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Chernobyl Diaries
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Chernobyl Diaries
Von Christoph Petersen
Die Location ist alles! Das gilt nicht nur im Immobilienbusiness, sondern auch für den Horrorfilm „Chernobyl Diaries" des ehemaligen Spezialeffekt-Spezialisten Bradley Parker (u.a. für „Fight Club" und „Let Me In"). Basierend auf einer Idee von „Paranormal Activity"-Mastermind Oren Peli handelt „Chernobyl Diaries" von einer Gruppe Extremtouristen, die einen Streifzug durch eine nuklear verseuchte Geisterstadt in der Nähe von Tschernobyl unternehmen. Zwar wurde der Film nicht vor Ort gedreht, denn die tatsächliche Stadt Pripyat ist in der Realität längst eine offizielle Touristenattraktion, aber die halbverfallenen osteuropäischen Ortschaften, die sich die Filmemacher als Ersatz ausgeguckt haben, bilden mit ihren verlassenen Häuserblocks, rostenden Autofriedhöfen und stillgelegten Jahrmarktsattraktionen ebenfalls einen ergiebigen Schauplatz für einen effektiven Schocker. Mit noch überzeugenderen Darstellern und einem weniger überhasteten Finale hätte es zum großen Horror-Wurf reichen können.

Nach Stationen in London, Paris und Frankfurt verschlägt es die amerikanischen Europatouristen Chris (Jesse McCartney), Natalie (Olivia Dudley) und Amanda (Devin Kelley) nach Kiew, wo sie Chris‘ Aufreißer-Bruder Paul (Jonathan Sadowski) besuchen. Eigentlich soll es am nächsten Tag weitergehen nach Moskau, doch Paul hat andere Pläne: Er hat bei dem hemdsärmeligen Reiseführer Uri (Dimitri Diatchenko) eine Tour in die Stadt Pripyat gebucht. Deren Bewohner sind vor mehr als 25 Jahren Hals über Kopf geflüchtet und haben alles zurückgelassen, als nur einen Steinwurf entfernt der Reaktor Nr. 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl mit der Kraft von 17 Atombomben in die Luft flog. Selbst als ukrainische Soldaten ihnen den Zugang verweigern und Uri auf einen geheimen Schleichweg ausweichen muss, sind die Extremtouristen noch ganz begeistert von der Geisterstadt. Doch die Gruppe ist nicht so allein wie sie glaubt...

Die erste schockierende Begegnung haben die Extremtouristen mit einem merkwürdig verformten, mit ungewöhnlich großen Zähnen ausgestatten fischartigen Wesen, das wohl nicht nur uns an den radioaktiv mutierten dreiäugigen Fisch Blinky aus „Die Simpsons" erinnert. Aber dieser erste Fund ist noch lange nicht der letzte. Schon im Trailer wird die Gruppe von einem geisterhaften Mädchen erschreckt und von wilden Hunden attackiert, ohne dass es eine Erklärung dafür gäbe, wie diese beiden Geschehnisse miteinander zusammenhängen... und auch im Film selbst wird der Zuschauer sehr lange im Unklaren darüber belassen, womit genau es die Protagonisten eigentlich zu tun haben: mit wilden Tieren, mit nuklearen Mutanten, mit dem ukrainischen Militär, mit etwas Übersinnlichem oder doch wieder nur mit sadistischen Osteuropäern à la „Hostel"? Aber „Chernobyl Diaries" ist nicht nur über weite Strecken geschickt erzählt, er ist auch über die Einbeziehung der Location hinaus wirkungsvoll inszeniert. Die visuellen Effekte sehen weit besser aus, als es das knappe Budget vermuten ließe, und auch die Schockmomente sitzen. Dabei setzen die Macher wie schon in Oren Pelis „Paranormal Activity"-Reihe kaum auf offensichtliche Gewalt, sondern lassen den Schrecken vornehmlich im Kopf des Zuschauers ablaufen.

Der in San Francisco geborene Dimitri Diatchenko spielte bisher meist namenlose russische Handlanger in Großproduktionen wie „Indiana Jones 4" oder „Get Smart", aber als Uri gibt er in „Chernobyl Diaries" einen extrem präsenten und zudem wunderbar undurchsichtigen Reiseführer. (Ohne jetzt zu viel zu verraten, ist seine Rolle übrigens doppelt makaber, wenn man weiß, dass ein Wolf ihm als Dreijährigen das halbe Gesicht weggefressen hat.) Nach einer zweiten positiven Überraschung in den Reihen der Schauspieler sucht man allerdings vergebens: Die unbekannten Twen-Darsteller bleiben allesamt vollkommen austauschbar und wecken beim Zuschauer keinerlei Sympathien. Aufgrund des geschickten Spiels mit der im Dunkeln lauernden Gefahr ist der Film auch so ziemlich spannend, aber wenn es uns zumindest einen Deut interessieren würde, ob die Kids nun den Löffel abgeben oder nicht, hätte das sicher nicht geschadet. Auch das überhetzte Finale enttäuscht. Es ist zwar kein ärgerliches oder bescheuertes Ende, leidet aber unter dem „Lost"-Effekt: Wenn man geradezu exzessiv geheimnisvolle Entdeckungen und rätselhafte Details anhäuft, fällt es eben immer schwerer und schwerer, diesen allen am Schluss auch gerecht zu werden.

Fazit: „Chernobyl Diaries" ist ein effektiver Schocker, bei dem aus einem außergewöhnlichen Schauplatz eine Menge rausgeholt wird. Gegen Ende gerät der Horror-Trip aber zunehmend aus dem Tritt.
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