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    Die abgefahrenste Netflix-Serie des Jahres ist auch eine der besten – und wir haben den Mega-Mindfuck komplett gesehen!
    10.09.2022 um 18:55
    Christoph Petersen
    Christoph Petersen
    -Chefredakteur
    Hat im letzten Jahr mehr als 800 Filme gesehen - und jede Minute davon genossen, selbst wenn der Film gerade nicht so gut war.

    Nachdem „Drive“-Kultregisseur Nicolas Winding Refn seine erste Serie „Too Old To Die Young“ noch für Amazon Prime Video gedreht hat, wechselt er mit „Copenhagen Cowboy“ nun zu Netflix. Wir waren bei der Weltpremiere beim Filmfest in Venedig dabei…

    Was zum Teufel haben wie da gerade gesehen??? So richtig können wir euch das selbst nach fünf Stunden „Copenhagen Cowboy“ leider auch nicht beantworten – schließlich ist die Serie ein Mega-Mindfuck sondergleichen. Aber es war auf jeden Fall eine Erfahrung, die niemand der Anwesenden so schnell wieder vergessen wird!

    Weil die sechs Folgen der Netflix-Serie erst am letzten Freitag des Filmfestivals in Venedig lief und die Vorstellung erst weit nach Mitternacht zu Ende ging, waren bei der Weltpremiere nur etwas mehr als die Hälfte der Plätze im (ziemlich riesigen) Kino besetzt. Aber Kultregisseur Nicolas Winding Refn schien das nichts auszumachen – in seiner Begrüßung empfahl er dem Publikum, sich gemütlich hinzufläzen, die Füße über die Lehne der Vorderreihe zu legen und während der Vorstellung ruhig laut sein. Fuck The Eastablishment!

    Gesagt getan: In den folgenden fünf Stunden wurde die Vorstellung immer wieder von aufwallendem Szenenapplaus begleitet – und der kam neben einer allgemeinen Sympathie für das mit im Saal sitzende Regie-Enfant-terrible („The Neon Demon“) wohl vor allem daher, dass wir alle kollektiv kaum fassen konnten, was wir da gerade auf der Leinwand zu sehen bekamen!

    Was für eine Schweinerei!

    Die ersten zwei bis drei Episoden von „Copenhagen Cowboy“, die größtenteils in einem von einem albanischen Bodybuilder-Schläger und Möchtegern-Schlagersänger betriebenen Bordell spielen, sind zwar auch schon skurril und makaber bis zum Gehtnichtmehr, aber zumindest kann man noch einigermaßen nachvollziehbar erfassen, was da gerade eigentlich abgeht.

    Die abergläubische Halbschwester des Betreibers hat sich die junge Miu (Angela Bundalovic) gekauft – und zwar nicht wie die anderen Mädchen als Zwangsprostituierte, sondern als Talisman. Miu ist eine Art menschlicher Glückspfennig, der ihrer neuen Besitzerin u. a. dabei helfen soll, trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch schwanger zu werden.

    Netflix

    Und so muss Miu wohl oder übel danebensitzen, wenn ihre Herrin mit ihrem übergewichtigen Bierbauch-Ehemann Sven kopuliert. Ansonsten vergewaltigt Sven am liebsten die Prostituierten eine Etage tiefer, wofür er als Strafe regelmäßig zusammengeschlagen wird – und dann grunzt und quiekt er wie ein Schwein (und wir meinen kein nachgemachtes menschliches Grunzen, sondern wirklich exakt wie ein gerade geschlachtetes Tier).

    Sowieso spielen Schweine in „Copenhagen Cowboy“ eine große Rolle. Der in der dänischen Hauptstadt umgehende große blonde Serienmörder mit den schwarzen Handschuhen erwürgt seine Opfer auch am liebsten in den Hallen einer Schweinefarm – und die Besitzerin eines Chinarestaurants hält sich schon alleine deshalb ein paar Hausschweine, weil sie so bei den grunzenden Allesfressern die Leichen verschwinden lassen kann, die die Mitglieder einer asiatischen Gang regelmäßig bei ihr abladen.

    Stilwütig wie eh und je

    Nicolas Winding Refn setzt das Ganze wie gewohnt hochgradig artifiziell in Szene – alles ist überhöht und in seine geliebten Rottöne getaucht. Was die Erzählgeschwindigkeit angeht, gibt der „Too Old To Die Young“-Schöpfer in den ersten drei Episoden allerdings viel mehr Gas als bei seiner Amazon-Prime-Serie, die ja fast schon provokant-entschleunigt daherkam.

    Weil das mit der Schwangerschaft aber doch nicht wie geplant klappt, werden schließlich andere Pläne für Miu geschmiedet: Sie hätte da mal in einer TV-Show gesehen, wie Menschen im Mittelalter in einem Fass gekocht wurden, bis selbst das Gehirn zu sieden beginnt, erzählt die verängstigte Besitzerin, die ihren Menscheneinkauf bereits schwer bereut. Aber da hat sie die Rechnung ohne Miu gemacht …

    Der abgefahrenste Scheiß des Jahres!

    … denn zur Hälfte der ersten Staffel wird einmal groß Tabula rasa gemacht. Nachdem die ersten drei Folgen zwar schon eine mythische Dimension angedeutet haben, am Ende aber auf eine unendlich abgefuckte Weise doch „bodenständig“ blieben, geht der nicht nur auf die Sehnerven abzielende, sondern auch die Ohren malträtierende Mindfuck-Wahnsinn in den Episoden 4 – 6 erst so richtig los. Während der Plot zu einem quietschenden Halt kommt, entwirft Nicolas Winding Refn in den zweiten zweieinhalb Stunden seines Fantasy-Noirs ein mythologisch bis zum Bersten aufgeladenes Kopenhagen …

    … in dem sich die stets einen blauen Jogginganzug tragende Miu nicht nur als metaphysische Martial-Arts-Expertin entpuppt, sondern plötzlich auch noch Vampire mit einem ganz gewaltigen Peniskomplex eine zentrale Rolle einnehmen.

    Drei Episoden lang schaukelt Nicolas Winding Refn das augenzwinkernd-absurde, aber zugleich mit einem absolut ernsthaften Pathos vorgetragene Mythologie-Bullshit-Bingo immer weiter hoch, während er sich bei seiner die halbe Filmgeschichte zitierenden Stil-pfeift-auf-Substanz-Inszenierung so richtig austobt. „Hyperstilisiert“ wäre da als Beschreibung noch eine gnadenlose Untertreibung.

    Durchhalteparolen

    Das Erzähltempo tendiert dabei zunehmend gen Null. Man sollte sich die Netflix-Serie also entweder wie wir im Kino ansehen, wenn es die Chance dazu gibt – oder aber sein Handy und andere mögliche Ablenkungen möglichst weit weglegen. Es ist eine vogelwilde Stilübung, die Fans gnadenlos abfeiern werden, während sich Zufalls-Zuschauer*innen, die zumindest die ersten drei Folgen noch verstört-amüsiert angesehen haben, wohl ab Folge 4 langsam von „Copenhagen Cowboy“ verabschieden werden.

    Und gerade wenn man glaubt, dass da jetzt selbst ein Nicolas Winding Refn keinen auf den neon-nebeligen Wahnsinn mehr draufsetzen kann, schlägt ein gewisser Spieleentwickler-Superstar in einem Mini-Cameo vor, dass man doch nun unbedingt mal die Riesen besuchen sollte. Aber das ist dann eine Geschichte fürs nächste Jahr – wenn der mythische Krieg in der zweiten Staffel von „Copenhagen Cowboy“ erst so richtig vom Zaun bricht.

    Alles klar?

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