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    Darum können "Yesterday" und "Rocketman" nicht an den Erfolg von "Bohemian Rhapsody" anknüpfen
    Von Carsten Baumgardt — 13.07.2019 um 15:00

    Das Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ war ein gigantischer Kassenerfolg – der sich nicht einfach wiederholen lässt, wie die Einspielzahlen von „Yesterday“ und „Rocketman“ beweisen. Dafür gibt es einen emotionalen Grund.

    Paramount / Universal / 20th Century Fox
    +++ Meinung +++

    Damit hätte vor einem Jahr absolut niemand gerechnet: Bryan Singers von Dexter Fletcher zu Ende gedrehtes Biopic „Bohemian Rhapsody“ spielte weltweit sensationelle 903 Millionen Dollar ein – bei einem Budget von nur 52 Millionen. Obwohl das Musik-Drama nur gemischte Kritiken erntete (Metacritic: 49 von 100), traf es millimetergenau den Nerv des Kinopublikums, das die Verfilmung des Lebens von Queen-Sänger Freddie Mercury schlicht liebte (auch die Deutschen, die für 3,5 Millionen verkaufte Tickets sorgten).

    Diese Erfolgsblaupause sollte in der Theorie - wenn auch nicht in diesem Ausmaß - für das Elton-John-Biopic „Rocketman“ funktionieren, das Dexter Fletcher jetzt komplett allein inszenierte. Doch selbst wenn „Rocketman“ bei Produktionskosten von 40 Millionen Dollar und weltweiten Einnahmen von 175 Millionen ein achtbarer Erfolg ist (bisher 527.000 Besucher in Deutschland), kann er mit den Dimensionen von „Bohemian Rhapsody“ nicht ansatzweise mithalten - trotz Musik-Biopic-Renaissance. Gleiches wird für Danny Boyles romantische Beatles-Fantasy „Yesterday“ gelten, die zum Start in Nordamerika 17 Millionen Dollar einnahm und nach zehn Tagen bei 36 Millionen liegt (weltweit derzeit: 60 Millionen) und seit diesem Wochenende auch in den deutschen Kinos läuft.

    So unterscheiden sich die musikalischen Ansätze der drei Filme

    Auf FILMSTARTS haben alle drei Filme 3,5 Sterne (= gut) bekommen, weil sie – aus unterschiedlichen Gründen – unterhaltsam sind. Aber obwohl ich „Rocketman“ für den inszenatorisch reiferen und versierteren Film halte, gefällt mir persönlich „Bohemian Rhapsody“ noch besser, weil die emotionale Verbindung zur Hauptfigur Freddie Mercury (oscarwürdig gespielt von Rami Malek) zu hundert Prozent gelingt und einen einfach mitreißt.

    Doch viel entscheidender ist für mich eine Kleinigkeit, die sich in der Nachbetrachtung als Killerargument erweist: Sowohl Taron Egerton in „Rocketman“ als auch Himesh Patel in „Yesterday“ singen ihre Parts komplett selbst ein, während bei „Bohemian Rhapsody“ der Eindruck entsteht, der unvergleichliche Freddie Mercury hätte persönlich gesungen. Singer und Fletcher nutzen Mercurys Stimme hier als Hauptquelle und mixten sie im Studio mit reichlich technischer Hilfe mit der Stimme Rami Maleks und den Song-Interpretationen von Christenrock-Sänger Marc Martel, dessen Organ Mercurys ziemlich ähnelt.

    Vollgas: Rami Malek und Gwilym Lee als Freddie Mercury und Brian May in "Bohemian Rhapsody"

    So „schummelt“ sich „Bohemian Rhapsody“ eine Version zurecht, die aber so gut und original klingt, dass man Rami Malek auf der Leinwand immer mit dem realen Vorbild verbindet und außerdem die volle Wucht von Mercurys vibratoreicher Drei-Oktaven-Ausnahmestimme nutzen kann. Deswegen ist „Bohemian Rhapsody“ bei den überragenden Konzert- und Gesangszenen so mitreißend-fesselnd, was sich auf den gesamten Film überträgt und Magie verbreitet. Und das ist die Grundlage des Sensationserfolgs! Die Entscheidung, bei „Yesterday“ und „Rocketman“ die Hauptdarsteller selbst singen zu lassen, ist aus künstlerischer Sicht höchst ehrenwert und nobel, aber es funktioniert einfach in der Praxis lange nicht so gut wie die „Mogelpackung“ von „Bohemian Rhapsody“.

    Das gewisse Etwas der Weltstars fehlt

    Auch wenn Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“ einem jungen Talent zum hundertsten Mal sagt, dass er oder sie den Song besser als das Original gesungen habe, stimmt das praktisch nie. Gleiches gilt eben auch für Taron Egerton, der „Rocket Man“ und andere Lieder wirklich gut gesungen hat, aber nicht das Ausnahmetalent und die facettenreiche Stimme eines Weltstars wie Elton John hat – und genau das macht den Unterschied.

    Besonders das Theatralische in Elton Johns Organ, der privat geschliffenes Posh-Englisch spricht, aber seine Songs mit wilden Einschüben von Amerikanischem durchsetzt, geht Egerton ab. Deswegen baut sich die Magie nicht auf. Und auch Himesh Patel singt seine Beatles-Interpretationen in „Yesterday“ ordentlich, aber wenn ich die Wahl habe zwischen den grandiosen Originalen oder einer Beatles-Coverband, wähle ich die Stimmen von John Lennon und Paul McCartney. In „Yesterday“ singt Co-Star und Profi Ed Sheeran seinen sympathischen Hauptdarsteller Patel übrigens im direkten Duell an die Wand – auch wenn im Film das Gegenteil behauptet wird (siehe Dieter-Bohlen-Argument).

    „Yesterday“ läuft seit dem 11. Juli 2019 in den deutschen Kinos, „Rocketman“ (Kinostart: 30. Mai) ist immer noch in einigen Lichtspielhäusern zu sehen, während „Bohemian Rhapsody“ bereits auf dem Heimkinomarkt verfügbar ist.

     

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