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In Darkness - Eine wahre Geschichte
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
In Darkness - Eine wahre Geschichte
Von Jan Hamm
Nur wenige Filmemacher haben sich um die cineastische Aufarbeitung des Holocaust so verdient gemacht wie Agnieszka Holland. Mit bekannten Filmen wie der polnisch-französisch-deutschen Koproduktion „Hitlerjunge Salomon" hat die Nachfahrin polnischer NS-Opfer ein außergewöhnliches Taktgefühl im Umgang mit diesem vielleicht schwierigsten aller Kinothemen bewiesen. Ihre Erzählungen sind stets sachlich, ambivalent und frei von vordergründiger Sentimentalität. 1986 war Hollands Kritikererfolg „Bittere Ernte" als deutscher Beitrag für den Auslands-Oscar nominiert. Dass sie mit „In Darkness" nun den polnischen Beitrag für die Oscars 2012 stellt, ist da ein bemerkenswertes Karrieredetail: Im Kino Agnieszka Hollands finden Polen und Deutschland zueinander, die 1948 in Warschau geborene Regisseurin repräsentiert beide Nationen. Die Adaption des Robert-Marshall-Tatsachenromans „In the Sewers Of Lvov" ist nun sicher eine ihrer stärksten Arbeiten – ein unbequem realistisches und streckenweise klaustrophobisches Flüchtlingsdrama, in dem es keine altruistischen Helden à la Oscar Schindler und erst recht keine vorschnellen Antworten zu komplizierten Moralfragen gibt.

1943: Die polnische Stadt Lvov steckt im Würgegriff der nationalsozialistischen Besatzung. Der Kanalarbeiter Leopold Socha (Robert Wieckiewicz) und sein Kollege Szczepek (Krzysztof Skonieczny) kennen die Kanalisation der Stadt schon allein aufgrund ihres Berufs auswendig. Als sich jüdische Bürger aus dem Ghetto in der Kanalisation verstecken, wittert Socha ein lukratives Geschäft: Für sein Stillschweigen den Nazis gegenüber will er sich satt entlohnen lassen. Doch der reiche Ignacy Chiger (Herbert Knaup) bittet Socha um mehr. Für eine regelmäßige Bezahlung soll er eine Gruppe von zehn Juden, darunter der rebellische Mundek Margulies (Benno Fürmann) und Chigers Frau Paulina (Maria Schrader), in der Kanalisation verstecken und mit Lebensmitteln versorgen. Und so lässt sich Socha auf einen lebensgefährlichen Handel ein...

Wie gut ist der Horror des Holocaust im Film tatsächlich dokumentiert? Sicher, an grausamen Bildern in Kino und TV mangelt es nicht. Große Publikums- und Kritikererfolge wie Steven Spielbergs „Schindlers Liste" oder Roman Polanskis „Der Pianist" tragen ihren Teil zur notwendigerweise andauernden Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich bei. Gleichwohl gibt es in diesem tiefschwarzen Kapitel des 20. Jahrhunderts auch viele Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. Solche, bei denen man genauer hinschauen muss, um moralische Urteile formulieren zu können. Agnieszka Holland ist eine von denen, die genau hinschauen. Der Filmtitel bezieht sich dabei auf die tatsächliche Dunkelheit der Kanalisation, ebenso aber auch auf das Schicksal des unterworfenen Polen, in dem die Protagonisten menschenunwürdig und ganz sprichwörtlich im Dreck leben müssen.

Mit scharfen Kontrasten lässt Holland ihr Publikum aufschrecken: Im Kontext eines langen Tages bei seinen Schützlingen in der Kanalisation bekommt Sochas abendliches Bad eine ungleich höhere Bedeutung weit jenseits einer Alltagsroutine. Die Regisseurin schildert eine beklemmende Situation, in der die auf realen Vorbildern basierenden Figuren permanent unter Starkstrom stehen, allen voran der geschäftstüchtige Socha. Vor der Kulisse einer unheimlichen, bloß durch Taschenlampen ausgeleuchteten Schattenwelt müssen die Flüchtlinge knallharte Entscheidungen treffen, um ihr Überleben zu sichern. Zwischenzeitlich greift Holland auch mal auf etwas konventionellere Spannungstricks zurück, etwa in einer Sequenz, in der das Tunnelsystem überflutet wird.

Ungleich effektiver und beunruhigender sind aber jene Szenen, in denen Holland die moralischen Dilemmas ihrer Figuren ergründet. Was, wenn das unkontrollierbare Schreien eines Neugeborenen das ohnehin riskante Versteck zu verraten droht? So gelingt Holland eine außergewöhnlich differenzierte Darstellung, bei der es mit einer einfachen Täter-Opfer-Zuweisung nicht getan ist. Die Ausmaße des NS-Terrors werden hier vor allem dadurch greifbar, dass auch die Flüchtlinge als Konsequenz ihrer menschenunwürdigen Lebensumstände Schuld auf sich laden. Unterhaltsam ist „In Darkness" mit einer solchen thematischen Schwere freilich nur bedingt – auch das über weite Strecken anstrengend dunkle Kinobild verdeutlicht, dass Holland eine erhöhte Aufmerksamkeit von ihrem Publikum verlangt.

Fazit: Agnieszka Hollands polnischer Oscar-Beitrag „In Darkness" ist ein so unprätentiöses wie unbequemes Holocaust-Drama, das zur historischen Auseinandersetzung jenseits von Allgemeinplätzen und vorschnellen Vereinfachungen einlädt.
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