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Manou – flieg‘ flink!
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Manou – flieg‘ flink!

Vögel gegen Rassismus

Von Antje Wessels
Nach Spatzen und Störchen („Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper“), Gänsen und Enten („Gans im Glück“) sowie Goldregenpfeifern, Falken und Schneehühnern („Ploey – Du fliegst niemals allein“) widmet sich „Manou – flieg‘ flink!“ als viertes Kino-Animations-Abenteuer innerhalb von etwas mehr als eineinhalb Jahren den Eskapaden verschiedener Vogelarten. Das für den internationalen Markt mit hochkarätige Besetzung in englischer Sprache produzierte Regiedebüt der deutschen Effekte-Spezialisten Christian Haas und Andrea Block, die mit ihrer Firma LUXX Studios unter anderem für die Visual Effects in „White House Down“ und „Grand Budapest Hotel“ verantwortlich zeichneten, überzeugt dabei nicht nur durch die lebensechten Animationen. Diese sind mitsamt der sehr detailverliebten Inszenierung rassespezifischer Eigenheiten verschiedener Vogelarten nicht weniger charmant als die Geschichte, die sich auf zwar kindgerechte, letztlich aber doch bemerkenswert deutliche Weise mit in den Köpfen festsitzendem Rassismus auseinandersetzt.

Als der kleine Mauersegler Manou seine Eltern verliert, hat er Glück: Eine liebevolle Möwendame (Stimme im Original: Kate Winslet) und ihr zunächst skeptischer Mann (Willem Dafoe) nehmen das verwaiste Küken bei sich auf und bringen ihm alles Lebensnotwendige bei, was eine kleine Möwe wissen muss. Doch je älter Manou wird, desto mehr realisiert nicht nur er, dass in der Möwenschar kein Platz für ihn ist. Schwimmen kann er nicht, Fische schmecken ihm nicht und während seine Freunde nur die Flügel ausbreiten und auf dem Wind dahingleiten müssen, sind seine viel zu klein für derartige Kunststücke. Als er eines Nachts auch noch einen Kampf gegen die gefräßigen Ratten verliert, sieht sein strenger Vater keine andere Möglichkeit, als seinen Pflegesohn aus der Gemeinschaft zu verstoßen. Als er sich eines Tages wieder einmal allein durch ein beschauliches französisches Küstendorf schlägt, entdeckt er plötzlich eine Vogeldame (Cassandra Steen), die aussieht wie er. Ob es womöglich noch andere Mauersegler gibt?


Dass ein Vogel einer Art von Vögeln einer anderen Art aufgezogen wird, war bereits das Thema in „Überflieger“ und „Gans im Glück“. Dass sich die Waisenvögel damit schwertun, ihrer naturgegebenen Bestimmung – dem Fliegen – zu folgen, wurde in „Gans im Glück“ und „Ploey“ behandelt. „Manou – flieg‘ flink!“ bringt nun die dringend notwendige erzählerische Varianz in dieses Potpourri an Vogel-Animationsfilmen. Hier ist nur die Grundprämisse des von Fremden aufgezogenen Vogelbabys identisch. Die anfänglichen Flugschwierigkeiten sind relativ schnell behoben, sobald Manou akzeptiert hat, dass sein Körper eben anders funktioniert als der einer Möwe. Und diesmal geht es auch nicht um einen Flug in Richtung Süden, der allein unternommen werden muss, sondern in erster Linie um Identitätsfindung und speziesübergreifenden Frieden.

Zugegeben: Die Sache mit der Suche nach und dem Finden zu sich selbst ist für einen familientauglichen Film nicht gerade neu. Derartige Botschaften finden sich in identischer oder zumindest abgewandelter Form in nahezu jedem Film, der auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten ist. Doch die Drehbuchautoren Andrea Block, Phil Parker und Axel Melzener („Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“) variieren die so bekannte wie wichtige Thematik um die richtigen Nuancen Ihr kleiner Held ist keiner, der aktiv mit sich hadert, ganz im Gegenteil: Manou weiß sehr schnell, wer und vor allem was er ist, bekommt von seinen Möwen-Kumpanen aber immer wieder das Gefühl vermittelt, dass er, einfach nur aufgrund seiner Rasse, nicht dazugehört. Selbst sein ihn zu Beginn noch wie seinen eigenen Nachwuchs behandelnder Ziehvater kann die Gefühle für seinen Adoptivsohn irgendwann nicht mehr aufrechterhalten und verbannt ihn einzig und allein, weil er keine Möwe, sondern ein Mauersegler ist.

Die Mauersegler auf der anderen Seite des Küstenfelsens sind kein Deut besser. Auch diese halten sich konsequent von den Möwen fern und belächeln sie aufgrund ihrer nicht ganz so filigranen Körperbeschaffenheit und ihrem Fressverhalten: „Wie kann man nur Fisch fressen?“ Es gibt sogar eigene Schimpfwörter, die die Vögel für die jeweils andere Rasse verwenden. Ein Mauersegler, der sich abfällig über Möwen und ähnliche Wasservögel äußern will, nennt diese beispielsweise „Gelbfuß“. Mauersegler dürfen die Flugkurse der Möwen nicht besuchen, Möwen dürfen nicht im selben Gebiet wie die Mauersegler fliegen – das, was in „Manou“ auf bemerkenswert direkte Weise aufgezeigt wird, ist von Generation zu Generation weitergegebener Rassismus. Hier lernen schon die Kleinen, dass die eigene Rasse der anderen überlegen ist.

Damit der Gedanke an Rassismus gar nicht erst die Gelegenheit bekommt, sich in den kleinen Zuschauerköpfen festzusetzen, zeichnen die Autoren ihren Titelhelden als zwar selbstbewussten kleinen Kerl, aber auch als Opfer der Umstände, das gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht. Als er in einer Mauerseglerdame eine Freundin findet und dadurch sofortigen Anschluss an den Schwarm, versteht er zwar, weshalb er hier, allein von den Lebensbedingungen her, besser aufgehoben ist. Doch weshalb die Möwen von ihm trotzdem nichts mehr wissen wollen, versteht er nicht. So liegt es natürlich an Manou, Mauern einzureißen und zwischen den verschiedenen Schwärmen zu vermitteln. Das ist - auch aufgrund der übersichtlichen Laufzeit von nicht einmal 90 Minuten - nicht nur ausgesprochen kurzweilig, sondern sieht dank der detailreichen Animation der französischen Küste auch wunderschön aus.

Fazit: „Manou – flieg‘ flink!“ ist nicht nur ein toll animierter Animationsfilm über einen kleinen Vogel, der zu sich selbst findet, sondern vor allem ein aufrichtiges Plädoyer gegen Rassismus.
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