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    "Midnight Mass" auf Netflix ist grandios – aber ergibt der große Twist der Horror-Serie überhaupt Sinn?
    12.10.2021 um 12:30
    Pascal Reis
    Pascal Reis
    -Redakteur
    Ob "Rosemaries Baby", "Halloween", "Cannibal Holocaust" oder "Scream": Pascal liebt das Horrorkino in seiner ganzen verstörenden Schönheit.

    Mit „Midnight Mass“ hat Mike Flanagan erneut eine hervorragende Horror-Serie auf Netflix abgeliefert, die zweifelsohne zu den Highlights des Jahres zählt. Allerdings ist der große Twist mit einigen Ungereimtheiten verbunden...

    Netflix

    Es ist ein leidiges Unterfangen, sich über Logiklöcher zu echauffieren. Vor allem dann, wenn diese mit einem großen Twist in Verbindung stehen, der die Handlung eines Filmes oder einer Serie in eine maßgeblich neue Richtung lenkt. In der Horror-Serie „Midnight Mass“, die im Abo auf Netflix zur Verfügung steht, scheint die spektakuläre Wendung in Episode 3 ebenfalls nicht komplett aufzugehen...

    Falls ihr noch nicht dazu gekommen seid, euch „Midnight Mass“ anzuschauen, dann solltet ihr besser nicht weiterlesen, um euch die Überraschung nicht verderben zu lassen. Ihr seid also gewarnt: Es folgen Spoiler!

    Die ewige Verwandlung von Father Paul

    Spätestens mit dem Finale der dritten Folge wird dem Zuschauer bewusst, dass Mike Flanagan mit „Midnight Mass“ eine brachiale Auseinandersetzung mit dem Wesen der Religion und dem Konzept des ewigen Lebens anstrebt. In einem Rückblick sehen wir, wie Monsignore John Pruitt im Zuge einer Pilgerreise nach Jerusalem in einer Höhle im Wüstenniemandsland landet, in der er eine unheimliche Begegnung mit einer Kreatur macht, die für den Geistlichen nur ein Engel sein kann. Nachdem er von dieser angegriffen wird, lässt der (angebliche) Bote Gottes den Monsignore von seinem Blut trinken.

    Das Ergebnis: Pruitt verjüngt sehr schnell und nennt sich von nun an Pater Paul Hill (Hamish Linklater), der sich in der Inselgemeinde von Crockett Island als Vertretung des Monsignore vorstellt. Kurios an dieser Verwandlung ist nicht nur die äußere Veränderung, sondern auch der Umstand, wie viel Zeit die Transformation beansprucht, um aus Paul Hill ebenfalls einen blutdürstigen Engel bzw. Vampir zu machen. Vor allem, wenn wir den Vergleich zur Transformation von Riley (Zach Gilford) in Episode 4 heranziehen.

    Hat man nämlich vom Blut des Geschöpfs getrunken, ist man nicht mehr in der Lage, bei Sonnenschein vor die Tür zu gehen, weil der eigene Körper dort in Windeseile zu Staub zerfallen würde. Außerdem ist man getrieben von einer unermesslichen Gier nach Blut, das für jeden Gebissenen zum entscheidenden Lebenselixier wird. In den ersten drei Folgen, die lange Zeit nach Pruitts Besuch im Heiligen Land spielen, sehen wir jedoch, wie Pater Paul am helllichten Tage über die Insel spaziert.

    Riley (Zach Gilford) und Father Paul (Hamish Linklater) vor dem Grauen von Crockett Island
    Ist Father Paul gar nicht gestorben?

    Eine Erklärung dafür wäre, dass Riley, als er das Geheimnis von Father Paul aufdeckt, durch den Angriff des Engel-Vampirs getötet wurde und deswegen innerhalb von einer Nacht vollends verwandelt zurück ins Leben kehrt. Es scheint etwas unglaubwürdig, dass ein 80-jähriger, dementer Mann den brutalen Angriff der Kreatur müheloser weggesteckt hat als der Mittdreißiger Riley, aber womöglich ist genau das der Punkt: Der „Engel“ hat Pruitt gezielt nicht ausgesaugt, was seine Transformation in die Länge gezogen hat.

    Dass Pruitt von dem Wesen nicht direkt umgebracht wurde, könnte daran liegen, dass dieses in dem Geistlichen eine Chance erkannt hat, um der Höhle zu entkommen und sich so auf lange Sicht weitere Opfer zu sichern – die Paul Hill diesem in den letzten beiden Episoden auch massig liefert. Dennoch muss der Father sterben, um sich vollständig zu verwandeln (sprich: unsterblich zu machen), was schließlich auch durch eher mysteriöse Umstände geschieht.

    Deswegen ist dieser "Midnight Mass"-Moment so grausam: Die Boot-Szene aus dem Netflix-Hit erklärt

    Nachdem Paul Hill nämlich immer wieder Blut bricht, sackt er irgendwann regungslos in seinem Haus zusammen, um als Verwandelter zurückzukommen, der von nun an das Sonnenlicht meiden muss. Dass Paul so elendig gestorben ist, könnte daran liegen, dass er von der fanatischen Küsterin Beverly Keane (Samantha Sloyan) vergiftet wurde. Schon zuvor wurde man Zeuge, dass sie keine Hemmungen hat, den gerinnungshemmenden Köder 1080 Rodentizid einzusetzen – und Bev wurde von Paul zuvor schließlich in das Geheimnis eingeweiht.

    Es muss also gar kein Logikfehler sein, warum sich der Zeitraum der einzelnen Verwandlungen unterscheidet. Vielmehr ist es eine Frage der Aufmerksamkeit, mit der Mike Flanagan hier arbeitet, die das Publikum dazu animieren soll, auf die kleinen Details zu achten. Ungeklärt bleibt jedoch, wie Monsignore Pruitt als Paul Hill ohne Probleme von Jerusalem nach Crockett Island reisen konnte – aber vielleicht haben die Passkontrollen einfach mal ein Auge zugedrückt.

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