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    Tage, die bleiben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Tage, die bleiben
    Von Tim Slagman
    In den Köpfen vieler Kinogänger spukt noch immer das Klischee des deutschen Problemfilms herum: Dieser sei anspruchsvoll in seiner Themenwahl, drückend schwer in der Atmosphäre und verlasse sich auf quälend langatmige Dialoge. Dafür gibt es jede Menge Fördergelder, hymnische Kritiken, und selbstredend Festival-Preise für Regisseure und Produzenten. Ins Kino gehen dann allerdings höchstens 5.000 Zuschauer. Dieses Vorurteil ist seit Jahren zurecht hinterfragt worden, nicht zuletzt von Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon", „Halt auf freier Strecke"), der mit seinen liebevollen Alltagsstudien häufig auch beachtliche Zuschauerzahlen erreicht. Und dann sitzt man im Kino, sieht das Drama „Tage, die bleiben" von Pia Strietmann und fühlt sich an viele Vorwürfe erinnert, gegen die man den deutschen Film lange verteidigt hat. Strietmann nimmt ihren Stoff ungeheuer ernst und trägt inszenatorisch so dick auf, dass „Tage, die bleiben" gelegentlich regelrecht unfreiwillig komisch wirkt.

    Andrea Dewenter (Lena Stolze) hat sich völlig in ihren Familienhaushalt in Münster zurückgezogen. Doch das glückliche Leben der Dewenters ist nur noch Fassade. Andreas Ausbruch besteht in einem Verhältnis mit ihrem Schwimmlehrer (Max Herbrechter) – und einem Roman, für den sie sogar den Kulturpreis der Stadt gewinnt. Auf der Verleihung bleiben einige reservierte Stühle leer – nur ihr Mann Christian (Götz Schubert) taucht verspätet auf, weil er eine Affäre mit der Cellistin Laura (Tessa Mittelstaedt) pflegt. Auf der Heimfahrt verunglückt Andrea tödlich. Bis zur ihrer Beerdigung muss Christian sich mit seinen entfremdeten Kindern zusammenraufen. Die pubertierende Elaine (Mathilde Bundschuh) lenkt sich mit ihrer schrägen Freundin Merle (Lucie Hollmann) ab. Ihr Bruder Lars (Max Riemelt) kommt aus Berlin zurück in seine Heimatstadt und findet sich mit den zu erledigen Formalitäten überfordert – nicht zuletzt, weil es seinen Vater bereits wieder in ein fremdes Bett zieht...

    Pia Strietmann, die selbst aus Münster stammt und mit „Tage, die bleiben" ihr Langfilmdebüt vorlegt, beginnt ihren Film mit dem Unfall. Andrea hört im Autoradio von einer nahenden Schlechtwetterfront – eines der vielen Details, die unangenehm überdefiniert und mit Bedeutung vollgepfropft erscheinen. Dann der Crash: In Zeitlupe dreht sich die Welt um die im Bild fixierte Windschutzscheibe, ganz allmählich entgleisen Andreas Gesichtszüge, während draußen Glassplitter und, ja: Blumen, vorbeifliegen. Diese Eingangsszene ist in zweierlei Weise symptomatisch für den Film. Zum einen weckt sie die Hoffnung, dass sich, wie in den großen Ensemblefilmen „L.A. Crash" oder „21 Gramm" um diese Tragödie ein Handlungsgeflecht mit komplexen Beziehungen, abgründigen Geheimnissen und großen Gefühlen entspinnen mag. Zum anderen lässt die zweifelhafte Überstilisierung des merkwürdig schön dargestellten Unfalltodes vermuten, dass Strietmann im weiteren Verlauf die ganz große Pathoskeule herausholen wird.

    Tatsächlich wirkt keinesfalls die Trauer um die Mutter, sondern vielmehr die Feindseligkeit innerhalb der Familie so konstruiert, dass man all die Konflikte mit all ihrer künstlichen Schwere kaum noch ernst nehmen kann. Strietmann isoliert ihre Figuren in der Weite des Breitwandbildes. Eine Kommunikation findet nicht statt, eine stringente Fortsetzung der Handlung ebenso wenig – und so treibt der Film über weite Strecken ziellos vorwärts. Weil Christian in seiner geistigen Verfassung nicht alleine sein kann und sich mit seinen Kindern wohl einsamer fühlt als je zuvor, kehrt er in die Arme seiner Geliebten zurück, will gar mit ihr spontan zum Vorspielen nach Amsterdam, gesteht ihr aber unterwegs seinen Verlust. Und zwar ausgerechnet in einer mit bunten Glasfenstern verzierten Autobahnkapelle – Subtilitäten stehen bei „Tage, die bleiben" nicht auf dem Programm.

    Ohnehin wird in Christians Episoden besonders dick aufgetragen. In bedeutungsschweren Zeitlupeneinstellungen und begleitet von selten kitschiger Musik stellt er sich seiner Orientierungslosigkeit und seiner Trauer, als würde sich hier das Schicksal der Welt entscheiden. Seine reichlich sture Tochter Elaine wird zwar souverän von Mathilde Bundschuh dargestellt, Überraschungen bietet die eindimensional geschriebene Rolle allerdings nicht. Nach viel zu langer Spielzeit beweist Strietmann in den letzten Abschnitten des Films dann doch noch dramaturgische Konsequenz und schafft Raum für echte Gefühle. Je klarer die Wege der Hinterbliebenen bestimmt werden, desto mehr gewinnt der Film auf der Zielgeraden an Kontur. Besonders überzeugend in dieser Phase ist Max Riemelt („Im Angesicht des Verbrechens") als rebellischer Heimkehrer, den er mit schön grober Präsenz einführt, um ihn dann später umso zerbrechlicher zu zeigen.

    Fazit: Mit „Tage die bleiben" erzählt Pia Strietmann eine einfache, alltägliche und doch erschütternde Geschichte. Dabei übertreibt es die Regie-Debütantin aber beim Einsatz besonders manipulativer filmischer Gestaltungsmittel und liefert den Kritikern des deutschen Problemfilms so neue Munition.
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