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    Doomsday Book - Tag des Jüngsten Gerichts
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Doomsday Book - Tag des Jüngsten Gerichts
    Von Robert Cherkowski
    Omnibusfilme sind im asiatischen Raum keine Seltenheit. Besonders interessant waren etwa die pan-asiatischen „Three"-Filme von 2002 und 2004, in denen jeweils drei asiatische Regisseure aus verschiedenen Ländern mit deftigen Horror-Kurzfilmen gewaltig vom Leder zogen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Takashi Miike oder dem thailändischen Alleskönner Nonzee Nimibutr waren auch die koreanischen Regie-Stars Park Chan-wook („Oldboy") und Kim Jee-woon („I Saw The Devil") mit an Bord. Beide stehen nun kurz vor ihren US-Debüts: Während Park Chan-wook mit „Stoker" seinem erklärten Vorbild Hitchcock huldigt, dreht sein Kollege mit „Last Stand" ein Schwarzenegger-Vehikel. Vor seinem Abflug in die Staaten schaffte es Kim Jee-woon noch gemeinsam mit dem vielversprechenden Newcomer Yim Pil-sung den aus drei in sich geschlossenen Episoden bestehenden Endzeitfilm „„Doomsday Book" fertig zu stellen. Nachdem sie bereits 2006 zwei der drei Geschichten gedreht hatten, fiel die Finanzierung zusammen und der eigentlich vorgesehene dritte Regisseur Han Jae-rim („Portrait Of A Gangster") stieg aus. Nun konnten Kim und Yim die finale Episode gemeinsam inszenieren. Die drei Kapitel sind dabei nicht nur für sich gesehen interessante Einzelteile, sie fügen sich auch zu einem qualitativ und thematisch homogenen Ganzen zusammen – der Episodenfilm „Doomsday Book" ist kompromisslos, schräg, clever und dazu noch ausgesprochen unterhaltsam.

    Zwei Regisseure – drei Geschichten: Den Auftakt macht Yim Pil-sung mit der Zombie-Episode „Brave New World". Dem antriebslosen Yoon Seok-woo (Ryu Seung-beom) misslingt selbst die einfachste Alltagsroutine. Als die Familie auf eine Kreuzfahrt aufbricht und den Tagedieb zu Hause zurücklässt, muss er den Hausladen schmeissen – Mülltrennung war jedoch nie sein Ding und so wird sein wild verschimmelter Abfall bald zu Futtermehl für Schlachtvieh verarbeitet. Irgendwo im Verarbeitungskreislauf kommt es dann zu einer besonderen chemischen Reaktion... und schon ist ein Zombie-Virus im Umlauf. Das kontaminierte Rindfleisch wiederum landet ausgerechnet auf Yoon Seok-woos Teller, als der endlich ein Date mit der schönen Kim Yoo-min (Go Joon-hee) klargemacht hat. Im wenig später anbrechenden Chaos ist schnell nicht mehr klar, ob marodierende Menschenhorden oder gierige Untote das größere Problem darstellen...

    Bereits in Yim Pil-sungs Horror-Komödie „Hansel & Gretel", in der er Motive der Brüder Grimm in die Jetzt-Zeit übertrug, war es von der sogenannten alltäglichen Ordnung hin zum Wahnwitz archaischer Märchenmythen oft bloß ein Katzensprung. Auch mit seinem Zombie-Segment übt er sich erneut im Grenzgang zwischen Horror und Comedy. Geschickt platziert er Verweise auf Aldous Huxleys „Brave New World", auf Edgar Wrights „Shaun of the Dead" und auf die Horror-Visionen eines Roman Polanski („Ekel", „Der Mieter"). Besonders bemerkenswert ist eine frühe Schlüsselsequenz, die von der vermüllten Butze bis in die Gedärme der Stadt zu Mülldeponien und Schlachthöfen führt: Nur diese Drecksarbeit ermöglicht das saubere Leben über Tage. In diesem Morast schlägt das Herz der Industrienationen und hier entspringt auch das Virus. Das spätere Chaos wird nicht in Genre-Allgemeinplätzen abgehandelt, vielmehr zeigt Yim Pil-sung einen blitzschnellen Evolutionssprung in der Geschichte des Planeten: Identifikation mit Zombies, die in einer Art groteskem koreanischen Frühling gegen das Menschen-Regime aufbegehren? Yim Pil-sung zeigt: Ja, das passt – und es macht verdammt großen Spaß!

    Im darauffolgenden zweiten Abschnitt „Heavenly Creature" erzählt Kim Ji-woon vom Roboter RU-4, der in einer fernen Zukunft, in der Roboter die Arbeiterklasse stellen, eine Erleuchtung erfährt und seine Mitroboter aus der Knechtschaft führen will. Die Produktionsfirma kann freilich nichts mit einem aufmüpfigen Blech-Moses anfangen und will ihn neutralisieren, RU-4 sucht Schutz in einem Kloster. Nur ein buddhistischer Mönch (Kim Gyu-ri) und ein Maschinenbauer (Kim Kang-woo) setzen sich für den Schaltkreis-Rebellen ein – und eine Erlösungsgeschichte von biblischen Ausmaßen bahnt sich an...

    Ausgerechnet Krawall-Bruder Kim Jee-woon überrascht nach der wilden Zombie-Episode mit einem stillen, bedächtig erzählten und phasenweise regelrecht hypnotisierenden Sci-Fi-Märchen. Nach seiner ultrabrutalen Rache-Oper „I Saw the Devil" schaltet er hier gleich mehrere Gänge zurück und erzählt in unaufdringlich-schönen Tableaus von der Identitätsfindung eines Roboters – und damit von einem Themenkomplex, der von „Westworld" bis „Ghost In The Shell" und von „A.I." bis „I, Robot" bereits von unterschiedlichsten Warten aus angegangen wurde. Auch wenn das Roboter-Design an Chris Cunninghams „All is full of Love"-Video und an „I, Robot" erinnert, ist Kim Jee-woons Herangehensweise doch völlig neu. „Heavenly Creature" ist eine theologisch aufgeladene Erlösergeschichte, in der nicht nach dem Geist in der Muschel, sondern nach dem Gott in den Schaltkreisen geforscht wird.

    Mit der abschließenden Gemeinschaftsarbeit „Happy Birthday" erzählen Yim und Kim von der kleinen Park Min-seo (Jin Ji-hee), die eine schwarze 8er-Billardkugel ihres fanatisch poolbegeisterten Vaters (Lee Seung-jun) kaputtmacht und auf die Straße in Richtung Kanalisation schleudert. Obwohl der Vater den Verlust bald vergessen hat, leidet Min-seo auch zwei Jahre später noch unter ihrem Geheimnis. Zu diesem Zeitpunkt hat die Welt jedoch ganz andere Sorgen: Ein gigantischer Meteroid rast auf die Erde zu. Min-seos Familie bereitet sich auf die Katastrophe vor, indem sie Hamsterkäufe bunkert und den Keller heimisch herrichtet. Dann zeigen Teleskope, dass der Meteroid wie eine schwarze 8er-Billardkugel aussieht...

    Nachdem eigentlich Han Jae-rim mit dem Sci-Fi-Musical „The Christmas Gift" den Abschluss bilden sollte, entschieden die beiden anderen Filmemacher nach dessen Absprung, die Story für das dritte Segment auszutauschen. Inszeniert wurde „Happy Birthday" von Yim, diesmal aber mit Kim als Regie-Co-Pilot. Hier geht es deutlich emotionaler zu als in den vorigen Beiträgen, die Episode lässt an eine warmherzigere „Melancholia"-Variante denken. Auch komödiantische Zwischentöne bringen Yim und Kim hier unter, ohne sich in Anbetracht der düsteren Prämisse jemals im Ton zu vergreifen. Vielmehr lassen sie sich auf die Perspektive einer charmant gespielten Familie ein, die schlichtweg zu beschränkt ist, um die Ausmaße der bevorstehenden Kollision wirklich zu erkennen. So beschäftigen sie sich einfach weiter miteinander - ganz wie sonst auch. Selbst die Märchenelemente um die schwarze 8 fügen sich harmonisch in eine Erzählung ein, in deren Verlauf das Regie-Duo subtil sowohl das Kino der Coen-Brüder als auch Apokalypse-Dramen à la „Wenn der Wind weht" anklingen lässt. Man muss ja nicht gleich bleischwer Trübsal blasen, nur weil bald die Welt untergeht, nicht wahr?

    Fazit: Drei Episoden – drei Treffer! Die wunderbar präzise und ökonomisch geschriebenen „Doomsday Book"-Geschichten sind kleine Juwelen des cineastischen Erzählens. Hier liegt die Würze aber keineswegs nur in der Kürze; auch visuelle Gestaltungsfreude, thematischer Scharfsinn und urige Figuren tragen dazu bei, dass das Gemeinschaftswerk auf ganzer Linie überzeugt.
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