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    American Sniper
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    American Sniper
    Von Christoph Petersen
    Der überraschende Megahit „American Sniper“ spielt trotz seines ambitionierten Themas und seines moderaten Budgets von 58 Millionen Dollar an den amerikanischen Kinokassen in einer Liga mit erwartbaren Blockbustern wie „Guardians of the Galaxy“ oder „Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 1“. Damit ist er nicht nur der mit Abstand finanziell erfolgreichste Film in der langen Karriere seines 84-jährigen Regisseurs Clint Eastwood, sondern inzwischen auch der erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten. Der Grund dafür liegt auf der Hand: In den USA muss man den auf der Autobiografie des Navy SEALs Chris Kyle basierenden Film einfach gesehen haben, um mitreden zu können. Dort ist seit dem Kinostart Ende Dezember eine von allen Seiten erbittert geführte Debatte entbrannt: Konservative feiern den mit mehr als 160 bestätigten tödlichen Treffern als erfolgreichster Sniper der US-Militärgeschichte geltenden Chris Kyle als den Patrioten schlechthin, während etwa der linke Filmemacher Michael Moore („Fahrenheit 9/11“) auf Twitter alle aus dem Hinterhalt schießenden Scharfschützen als Feiglinge beschimpft. Das ist an sich eine spannende Diskussion ohne „richtige“ Antwort, der „American Sniper“ aber nicht wirklich gerecht wird: Denn obwohl Eastwood den Krieg und seine Folgen durchaus kritisch beleuchtet, ist sein Porträt des Protagonisten enttäuschend einseitig.

    Vom Vater hat der in Texas aufgewachsene Chris Kyle (Bradley Cooper) früh gelernt, wie man mit einem Gewehr Wild erlegt und dass es drei Sorten von Menschen gibt: „Schafe, Wölfe und Schäferhunde.“ Trotzdem verdient Kyle sein Geld erst einmal als Rodeo-Clown, bis er 1998 nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia beschließt, sich freiwillig beim Militär zu verpflichten. Bei den Navy SEALs wird er zum Scharfschützen ausgebildet und nach den Schrecken des 11. September in den Irak geschickt, wo er als erstes eine Mutter und ihren kleinen Sohn erschießt, die kurz davor sind, einen Granatenanschlag auf einen US-Trupp zu verüben. Kyle verdient sich mit immer weiteren Abschüssen schnell den Spitznamen „Legend“ und seine Kameraden am Boden halten sich sogar für unverletzlich, solange er von einem der Häuserdächer aus mit seinem Präzisionsgewehr über sie wacht. Als Kyle nach Ablauf seiner Dienstzeit zurückkehrt, wünscht sich seine Frau Taya Renae (Sienna Miller), dass er nun bitte mehr Zeit für sie haben solle. Aber Kyle will seine Kameraden im Irak auf keinen Fall im Stich lassen…


    Wieder zurück in Amerika sehen wir Chris Kyle vor dem TV sitzen, wie er sich offenbar einen Actionfilm anschaut: Es fallen Schüsse, andauernd knallt es. Erst als die Kamera langsam um den Veteranen herumfährt, erkennt der Zuschauer, dass Kyle auf den nicht eingeschalteten Fernseher starrt. „American Sniper“ ist zum Glück kein „Hurra, wir ziehen in den Krieg“-Film wie der letztjährige „Lone Survivor“, sondern erinnert in seiner Schilderung des tiefen schwarzen Lochs, in das Kriegsheimkehrer nach ihren Einsätzen oft fallen, viel eher an den großartigen „The Hurt Locker“. Dabei belastet es Kyle nicht so sehr, dass er so viele Menschen getötet hat, denn seine irakischen Opfer sind für ihn nach eigenem Bekunden ohnehin nur „Wilde“. Vielmehr will er ähnlich wie Jeremy Renners Figur in Kathryn Bigelows Oscar-Sieger zurück ins Kriegsgebiet, um endlich wieder eine Aufgabe zu haben: Den Rausch, einem seiner Kameraden das Leben zu retten, kann ihm in der Heimat eben keiner bieten. Eine solch differenzierte Haltung hätte dem Film allerdings auch gegenüber dem Protagonisten selbst gutgetan: Dass es Kyle nicht weiter juckt, die Iraker im Dutzend abzuknallen, wird ebenso wenig kritisch hinterfragt wie die vielen dreisten Lügen, die er nachweislich in seiner Biografie untergebracht hat. Stattdessen verklärt Eastwood ihn in einer manipulativ gefilmten Schlusssequenz mit dokumentarischen Aufnahmen vom Staatsbegräbnis des realen Kyle endgültig zum Vorzeigehelden.

    Dass „American Sniper“ trotzdem ein mitreißender Film geworden ist, liegt in erster Linie an seinem herausragenden Hauptdarsteller: Der 2015 zum dritten Mal in Folge für einen Oscar nominierte Bradley Cooper („Silver Linings“, „American Hustle“) hat sich für den Part nicht nur fleißig im Fitnessstudio aufgepumpt, sondern geht vollständig in seiner Rolle auf. Zudem holt Clint Eastwood aus den Szenen im Irak eine Menge raus: Anders als in den meisten anderen modernen Kriegsfilmen wird hier nicht mit schnellen Schnitten und wackliger Handkamera Verwirrung gestiftet, stattdessen sind die Duelle zwischen Kyle und seinen Widersachern in geradezu epische, immer übersichtliche Panoramabilder gefasst. Doch nicht nur bei der Wahl der Einstellungen zeigt sich die Leidenschaft des „Erbarmungslos“-Regisseur für den Western, auch bei der Gestaltung des Bösewichts wurde Eastwood offensichtlich von seinem Lieblingsgenre inspiriert: So hat er extra einen irakischen Superscharfschützen als Kyles Nemesis hinzugedichtet (den feindlichen Sniper gab es zwar tatsächlich, aber Kyle ist ihm nie begegnet), wobei der Mann-gegen-Mann-Western-Showdown zwar ein wenig klischeehaft gerät, aber dafür macht der anschließende chaosstiftende Wüstensandsturm noch mal richtig was her.

    Fazit: Emotional durchaus mitreißender Kriegsfilm von Altmeister Clint Eastwood, der seinen ambivalenten Protagonisten blütenweiß wäscht.
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