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First Reformed
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
First Reformed
Von
In „First Reformed“ lotet Paul Schrader, der Drehbuchautor der Martin-Scorsese-Klassiker „Taxi Driver“ und „Wie ein wilder Stier“ sowie Regisseur von „Auto Focus“ und „The Canyons“ einmal mehr die Tiefen menschlicher Abgründe aus, wobei er seinen Hauptdarsteller Ethan Hawke als todessehnsüchtigen Priester einer kleinen Gemeinde vor eine emotionale Bewährungsprobe stellt. Das Quasi-Kammerspiel ist dabei kein wüster-abgedrehter Krimi-Trip wie Schraders vorherige Regiearbeit „Dog Eat Dog“ mit Nicolas Cage und Willem Dafoe, sondern eine provokant-unangepasste Reise in die Seelenwelt eines Menschen auf der Suche nach Erlösung.

Der ehemalige Militärpfarrer Toller (Ethan Hawke) hat alles verloren, was ihm etwas bedeutet hat: Sein Sohn ist im Irak gefallen, seine Frau hat ihn verlassen und der Glaube an Gott ist dem Geistlichen genauso abhandengekommen wie seine Gesundheit. Schwerkrank verdient er sich ein Gnadenbrot auf verlorenem Posten als Pfarrer einer historisch bedeutsamen, ansonsten aber unwichtigen Minikirche. In diese verirren sich neben einer Handvoll Gemeindemitglieder ab und zu Touristen, denen der Geistliche Souvenirs anzudrehen versucht. Zurückgezogen will sich Toller die letzten Monate in Ruhe zu Tode saufen, wäre da nicht die große Zeremonie zum 250-jährigen Kirchenjubiläum, durch die er die Aufmerksamkeit seines Chefs Jeffers (Cedric The Entertainer) auf sich zieht.

Jeffers sorgt sich vor allem darum, dass dem Kirchen-Sponsor Balq (Michael Gaston) nicht auf die Zehen getreten wird, nachdem dieser mit Umweltskandalen von sich reden gemacht hat Als sich die schwangere Mary (Amanda Seyfried) in Sorge um ihren Ehemann Michael (Philipp Ettinger) an ihn wendet, wird Toller aufgerüttelt. Dass sich Michael als radikaler Umweltschützer für die gute Sache opfern will, bewegt den Geistlichen, der plötzlich erkennt, wie er seinem vermeintlich trostlosen Leben doch noch einen Sinn abringen kann: Mit einem großen Knall will er vor laufenden Pressekameras abtreten…


Als langjährige Konstante der Filmbranche überrascht Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader immer wieder durch die Umsetzung von provokanten und kontroversen Stoffen. Ähnlich kompromisslos wie seinem Regiekollegen Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) gelingt es auch Schrader, im eigentlich strenggeregelten System der Filmherstellung sein völlig eigenes Ding zu machen. Das lässt sich auch an Schraders neuestem Werk „First Reformed“ ablesen. Schon inszenatorisch wirkt dieser Film im heutigen Kino regelrecht exotisch mit seinen langen, statischen Einstellungen (die Kamera bewegt sich so gut wie nie), dem fast völligen Verzicht auf Filmmusik, einem anachronistischen 4:3-Bildformat sowie seiner nahezu monochromen Farbgebung. Letzteres ist ein Kompromiss der Geldgeber mit Schrader, der den Film ursprünglich gleich ganz in Schwarz-Weiß drehen wollte. Doch gerade diese Stilmittel, die den heutigen Sehgewohnheiten so widersprechen, machen hier den Reiz aus. Hat man sich auf die ersten Szenen eingelassen, kann man in die sorgsam komponierten Bilder von „Dog Eat Dog“-Kameramann Alexander Dynan regelrecht eintauchen. Ähnlich wie in den Filmen von Peter Greenaway („Die Bettlektüre“) erschafft die Kameraarbeit auch hier immer wieder Ruhepole, die einen suggestiven Sog erzeugen.

Dabei besteht der Film vorwiegend aus Dialog: Toller redet mit dem Küster, Vorgesetzten und Kollegen, der kirchlichen Jugendgruppe, den Gemeindemitgliedern und - durch sein Tagebuch - letztlich mit sich selbst. Dabei überträgt Schrader seine eigene streng-religiöse Erziehung und seine Obsession mit dem Glauben in die Figuren des Films. Dennoch legt er ihnen nicht einfach seine eigenen Worte in den Mund, sondern erschafft rundherum glaubwürdige, einnehmende Charaktere: Ethan Hawke, dessen Bandbreite vom Actionfilm („Die glorreichen Sieben“) bis hin zu Charakterstudien („Before Sunrise“) reicht, leistet hier Erstaunliches bei der Verkörperung des Antiheldens. Schon die tiefen Furchen im Gesicht des Pfarrers sprechen Bände über dessen innere Zerrissenheit. Mit der Aussicht auf ein baldiges Ableben wirkt er wie von dieser Welt entrückt. In seiner Verzweiflung und Unsicherheit lehnt Toller jede Hilfe ab, stößt die an ihm interessierte Chorleiterin Esther (Victoria Hill) rüde von sich, verweigert sich seinem Vorgesetzen und legt sich mit Umweltsünder Balq an, den er wie ein Stalker verfolgt.

Darüber hinaus fährt Schrader – wie von ihm nicht anders gewohnt - ein großartiges Ensemble an Charaktermimen auf: Der hier konsequent gegen den Strich besetzte Komiker Cedric The Entertainer („Ghost Movie“) liefert eine überzeugende Performance ab. Ebenso Amanda Seyfried mit ihrer Darstellung der kummervollen Ehefrau, die bei dem stoischen Gottesmann trotz seiner menschlichen Makel Halt sucht. So kommt es zwischen den beiden zu einer Annäherung, die in einer im Gedächtnis bleibenden, psychedelisch angehauchten Intimszene ihren Höhepunkt findet.

Das alles ist faszinierend mitzuerleben, wenn anfangs auch nicht deutlich wird, worauf der Film eigentlich hinsteuert. Gerade den Bezug zur Umweltschutzthematik muss der Zuschauer selbst enträtseln, was gerade zu Beginn ein wenig Geduld erfordert. Doch der Film bekommt die Kurve und nimmt in der zweiten Hälfte Fahrt auf. Wenn sich mehr und mehr abzeichnet, dass Toller einen fatalistischen Weg einschlagen wird, entwickelt sich eine Spannung, die bis zum Schluss anhält und eines der ungewöhnlichsten und krudesten Happy Ends der vergangenen Filmjahre bietet. Schrader vergleicht „First Reformed“ übrigens selbst mit seinem wohl legendärsten Werk „Taxi Driver“. Und tatsächlich vermag man Parallelen in der Seelenwelt der jeweiligen Protagonisten zu erkennen, die am Ende das Unrecht der Welt mittels Selbstzerstörung gutzumachen versuchen.

Fazit: Ein etwas sperriges und puristisches Kammerspiel, das in der ersten Hälft schon ein wenig Geduld des Zuschauers benötigt, einen dann aber konsequent in seinen Bann zieht, solange man sich nur auf das ungewöhnliche Thema einlässt.
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