Mein FILMSTARTS
Hacksaw Ridge - Die Entscheidung
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Hacksaw Ridge - Die Entscheidung
Von
Es gibt Soldaten, die Heldenhaftes leisten, vielleicht sogar Menschenleben retten. Und dann ist da noch Desmond Doss! Was der bis zur Schmerzgrenze überzeugte Pazifist im Zweiten Weltkrieg für die Amerikaner an der Front in Japan leistete, ist buchstäblich unmenschlich. Der Sanitäter rettete bei der Schlacht um Okinawa im April 1945 sage und schreibe 75 seiner Soldatenkameraden das Leben, indem er die Verwundeten - unter schwerstem Beschuss - eigenhändig vom Schlachtfeld am Hacksaw Ridge einen nach dem anderen in Sicherheit schleppte! Dabei weigerte sich Doss, eine Waffe auch nur in die Hand zu nehmen, geschweige denn eine Kugel abzufeuern, denn als Siebenter-Tags-Adventist nahm er das 6. Gebot („Du sollst nicht töten“) wörtlich. „Braveheart“-Regisseur Mel Gibson setzt dem Träger der Medal Of Honor in seinem gnadenlos-kompromisslosen und unbändig-brutalen Kriegsfilm ein schillerndes Denkmal: Im Mittelpunkt der intensivsten und schonungslosesten Schlachtfeldaction seit den ersten 20 Minuten von Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ steht ausgerechnet ein überzeugter Pazifist – und gerade dieser scheinbare Widerspruch macht „Hacksaw Ridge - Die Entscheidung“ so unglaublich faszinierend.

Desmond Doss (Andrew Garfield) wächst im ländlichen Virginia auf und leidet unter der Unberechenbarkeit seines Vaters Tom (Hugo Weaving), einem Kriegsveteranen und Trinker. Doch die Liebe seiner fürsorglichen Mutter Bertha (Rachel Griffiths) und das familiäre Band zu seinem Bruder Hal (Nathaniel Buzolic) geben ihm Kraft. Desmond ist überzeugter Christ, der das Prinzip, anderen Menschen keine Gewalt anzutun, nicht einmal im äußersten Notfall brechen würde. Zugleich ist der junge Mann aber auch ein leidenschaftlicher Patriot, der seinem Vaterland im Zweiten Weltkrieg unbedingt dienen will – nur eben ohne Waffe im Anschlag. Bei seinen Vorgesetzen während der Grundausbildung stößt seine Einstellung zunächst auf harsche Ablehnung: Captain Clover (Sam Worthington) und Sergeant Howell (Vince Vaughn) verzweifeln fast an Doss‘ Starrsinn, sich nicht mit Waffengewalt verteidigen, aber trotzdem in den Krieg ziehen zu wollen. Allen Widerständen zum Trotz erstreitet sich Doss seinen Platz an der Kriegsfront und erlebt im Pazifikkrieg im Frühling 1945 in Japan auf der Insel Okinawa einen wahren Höllensturm, als die US-Armee das Gebiet um die mehr als 100 Meter hohe Steilwand von Maeda (die titelgebende Hacksaw Ridge) unter dem Sperrfeuer der Japaner zu erobern versucht…



Die vergangenen Jahre sind nicht spurlos an „Mad“ Mel Gibson („Lethal Weapon“) und der Karriere des ehemaligen Schauspiel-Megastars vorbeigezogen. In sein Gesicht haben sich tiefe Furchen gegraben, das Haar ist grau, der Bart weiß geworden. Aber verlernt hat der gesellschaftlich umstrittene Star das Schauspielern nicht - selbst wenn das Hollywood-Establishment den wegen privater Eskapaden Geächteten seit Jahren nahezu aus Großproduktionen (einzige Ausnahme: „The Expendables 3“) verbannt hat. Doch Gibson gibt nicht auf und landet nach Jahren der Stagnation einen spektakulären Befreiungsschlag: mit seiner ersten Regiearbeit seit „Apocalypto“ (von 2006)! Sein trotz eines Budgets von nur 40 Millionen Dollar absolut episch anmutendes, in Australien mit vorwiegend einheimischer Crew gedrehtes Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ ist ein meisterhaft inszenierter Film, der sinnbildhaft auch den Charakter des Regisseurs widerspiegelt: ambitioniert und knallhart, eigensinnig und unangepasst - und in der Summe brillant. Wie schon bei seinem Jesus-Schocker „Die Passion Christi“ erzählt Gibson auch hier mit radikaler Konsequenz und Durchschlagskraft vom quälenden Kampf um das Festhalten am eigenen Glauben.

Selbst als Kriegsdienstverweigerer möchte man diesen sturen Megapazifisten manchmal nur noch schütteln und ihm einfach eine Knarre in die Hand drücken, damit er sich endlich verteidigt. Aber dass uns Gibson schon während der Grundausbildung immer und immer wieder zeigt, wie Doss trotz aller Rückschläge und Widerstände unerschütterlich auf seinem Standpunkt beharrt, zahlt sich aus: Denn gerade dank dieser an Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ erinnernden Vorgeschichte (und in dem Wissen, dass es sich um wahre Begebenheiten handelt) entfaltet „Hacksaw Ridge“ im folgenden Schlachtengemetzel eine wahrhaft unwiderstehliche Wucht, vor der es kein Entkommen gibt. Wenn der Sanitäter schließlich im Retterrausch wie ein Berserker bis zur völligen Erschöpfung und weit darüber hinaus über das Schlachtfeld pflügt, um seine Kameraden schwer verletzt aus den Schützengräben zu zerren, entwickelt das einen unglaublichen emotionalen Punch. Man könnte es kaum glauben, wenn es nicht wahr wäre – und eigentlich hat Doss sogar noch mehr Menschen gerettet: Augenzeugen sprechen von 100 Soldaten, Doss aus Bescheidenheit nur von 50, deswegen einigt sich die Geschichtsschreibung auf die offizielle Zahl von 75.

Vor allem in der zweiten Hälfte auf dem Schlachtfeld ist Gibson als bekanntermaßen brillanter Inszenator von Gewalt und Gräueln (wie schon bei „Die Passion Christi“ und „Apocalypto“) voll in seinem Element: Die abgerissenen Gliedmaßen, zerplatzten Köpfe, in Zeitlupe verbrennenden und von Kugeln durchsiebten Leiber fliegen dem Publikum hier nur so um die Ohren. Rücksicht auf zarte Gemüter wird nicht genommen, weil Krieg nunmal so brutal ist, wie er hier dargestellt wird: als unbändiges Monster. Gibson nimmt dem Zuschauer jede Chance, sich zu entziehen - man glaubt stattdessen, sich selbst mit dort im tosend-dreckigen Getümmel zu befinden. Das ist mitreißendes Kino, das auch auf emotionaler Ebene bewegt. Ex-Spider-Man Andrew Garfield („Silence“) spielt diesen sanften, ebenso stolzen wie sturen Desmond Doss stoisch und unerschütterlich - egal welches Hindernis sich auch vor ihm auftürmt. Auch die Nebendarsteller überzeugen: Hugo Weaving („Matrix“) verleiht dem verbitterten, durch den Krieg traumatisierten, seine Frau schlagenden Säufer-Vater eine berührende Verletzlichkeit, während ausgerechnet Komödien-Star Vince Vaughn („Die Hochzeits-Crasher“) als Doss‘ Vorgesetzter von allen Soldatendarstellern die erinnerungswürdigste Performance abliefert.

Fazit: Mel Gibsons unbändig-radikales und herausragend inszeniertes Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ ist ein explosives Gemisch aus Glaube und Gewalt – ein wahrhaft spektakuläres Regie-Comeback.
Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
  • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
  • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
  • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung

Kommentare

  • FAm Dusk Till Dawn
    Tja, Filme machen kann er zweifellos der gute Mel.Ich glaube Nolan muss sich ganz warm anziehen, um mit "Dunkirk" gegen diesen Streifen anstinken zu können.Krieg ist die Hölle. Solche Filme müssen richtig weh tun.
  • Knarfe1000
    Freut mich, dass Gibson wieder auf der Höhe ist!
  • Zach Braff
    Momentan hagelt es ja geradezu Kritiken! Und dann auch noch viele sehr gute. Bin sehr gespannt!
  • Jimmy V.
    Super! Freue mich für Mad Mel! Den gucke ich mir gerne an.
  • HalJordan
    Bin mir ziemlich sicher, dass "Dunkirk" überhaupt nicht gegen diesen Film konkurrieren MUSS. Und das beziehe ich nicht nur auf das Startdatum, sondern auch die inhaltlichen Aspekte. Krieg ist bekanntlich nicht gleich Krieg. Man muss sich z. B. alleine die Filme "Good Morning Vietnam", "Apocolypse Now" und "The Deer Hunter" anschauen. Alle handeln vom Vietnamkrieg, dennoch bieten diese inhaltlich genug, um gegen die Konkurrenz nicht abstinken zu müssen.
  • Fain5
    Ja der Herr Baumgardt hat schon bei der Rogue One Kritik an sich zweifeln lassen.
  • Fain5
    Ich wette Christoph hätte dem Film deswegen nur 2 Sterne gegeben,
  • P14INVI3VV
    Der Trailer vermittelt wieder diese Gefühle von Rührseligkeit und amerikanischem Heldentum. Dass der Film grandios inszeniert ist, sieht man, aber was den Grundton betrifft, scheint er nicht viel Neues zu bieten. Ich werde ihn mir natürlich trotzdem ansehen und mich evtl eines besseren belehren lassen. Der Trailer von "Dunkirk" wirkt auf mich im Gegenzug zb sehr gelassen und unaufgeregt mit melancholischem Unterton. So stelle ich mir echten Krieg vor.
  • TresChic
    bin zu 200% bei dir!!
  • TresChic
    Mel Gibson ist ein Gott auf dem Regiestuhl, dann kommt lange nichts, dann Eastwood und dann Gareth Evans und Scorsese. Irgendwie schade, dass so ein krasses Talent so wenige Filme dreht. o-O
  • John K.
    Der gute alte Fain5 Comment, stets bemüht in jedem seiner Posts seinen Unmut über Filmstarts kund zu tun. Ist ja nicht so als gäbe es schon dutzende davon.....
  • FAm Dusk Till Dawn
    " Irgendwie schade, dass so ein krasses Talent so wenige Filme dreht. o-O"Oder vielleicht gar nicht mal so schlecht.
  • FAm Dusk Till Dawn
    Da will ich dir auch gar nicht widersprechen. Nur werden wir (heutzutage) nicht gerade mit großen Kriegsfilmen zugeschüttet. Zwischen den ganzen kunterbunten Krawallstreifen, stechen zwei solche eher düsteren Streifen aber dann doch etwas heraus.
  • Fain5
    Wow und jetzt?
  • Fain5
    Danke für die Klarstellung. Und Lone Survivor fand ich auch nicht gut. Wobei mir da weniger der Patriotismus auf den Keks ging als diese Terminatorsoldaten die alles überleben bzw nach dem sie mehrere Meter tief auf einen Baumstamm fallen einfach weiter laufen als wäre nichts gewesen.Wobei ich das Ende (soweit echt) schon toll fand mit der Tradition der Einwohner.Was sagst du zum neuen Ang Lee?
  • Hans H.
    Gareth Evans? Der hat doch kaum Referenzen.
  • Admiratio
    Ich fand den Film eher mittelmäßig.Die Story ist straight erzählt und weiß durchaus zu berühren, aber ab Beginn des Schlachtengetümmels verliert der Film für mich deutlich an Qualität - und das ist dann leider fast die gesamte zweite Hälfte. Ich finde die Figuren nicht gut eingeführt und platziert (bis auf Desmond habe ich bei keinem besonders mitgefiebert) und vor allem finde ich die Inszenierung der Schlacht nicht gut.Dieser Film ist wirklich ein Kriegsfilm! Viele Kriegsfilme sind ja in Wahrheit Anti-Kriegsfilme, aber dieser hier nicht.Jeder Kopfschuss und jeder Flammenwerfereinsatz wird in Zeitlupe zelebriert und der Star ist in diesem Abschnitt des Films ganz klar die Kriegshandlung - nicht der Pazifist, um den es eigentlich gehen sollte...Ich finde den Film auf seltsame Art patriotisch. Es kommt mir vor, als würde Gibson sowas wie "300" als patriotischen Film über Griechen interpretieren und sowas, in abgewandelter Form, in die Neuzeit holen wollen.Dabei habe ich grundsätzlich überhaupt nichts gegen Patriotismus - auch nicht amerikanischen. Mir hat z.B. "American Sniper" sehr gut gefallen, weil er die Geschichte eines Soldaten, mit seiner persönlichen Vorgeschichte, seinen Beweggründen, Eindrücken und Rechtfertigungen erzählt hat. Das hat mich gleichermaßen berührt und angewidert.Hier dient Desmond Doss aus meiner Sicht aber nur als Mittel zum Zweck. Er wirkt auf mich wie ein Fremdkörper in der Handlung und der Ansatz der Macher, einen Film inszenieren, in dem das Schlachtengetümmel eine Aneinanderreihung heroischer Zeitlupenszenen ist, wirkt ja viel weniger plump, wenn man auf das Filmplakat schreiben kann, dass es eigentlich um einen Pazifisten geht.Geht es hier meiner Ansicht nach aber nicht - zumindest nicht vordergründig.3/5
  • Fain5
    Es beruhigt mich echt hier von der schonungslosen Gewaltdarstellung zu lesen, denn der Trailer sah schon echt zu hochglanz aus für einen Mel Gibson Film. Aber anscheinend enttäuscht er mal wieder nicht.
  • Fain5
    Nee vernünftige Menschen sind damit beschäftigt, dass und das an die richtige Stellen zu setzen.
  • Hans H.
    Top Film, sollte man sich nicht entgehen lassen. Schliesse mich der FS-Kritik an!
  • Borsti
    Joa, erste größere Enttäuschung des Filmjahres. Hat sich teilweise ähnlich angefüllt wie ein unfreiwilig komisches Drama, welches aber super ernst sein will. Sicher die Schlachtenszenen sind gut und aufwendig inszeniert, aber dann auch schon so lächerlich brutal gestaltet und stilisiert, dass ich mich eher ganz gut unterhalten gefühlt habe, anstatt dass die ganzen abgetrennten Körperteile und zerplatzenden Köpfe mich in irgend einer Form abstoßen oder berühren würden. Und dann noch das Ende beim dem dann Gibson alles egal war und der einfach alles in Zeitlupe ablaufen lässt, war dann komplett Bananne. Aber hey, die bösen Japaner werden durch die Kraft von Gebeten besiegt, also alles cool.Zum Rest lässt sich nicht viel sagen, die Liebesgeschichte hat schon 1000 mal gesehen, der Akt im Boot Camp hat mich nur noch mal daran erinnert, wie gut Full Metal Jacket ist und war ansonsten auch nur nett. Bin halt leider auch nicht sonderlich religiös, weswegen ich aus der Zielgruppe, ähnlich wie bei Passion Christi ein wenig rausfalle, und vielleicht auch deswegen emotional nicht gepackt wurde.Gut, Splatterfans haben aber ganz sicher ihren Spaß am Film und für Amerikaner ist die Heldengeschichte sicher auch ganz ansprechend, deswegen auf jeden Fall noch solide 3 Sterne.
  • Admiratio
    Du hasr meine Kritik missverstanden. Ich finde eben nicht, dass Krieg hier als "grausam" dargestellt wird. Im Gegenteil: Vieles wird glorifiziert und noch mal extra in Zeitlupe gezeigt.Es geht im Film aus meiner Sicht nur nebensächlich um Garfields Figur oder Pazifismus - eigentlich geht es mehr um das Gegenteil.Kann man machen, hat mir aber im Gesamteindruck nicht so gefallen.
  • Fain5
    Also: Vince Vaughn ist 2 Meter und darf deswegen nur große Waffen tragen. Es muss ein Kriegsfilm mit Tiefgang sein. Wenn die Soldaten während der Schlacht also nicht alle 2 Minuten über die Dualität des Menschen philosophieren ist er nichts. Und zu guter letzt dürfen die Japaner, welche unumstritten wahre Gräueltaten im 2. Weltkrieg begangen haben, nicht als Monster bezeichnet werden, weil das ja früher bestimmt keiner zu denen gesagt hat.Alles in allem eine richtig fundierte Filmkritik. Daumen hoch.
  • Fain5
    Ich fand den Film wirklich sehr gut und das obwohl ich Zweifel hatte ob die Story funktioniert. Mel Gibson kann einfach inszenieren. Ich meine Leute es geht um einen Pazifisten, der 75 Kameraden rettet. Wer sich da jetzt noch darüber beschwert, dass er als Held dargestellt wird sollte nicht in so einen Film gehen. Die erste Hälfte war dank Garfield sehr unterhaltsam und die zweite dank Gibson wahnsinnig intensiv. Gerade der 2. Angriff der Japaner war richtig angsteinflößend. Ein sehr guter Kriegsfilm.
  • Fain5
    Deine einzige Kritik ist, dass es noch andere Kriegsfilme gibt.... Klingt plausibel...
  • Fain5
    Achso also hättest du es lieber gehabt, wenn man in der 2. Hälfte nur Desmond dabei zu sieht, wie er im Graben hockt und wartet, dass seine Kameraden die Japaner ausschalten? Nee Gibson hat es schon richtig gemacht. Die Schlachtszenen waren klasse.
  • Fain5
    In Soldat James Ryan gab es auch Zeitlupe und in Full Metal Jacket wird ein Soldaten mehrmals in Zeitlupe angeschossen. Wenn man schon Kritik übt sollte sie fundiert sein.
  • Fain5
    Hast du ihn mittlerweile gesehen? Wie findest du ihn?
  • Fain5
    Es ist ein Film über einen amerikanischen Soldaten der ohne Waffe in den Krieg zieht und 75 Kameraden rettet. Was genau erwartest du? Guck dir keine 2. Weltkriegsfilme an wenn du die patriotischen Phrasen nicht mehr ertragen kannst.
Kommentare anzeigen
Back to Top