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Das krumme Haus
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das krumme Haus
Von
Im vergangenen Jahr erhielt Agatha Christies „Mord im Orient Express“ eine filmische Rundumerneuerung. Kenneth Branagh verfilmte den 1934 veröffentlichten Kriminalroman mit einem Budget von 55 Millionen Dollar als bildgewaltiges Kammerspiel in 70 Millimeter. Das megastarbesetzte Ensemblestück spielte rund das Siebenfache seiner Produktionskosten wieder ein und wie es bereits das Ende des Films andeutet, steht für Branagh als nächstes die Adaption von „Tod auf dem Nil“ an, in der es ihn als belgischer Meisterdetektiv Hercule Poirot dann nach Ägypten verschlagen wird. Der französische Regisseur Gilles Paquet-Brenner („Dark Places“) arbeitet unterdessen schon seit 2011 an einer neuen Adaption von Christies Lieblingsroman unter ihren eigenen Werken – dem 1951 erschienenen Krimi „Das krumme Haus“.

Die deutlich geringeren finanziellen Mittel, Paquet-Brenner standen hier vergleichsweise schmale zehn Millionen Dollar zur Verfügung, lassen solche visuellen Extravaganzen und Ausstattungs-Ausschweifungen wie bei Branaghs Kriminal-Blockbuster natürlich nicht zu. „Das krumme Haus“ ist ein sehr viel intimerer, aber auch präziserer Krimi, der sich fast ausschließlich in den vier Wänden von ebenjenem „krummen Haus“ abspielt, wobei der Originaltitel „The Crooked House“ weniger auf die Form des Gebäudes, als vielmehr auf das englische „crook“ anspielt, das so viel wie „Gauner“ oder „Ganove“ bedeutet. Dabei ist dieser wenig schmeichelhafte Begriff sogar noch eine glatte Untertreibung. Der vom Spion auf Privatdetektiv umgesattelte Charles (Max Irons) muss sich hier nämlich mit einem kaltblütigen Mord auseinandersetzen, für den es zehn Verdächtige gibt, die allesamt nicht nur ein sehr gutes Motiv für die Tat hätten, sondern tatsächlich auch moralisch völlig verrottet zu sein scheinen.

Inzwischen leben drei Generationen der ursprünglich aus Griechenland stammenden Familie Leonides in einem prächtigen Anwesen in Großbritannien zusammen. Aber die Idylle wird jäh gestört, als das Leben von Familienoberhaupt Aristide Leonides (Gino Picciano) ein ebenso plötzliches wie gewaltsames Ende findet: Jemand hat ihm seine hochgiftigen Augentropfen injiziert! Zu den vielen Verdächtigen auf dem Anwesen gehört auch Sophia (Stefanie Martini), die ihren inzwischen als Privatdetektiv arbeitenden Ex-Verlobten Charles mit dem Fall beauftragt und ihm in Aussicht stellt, ein neues Leben mit ihm anzufangen, sollte er den Mörder finden. Charles stürzt sich in die Ermittlungen und befragt einen Hausbewohner nach dem anderen, immer beäugt von der Hausherrin Lady Edith de Haviland (Glenn Close), die genau wie alle anderen im Haus ein starkes Motiv für den Mord hätte…


Die Macher von „Das krumme Haus“ halten sich eng an die Vorlage von Agatha Christie. Wer die – tatsächlich sehr schwer vorauszusehende – Auflösung des Falls kennt, den wird also auch das Finale des Films nicht überraschen. Aber der Weg dorthin ist auch so spannend genug, denn die in ebenso wohlhabenden wie verdorbenen Verdächtigen erweisen sich ohnehin als das eigentliche Highlight. Dazu kommt eine sehr stilsichere, betont altmodische Inszenierung vor exakt eingerichteter Prunk-Kulisse. Das altehrwürdige Anwesen Three Gables ist bis in die hintersten Ecken vollgestopft mit Kitsch und Krams und jedes Zimmer ist perfekt auf das darin wohnende Familienmitglied abgestimmt.

Gedreht wurde unter unteren in Wrotham Park, also jeder Kulisse, in der auch schon Robert Altmans meisterhafter Adels-Abgesang „Gosford Park“ entstand: Und so sorgen nun mit Gold verzierte Wasserhähne, Luxusmöbel und eine riesige Eingangshalle dafür, dass man sich trotz der vergleichsweise geringen Produktionskosten einfach nicht an den Kulissen sattsehen kann. Nur für wenige Momente begibt sich die Kamera von Sebastian Winterø („Never Here“) auch außerhalb des Anwesens. In einer Rückblende sehen wir das Kennenlernen zwischen Charles und Sophia in der ägyptischen Metropole Kairo, eine Handvoll Szenen spielen zudem in Charles‘ Detektivbüro – in diesen Momenten fallen die fehlenden Millionen dann schon eher auf.

Die ganz großen Dramen spielen sich allerdings bevorzugt im Three Gables ab. Nach dem klassischen Whodunit-Prinzip befragt Charles einen Verdächtigen nach dem anderen, erhält Einblicke in die Eigenheiten der Hausbewohner und beginnt, langsam hinter die Fassaden der sich nach außen so kultiviert gebenden Familienmitglieder zu blicken. Das Skript von Julian Fellowes („Downton Abbey“) und Tom Rose Price („Der Schlangenkuss“) gewährt dem Zuschauer dabei nie einen Wissensvorsprung. Stattdessen erleben wir die Ereignisse in „Das krumme Haus“ stets aus der Perspektive des Detektives, was uns ein ständiges Mitknobeln erlaubt. Und wer die Romanvorlage nicht kennt, dem präsentiert sich gen Ende wie gesagt eine tatsächlich faustdicke Überraschung.

Mit der ganz großen internationalen Superstarpower eines „Mord im Orient Express“ kann „Das krumme Haus“ zwar nicht mithalten. Aber mit Glenn Close („What Happened To Monday?“), Max Irons („Die Frau in Gold“), Christina Hendricks („The Neon Demon“) und „Akte X“-Star Gillian Anderson wird auch hier mit namhaften Darstellern keinesfalls gegeizt. Sie alle bilden ein stimmiges Ensemble, das untereinander gut harmoniert (sprich: ganz wunderbar disharmoniert). Zugleich treffen hier so viele extrem exzentrische Zeitgenossen aufeinander, dass die verdichtete Konstellation schon mal an den Grenzen der Glaubwürdigkeit kratzt. Dem Unterhaltungswert tut das allerdings kaum einen Abbruch: Wenn sich Christina Hendricks als junge Witwe irgendwo zwischen verführerisch und selbstmitleidig auf einer Couch räkelt, sich die selbstbewusste 12-Jährige Josephine (Honor Kneafsey) als Nachwuchsdetektivin versucht oder Lady Edith mit einem Gewehr auf Maulwürfe schießt, verhelfen die grandios spleenigen Charaktere dem Film immer wieder zu einer aufregenden Dynamik, die die Inszenierung hingegen ein wenig vermissen lässt.

Fazit: Eine (angenehm) unaufgeregte Agatha-Christie-Adaption. Das „Das krumme Haus“ ist ein klassischer Krimi mit doppelbödigen Figuren und einer ebenso abgründigen wie überraschenden Auflösung – ein Film, den es auch schon vor 50 Jahren genau so hätte geben können.
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