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Vollblüter
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Vollblüter
Von
Theoretisch versteht man unter einem Vollblüter ein Pferd, dessen Zuchtgeschichte auf arabische Vorfahren zurückgeht. Weil eine derartige Abstammung den Vierbeinern aber selten auf die Stirn geschrieben steht, geht man in der Praxis vor allem nach Aussehen und Charakter der Tiere. Die meist sehr schlanken, hochbeinigen und dadurch vor allem im Rennsport eingesetzten Vollblüter gelten auf der einen Seite als sehr genügsam und robust, auf der anderen als besonders sensibel und temperamentvoll. Aber um Pferde geht es in Corey Finleys Regiedebüt „Vollblüter“ sowieso nur am Rande. Stattdessen verweist der Titel viel mehr auf die Charakterzüge der beiden Protagonistinnen.

Amanda und Lily sind zwei Mädchen aus wohlhabenden Elternhäusern, die den Tag vorwiegend mit Abhängen und bedeutungsschwangerem Herumsinnieren verbringen. Doch die auf den ersten Blick so oberflächlichen jungen Frauen stecken in Wirklichkeit voller unterschwelliger Gelüste und wissen ganz genau, was sie wollen. Das Problem: So richtig aus ihrer Haut können sie beide nicht. Der Einen ist es gleichgültig (Amanda fühlt nichts), die Andere (Lily fühlt alles) geht daran fast kaputt. Der ebenso kaltblütige wie kultige „Vollblüter“ zeigt auf ziemlich verstörend-unterhaltsame Weise, was passieren kann, wenn auf das permanente Zusammenreißen schließlich das Ausbrechen folgt – mit allen Konsequenzen.

Früher waren Lily (Anya Taylor-Joy) und Amanda (Olivia Cooke) mal beste Freundinnen, ehe sie sich nach dem frühen Tod von Lilys Vater aus den Augen verloren haben. Als Lily ihre ehemalige Freundin aus heiterem Himmel zu sich einlädt, um ihr bei der Schularbeit zu helfen, ahnt Amanda nicht, dass ihre eigene Mutter Lily für das Treffen fürstlich entlohnt hat, damit ihre einzelgängerische Tochter überhaupt mal wieder aus dem Haus kommt. Aber aus dem bezahlten Treffen entwickelt sich eine neue Freundschaft.

Eines Nachmittags verrät Amanda ihrer neuen alten Freundin ihr größtes Geheimnis, nämlich dass sie keinerlei Emotionen empfindet, weder Glück, noch Trauer noch Wut. Lily ist hingegen das genaue Gegenteil: Sie reagiert emotional regelmäßig über und hat deshalb auch große Probleme in ihrer letzten Schule bekommen. Als ihr Stiefvater Mark (Paul Sparks) eines Tages droht, Lily in ein Internat für verhaltensgestörte Jugendliche zu schicken, wird aus Amandas fixer Idee, ihn doch einfach umzubringen, nach und nach ein reeller Plan: Die Mädchen wollen den Drogendealer Tim (Anton Yelchin in seiner letzten Rolle) anheuern, damit er den Mord für sie begeht, während sie selbst sich um ihre perfekten Alibis kümmern…


In der allerersten Szene sieht man, wie sich Amanda und ein Pferd Auge in Auge gegenüberstehen. Sie streichelt ihm vorsichtig über den Kopf, bis die Kamera im nächsten Moment einfängt, wie eine Hand in eine Tasche greift und ein langes Messer hervorzieht. Später erst erfahren wird, dass Amanda ihr verkrüppeltes Pferd bestialisch abgeschlachtet hat – ein auf den ersten Blick sinnloser Akt der Gewalt, deren inhaltlicher Sinn und Zweck sich wie so vieles in „Vollblüter“ erst im weiteren Verlauf so richtig erschließt. Corey Finley, der auch das Drehbuch selbst geschrieben hat, arbeitet in seiner Geschichte vor allem die Gegensätze heraus.

Amanda liebt Pferde, träumt sogar von einer Gesellschaft, in der sich die Menschen den edlen Tieren unterwerfen, und trauert ihrer Zeit als Reiterin hinterher. Trotzdem hat sie ihr Pferd umgebracht und dabei keinerlei Emotionen empfunden. Ihr gegenüber steht Lily: Anders als ihre Freundin leidet sie nicht unter der psychischen Störung des Nicht-Empfindens, trotzdem gibt sie sich bisweilen noch gefühlskälter als Amanda, die vor dem Spiegel trainiert, die Emotionen anderer Menschen zu imitieren. Auf dem Papier sind die Mädchen grundverschieden, blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Geschehnisse (Amanda ist der Kopf, Lily der Bauch), doch mit der Zeit nähern sie sich dennoch immer mehr an – ganz so, als müsse man in der heutigen Gesellschaft zwangsläufig irgendwann abstumpfen, bis man möglichst gar nichts mehr empfindet.

Corey Finley wendet viel Zeit für Gespräche zwischen seinen Protagonistinnen auf. Manchmal albern sie auch einfach nur herum oder lassen sich zu oberflächlichen Gedankenspielen hinreißen. Trotzdem ist jedes einzelne Wort wie das Teil eines Puzzles. „Vollblüter“ ist trotz seines dramaturgischen Aufbaus, der eben auf das geplante Gewaltverbrechen zuläuft, kein schlichter Thriller, sondern immer auch ein doppelbödiges Charakterdrama, ein zugleich bewunderndes und erschrockenes Generationenporträt sowie eine rabenschwarze und sauunterhaltsame Satire.

Eingeteilt in vier Kapitel nimmt Finley die Entwicklung der Freundschaft ins Visier: Im ersten Kapitel nähern sich die Mädchen (erneut) an, im zweiten liegen sie schon wieder auf einer Wellenlänge und im dritten sind sie als Team bereits unschlagbar und gehen gemeinsam über jegliche moralische wie rechtliche Grenzen hinaus. Im vierten Kapitel geht es dann um die Konsequenzen – oder auch nicht. Dabei sind es oft nur ganz kleine, feine Nuancen, die Amanda, die nichts fühlen kann, und Lily, die nichts fühlen will, voneinander unterscheiden.

Die radikale Inszenierung der Tat, bei der der ultimativ-abgründige Thrill gerade durch das Nichtzeigen heraufbeschworen wird, gehört schließlich zu den brillantesten Szenen des aktuellen Kinojahres und katapultiert Corey Finley direkt mit an die Spitze der aufregendsten Regie-Neulinge der vergangenen Jahre. „Vollblüter“ ist in seiner visuellen Klarheit mit einem zugleich strengen und doch verspielten Blick für Proportionen und Bildaufteilung ein auch schon rein optisch sehr aufregender Film. Das ist aber auch kein Wunder, als Kameramann fungiert hier schließlich Lyle Vincent, der sein Talent auch schon in dem im Iran spielenden Schwarz-Weiß-Vampirfilm „A Girl Walks Home Alone At Night“ unter Beweis gestellt hat.

Absolut faszinierend ist auch die von der ersten – oberflächlich betrachtet vollkommen harmlosen – Nachhilfeszene an in der Luft liegende diffuse Spannung, deren Herkunft oder Ursache über weite Strecken einfach nicht greifbar ist, da sich weder ein handfester Antagonist noch eine klar erkennbare Gefahr ausmachen lassen. Das hat natürlich auch viel mit den Schauspielerinnen zu tun: Olivia Cooke („Ready Player One“) und Anya Taylor-Joy („Split“) sind in ihren jeweils auf ihre Art emotional reduzierten Rollen eine wahre Wucht. Sie legen mithilfe winzigster Regungen ihr komplettes Innenleben offen und haben trotz ihrer Schamlosigkeit und Naivität trotzdem immer die Sympathien auf ihrer Seite.

Dem gegenüber stehen zwei männliche Nebenrollen: Paul Sparks („Greatest Showman“) mimt Lilys Stiefvater Mark als perfektionistischen Karrieretypen, dem sich eigentlich nichts Konkretes vorwerfen lässt, den man aber alleine schon aufgrund seiner arschigen Ausstrahlung gerne ins offene Messer laufen sehen würde. Anton Yelchin („Green Room“) spielt als kleinlauter Drogendealer unterdessen zwar sicherlich den prägnantesten Part seiner leider viel zu kurzen und tragisch geendeten Karriere. Aber er hätte es sicher sehr viel schlechter Treffen können, als „Vollblüter“ als letzten Film ganz oben in seiner Filmographie stehen zu haben.

Fazit: Ein garstiges Biest von einem Film – verstörend kühl, aufregend bösartig und verflucht unterhaltsam. „Vollblüter“ hat definitiv das Zeug zum Kultfilm.
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