch viel Humor, er beinhaltet eine Lovestory und natürlich geht es vor allem um eine alte Frau, die in ihrer Vergangenheit eine schwere Tragödie erlebt hat und diese nun verarbeiten muss. Und ja, natürlich gibt es auch Action im Film, aber es geht nicht ausschließlich um sie. Sie ist allerdings ein wichtiger Teil der Katharsis von „Hotel Artemis“ und damit fest in der Erzählung verankert.

    FILMSTARTS: Hast Du Angst, man könnte Dir vorwerfen, den Zuschauer durch falsche Vermarktung in die Irre zu führen, wie das damals zum Beispiel bei „Drive“ passiert ist, von dem viele ein neues „Fast & Furious“ erwartet haben?

    Drew Pearce: Wir Regisseure sind natürlich die ersten, die von Zuschauern angegangen werden, wenn ihnen irgendwas nicht passt, obwohl wir manchmal gar nicht zwingend daran Schuld sind, wenn sich das Publikum getäuscht fühlt. Ich habe beim Schnitt des Trailers beispielsweise gar kein Mitspracherecht gehabt. Ich selbst habe auch nie gesagt, dass „Hotel Artemis“ ein Actionfilm ist. Deshalb hoffe ich einfach, dass die Action in „Hotel Artemis“ gut genug ist, um Leute, die nur der Action wegen reingehen, am Ende dennoch zufriedenzustellen.

    NICOLAS WINDING REFN ALS VORBILD

    FILMSTARTS: Da einer der Produzenten von „Drive“ auch an „Hotel Artemis“ beteiligt war, möchte ich die Unterhaltung mal anhand von Nicolas Winding Refns „Drive“ weiterführen: Der Film wurde zu einem modernen Klassiker, obwohl viele Zuschauer etwas Anderes erwartet haben, als er es letztlich ist. Das macht Refn beziehungsweise sein Team bis heute zu einer Art Vorbild darin, wie man hart an den Mann zu bringende Filme zu einem Erfolg macht, obwohl, oder vielleicht sogar gerade indem man die Erwartung des Publikums untergräbt…

    Drew Pearce: Ich glaube, dass Nicolas selbst die Erwartungen des Publikums nie untergraben wollte. Er wusste ganz genau, was „Drive“ für ein Film ist und ihm ist es völlig egal, ob er mit seiner Arbeit nun mehr oder weniger Zuschauer begeistert. Nur so kann er sich davon freimachen, irgendwelche Erwartungen erfüllen zu wollen, weil er dadurch all seine Leidenschaft ins Projekt stecken kann. Deshalb sind seine Filme auch alle so verschieden: „Bronson“ ist völlig anders als „Drive“ und „Drive“ wiederum ganz anders als „The Neon Demon“. Ich liebe ihn dafür, aber das tun andere eben nicht. Aber gerade weil er sich nicht bei den Zuschauern anbiedert, kann er sich sicher sein, dass die, die seine Arbeit mögen, diese auch wirklich mögen. Und anhand von „Drive“ sieht man ja, dass sich sowas rumsprechen kann. Es wäre schön, wenn es „Hotel Artemis“ später genauso ergeht.

    “GEH' NICHT AUF TWITTER!“

    FILMSTARTS: Immer häufiger kommt es vor, dass Zuschauer die sozialen Medien nutzen, um ihren Ärger über bestimmte Projekte kundzutun. Was würdest Du machen, wenn Leute Dich auf eine Art und Weise belästigen würden, wie das kürzlich etwa bei Rian Johnson („Star Wars: Die letzten Jedi“) der Fall war, bloß weil ihn „Hotel Artemis“ nicht gefallen hat?

    Drew Pearce: Das ist schwierig. Natürlich bieten uns soziale Netzwerke die Möglichkeit, uns auf noch direkterem Weg mit dem Publikum über unsere Filme auszutauschen. Das macht Filme zu einem Teil gesellschaftlicher Interaktion und das ist erst einmal eine tolle Sache. Schwierig wird es dann, wenn schlechte Stimmung dadurch entsteht, weil irgendwelche Erwartungen nicht erfüllt werden. Denn letztlich ist es nicht unsere Aufgabe, mit unseren Arbeiten die Erwartungen der Zuschauer zu erfüllen. Zumal jeder Mensch andere hat – alle zufriedenzustellen, das könnten wir gar nicht.

    Aber gerade bei sehr, sehr großen Projekten kann man sich davon nun mal auch nicht in Gänze freimachen. Auf irgendeine Art und Weise musst du da einfach abliefern. Schau Dir Rian an: Rian ist ein fantastischer Regisseur und ich sehe zu ihm auf, weil er sich traut, auch mal riskante Wege zu gehen, um seine Vision zu verfolgen. Nun ist „Hotel Artemis“ natürlich ein viel kleinerer Film, die Leute hatten von dem Stoff zuvor noch nie gehört. Da ist der Druck natürlich nicht so groß wie bei einem neuen „Star Wars“-Film. Summa summarum hilft aber am Ende des Tages nur eins: Geh‘ nicht auf Twitter!

    Drew Pearce kritisiert Blockbuster-Mentalität

    FILMSTARTS: Ein Großteil der modernen Blockbuster setzt sich aus Remakes, Sequels und Adaptionen zusammen. Ist der Zuschauer von heute dadurch weniger aufgeschlossen gegenüber Überraschungen und innovative Plots?

    Drew Pearce: Ich denke, da gehören viele Faktoren zu. Zum einen weiß das Publikum von heute schon allein wenn es in eine bestimmte Filmreihe geht, was es grob erwartet. Zum anderen habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass die Menschen Trailern – um wieder an den Anfang des Gespräches zu kommen – eine deutlich größere Bedeutung beimessen, weil sich diese nicht mehr als kleiner Appetithappen verstehen, sondern fast schon als eine Art Zusammenfassung des gesamten Films. Sie zeigen Teile vom Anfang, Teile aus der Mitte und Teile vom Ende – sowas gab es früher nicht.

    Gerade ein jüngeres Publikum sieht sich dadurch dazu aufgefordert, anhand des Films zu überprüfen, inwiefern das, was der Trailer versprochen hat, eingehalten wird. Rückt er auch nur einen Hauch davon ab, sind viele enttäuscht. Und irgendwie kann man es ja auch verstehen. Kino wird immer teurer, auf der anderen Seite hat das Home-Entertainment eine derart hohe Qualität erreicht, dass man sich heute drei Mal überlegt, ob man Geld für ein Filmticket hinlegt. Geh ich nicht, habe ich ja noch Tausend andere Optionen, mich unterhalten zu lassen. Daher nehmen viele Leute das Kino heutzutage nur noch als Event wahr, um einen fetten Blockbuster zu sehen, oder vielleicht einen Horrorfilm, weil der in einem großen dunklen Raum auf einer riesigen Leinwand gruseliger ist als zuhause. Durch diese Änderung darin, wie wir Kino begreifen, geht Aufgeschlossenheit verloren. Wenn wir schon mal ins Kino gehen, muss es spektakulär und gut sein. Und wie stelle ich sicher, dass es das ist? Indem ich kein Risiko eingehe. Ich hoffe, dass wir mit unseren kleinen, innovativen Ideen trotzdem weiterhin Zuschauer erreichen können.

    „Hotel Artemis“ läuft seit dem 26. Juli 2018 in den deutschen Kinos.

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