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    The Accountant
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Accountant
    Von Carsten Baumgardt
    Ein autistisches Mathegenie wird zum besten Buchhalter der Welt, hilft der Mafia bei der Geldwäsche und verfügt außerdem über Nahkampffähigkeiten, die nur knapp hinter denen eines Cyborgs zurückbleiben: Eine kühne und sicher auch etwas verrückte Grundidee kann ausreichen, um in Hollywood mächtig Eindruck zu hinterlassen. Bill Dubuque („Der Richter – Recht oder Ehre“) landete mit dem Autisten-Szenario, das die Grundlage für sein Skript zu „The Accountant“ bildet, jedenfalls 2011 auf der berühmten Black List herausragender, aber unverfilmter Drehbücher. Nun macht „Warrior“-Regisseur Gavin O’Connor aus dieser ungewöhnlichen Vorlage einen griffigen, mit reichlich schwarzem Humor versehenen und durchaus spannenden Pulp-Thriller in ebenso kühlen wie schicken Bildern.

    Offiziell betreibt Christian Wolff (Ben Affleck) ein kleines Steuerberatungsbüro in der Nähe von Chicago. Er führt scheinbar ein unauffälliges Dasein ohne private soziale Kontakte. Tatsächlich aber arbeitet das autistische Mathematik-Genie hinter der biederen Fassade sehr erfolgreich als Buchhalter für Verbrecherorganisationen und gibt deren kriminellen Geschäften einen legalen Anstrich. Als die US-Steuerbehörde ihm in Person von Director Raymond King (J.K. Simmons) und der Ermittler-Bluthündin Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson) langsam auf den Leib rückt, ist es zunächst einmal vorteilhaft, dass Wolffs aktuelle Aufgabe zur Abwechslung gegen kein Gesetz verstößt. Er soll ein Finanzleck in Lamar Blacks (John Lithgow) Robotikkonzern ausfindig machen, über das kontinuierlich Geld abgezweigt wird. Doch an dem Fall ist etwas grundsätzlich faul. Es kommt zu mysteriösen Todesfällen im Umfeld der Firma und auch deren Buchhalterin Dana Cummings (Anna Kendrick) befindet sich in Lebensgefahr. Wolff fühlt sich für sie verantwortlich und beschützt sie.



    Autismus ist in Hollywood als Thema längst etabliert, aber noch nie wurde er so überspitzt dargestellt wie in „The Accountant“. Natürlich geht es hier nicht um eine medizinisch realistische Schilderung der Krankheit, sie ist lediglich ein letztlich austauschbares Genre-Element. Entsprechend verleiht Regisseur Gavin O’Connor („The Americans“) den manischen Zügen des Protagonisten aus der „Rain Man“-Klischeekiste ein ebenso originelles wie absurdes Gepräge: So zieht sich Christian jeden Tag zwischen 9:46 Uhr und 10:01 Uhr zurück, dreht die Anlage auf, schmeißt die Blitzmaschine an und malträtiert sich im Flackerlicht zu harter Industrial Music mit einem Stock das Schienbein. Die Schilderung solcher Riten und Ticks wirkt zunächst noch erstaunlich ernst, aber im Lauf des Films geht O’Connor verstärkt zu einem Comic-Action-Stil über und nimmt den eruptiven Gewaltorgien, die der Gangsterplot mit sich bringt, durch mal ironischen, mal zynischen Humor die brutale Spitze. Dazu passen die trashig angehauchten Rückblenden in die Jugend Christians, in denen der Protagonist trotz seiner Krankheit von seinem knallharten, aber nur mit den besten Absichten handelnden Soldatenvater (Robert C. Treveiler) zur Kampfmaschine gedrillt wird.

    Die Kriminalhandlung der 44-Millionen-Dollar-Produktion ist relativ einfach zu durchschauen - um die Verschwörung in der Roboter-Firma aufzuklären, braucht es jedenfalls keinen Super-Buchhalter wie Christian Wolff. Aber über solche wenig plausiblen Einzelheiten spielen alle Beteiligten genauso wie über einige erstaunliche Zufälle locker hinweg, außerdem sorgen zwei veritable Storytwists für willkommene Belebung. Der schwächere der beiden um J.K. Simmons („Whiplash“) als obersten Steuerfahnder wirkt ein bisschen trivial, löst aber durchaus elegant die packende Eröffnungsszene des Films auf, bei der jemand im Keyser-Söze-Stil ein Massaker in einem Mafiahaus anrichtet. Der zweite Plottwist sei an dieser Stelle nicht einmal angedeutet, er stellt aber so manches auf den Kopf und fordert zum Neusortieren einiger Gedanken auf. Bei den Dialogen hält sich Autor Bill Dubuque dagegen zurück, sie fallen spärlich und meist rein funktional aus – die Attraktionen liegen in „The Accountant“ woanders.

    Für die Rolle des schmallippigen (Anti-)Helden mit dem gewissen Etwas ist Ben Affleck („Argo“, „Batman V. Superman”) eine ideale Besetzung. Der zweifache Oscarpreisträger verzieht keine Miene – und das mit höchster Effektivität. Bei ihm wirkt selbst dieser abweisende Buchhalter-Killer sympathisch und selbst wenn er stufenlos vom Biedermann in den „John Wick“-Modus hochschaltet, nimmt man ihm die strenggenommen nicht wirklich stimmige Figur ab. Ein weiterer Pluspunkt ist die Unberechenbarkeit des mordenden Autisten: Er folgt einem eigenen Moralkodex, aber wie er diesen auslegt, ist immer wieder überraschend. Für die anderen Darsteller bleiben daneben nur recht konventionelle Rollen: Anna Kendrick („Up In The Air“, „Pitch Perfect“) überzeugt als Buchhalterin mit Courage und Cynthia Addai-Robinson („Star Trek Into Darkness“) als ambitionierte Fahnderin mit dunkler Vergangenheit. Und während J.K. Simmons etwas unterfordert wirkt, dreht Jon Bernthal („The Wolf Of Wall Street“, „Herz aus Stahl“) als Anführer eines zwielichtigen Einschüchterungskommandos voll auf.

    Fazit: Handlung und Figurenzeichnung mögen nicht immer hundertprozentig stimmig sein, die Ideenvielfalt von Gavin O’Connors schwarzhumorigem „The Accountant“ sorgt dennoch für gute, kurzweilige Thriller-Unterhaltung.
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