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Vice - Der zweite Mann
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Vice - Der zweite Mann

Die ultimative Abrechnung!

Von
Dass sich „Anchorman“- und „Die Stiefbrüder“-Regisseur Adam McKay eigentlich zu Höherem berufen fühlt, hat sich schon am Ende von „Die etwas anderen Cops“ mit Will Ferrell und Mark Wahlberg angedeutet. Schließlich wird im Abspann der Kumpel-Komödie plötzlich mit allerhand Grafiken das Prinzip eines Ponzi Schemes erklärt und zugleich harsche Kritik am Banken-Bailout im Jahr 2008 geübt. Und tatsächlich: In seiner für das Beste Drehbuch oscarprämierten Finanzkrisen-Groteske „The Big Short“ analysierte McKay daraufhin mit Hilfe von allerlei Meta-Spielereien (wie dem Vortrag einer im Schaumbad plantschenden Margot Robbie) das Entstehen der US-Immobilienblase auf ebenso kurzweilige wie erstaunlich leichtverständliche Weise. In seiner bitterbösen Polit-Satire „Vice – Der zweite Mann“ über den ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney treibt McKay sein Meta-Konzept nun endgültig auf die Spitze: Das kann man (wie wir) genial finden, zugleich treibt der Film aber auch einen erheblichen Teil seines Publikums regelrecht zur Weißglut (und das gilt längst nicht nur für konservative Zuschauer).

Wyoming, 1963: Nachdem er wegen seiner ständigen Sauferei das Studium in Yale geschmissen hat, schlägt sich der 22-jährige Dick Cheney (Christian Bale) als ungelernter Arbeiter mit dem Reparieren von Stromleitungen durch. Nach einer Anklage wegen einer Trunkenheitsfahrt stellt seine Ehefrau Lynne (Amy Adams) ihn vor die Wahl: Entweder kriegt er sein Leben auf die Reihe oder sie ist weg. Also geht Cheney nach Washington, wo er als Praktikant des Kabinettsmitglieds Donald Rumsfeld (Steve Carell) eine politische Karriere beginnt, die vorläufig mit dem Posten als Verteidigungsminister unter George Bush Sr. (John Hillner) gekrönt wird. Nach einem Abstecher in den Privatsektor zieht Cheney schließlich als Vizepräsidentschaftskandidat an der Seite von George W. Bush (Sam Rockwell) in den US-Wahlkampf. Im Nachklang der Terroranschläge vom 11. September ist er es, der maßgeblich die Pläne für einen Krieg gegen den Irak vorantreibt – inklusive der Anweisung an Außenminister Colin Powell (Tyler Perry), bei einer Rede vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen über Saddam Husseins angeblichen Massenvernichtungswaffen zu lügen...


Dass „Vice – Der zweite Mann“ zwar herausragende acht Oscarnominierungen (darunter für den Besten Film, den Besten Regisseur und den Besten Hauptdarsteller) eingeheimst hat, aber zugleich auf der Kritiken-Aggregatoren-Plattform Rotten Tomatoes auf einer Stufe mit „Aquaman“ bei nur 64 Prozent positiver Wertungen steht, mutet im ersten Moment merkwürdig an, ergibt aber absolut Sinn: „Vice“ spaltet sein Publikum nicht einfach nur, er schlägt es mit einem einzelnen gewaltigen Axthieb einmal in der Mitte durch. Und der Schnitt verläuft dabei keinesfalls so sauber zwischen „liberal“ und „konservativ“, wie man es vielleicht vermuten könnte: Stattdessen sind viele von Adam McKays Methoden derart erbarmungslos-ätzend, dass womöglich auch viele Cheney-Verächter irgendwann Mitleid mit dem armen Kerl bekommen werden. Und genauso gut kann man die ständigen Meta-Provokationen auch als selbstgerechte Selbstdarstellung abtun – schließlich fühlt sich „Vice“ stellenweise tatsächlich an wie die Spielfilmversion einer Michael-Moore-Dokumentation.

Aber die meisten der Einfälle, Subtilität hin oder her, sind dann eben doch ziemlich brillant. So beginnt der Abspann das erste Mal schon nach etwa der Hälfte der Spielzeit: Cheney hat Washington verlassen, um stattdessen die Stelle als CEO des Erdöl-Giganten Halliburton anzutreten. In den für Biopic-Enden üblichen Texttafeln wird noch erzählt, wie er und seine Frau anschließend eine erfolgreiche Golden-Retriever-Zucht aufgebaut haben. Ein waschechtes Happy End – für die Cheneys und die ganze Welt. Aber dann klingelt das Telefon – es meldet sich George W. Bush. Und von da an geht es bekanntermaßen nur noch immer weiter bergab: herbeigelogene Massenvernichtungswaffen, Guantanamo, Waterboarding, das Großmachen des späteren Top-Terroristen und ISIS-Gründers Abū Musʿab az-Zarqāwī...

Als im Jahr 2008 ausgerechnet Oliver Stone ein Biopic über George W. Bush ankündigte, rechnete alle Welt mit einer bitteren Abrechnung. Aber dann erwies sich „W.“ als zwar kritisches, aber zugleich auch fast schon zärtliches Porträt eines „missverstandenen Lebens“ (so der deutsche Untertitel). Auch in „Vice“ gibt es nun immer wieder einzelne Szenen, in denen man glaubt, McKay würde auch die guten Seiten seines Protagonisten anerkennen – etwa wenn sich dieser aufgrund der sexuellen Orientierung seiner lesbischen Tochter Mary (Alison Pill) entgegen des Wunsches seiner Basis weigert, offen gegen die Ehe für alle einzutreten. Aber all diese Zugeständnisse erweisen sich nur als Finte, um später jenen Momenten noch mehr Punch zu verleihen, in denen Cheney auch seine letzten verbliebenen Ideale für sein unbedingtes Machtstreben verrät. Ganz am Anfang seiner Karriere fragt er Donald Rumsfeld einmal, woran sie eigentlich glauben würden? Die Antwort seines Mentors ist ein lautes Lachen.

McKay porträtiert Cheney in seiner Zeit als Vizepräsident als machthungrigen Marionettenspieler, der in Wahrheit alle Fäden in den Händen hält, während der ahnungs- und planlose George W. Bush ausschließlich nach seiner Pfeife tanzt und dafür auch noch artig Danke sagt. Afghanistan, Irak, ISIS – mitunter wirkt es in „Vice“ fast so, als wäre Cheney allein für all das verantwortlich, was in den vergangenen 30 Jahren in der Welt so schiefgelaufen ist (und in vielerlei Hinsicht stimmt das wohl sogar auch). Aber zugleich entschuldigt diese Zuspitzung auf einen Hauptschuldigen die anderen Beteiligten auch ein wenig. Leute wie Bush oder Rumsfeld (zumindest nach seiner anfänglichen Rolle als amoralischer Mentor) haben in „Vice“ den Status von Sidekicks, was sie am Ende fast ein wenig zu glimpflich davonkommen lässt.

Und neben all den brutal-treffenden, fast schon im Sekundentakt einschlagenden Inszenierungskniffen gibt es zugegebenermaßen auch Momente, in denen McKay tatsächlich zu sehr ins Selbstgefällige abgleitet. Wo wir ja normalerweise immer darauf hinweisen, wenn man am Ende sitzenbleiben sollte, weil da im oder nach dem Abspann noch was kommt, möchte man bei „Vice“ fast schon den Tipp geben, beim Rollen der – echten - Credits sofort aufzustehen und zu gehen. Denn während der Mid-Credit-Sequenz setzt McKay einer fiktiven Marktforschungs-Gruppe, die Cheney und seinen Spießgesellen zuvor auch schon dabei geholfen hat, den Irakkrieg beim amerikanischen Volk „beliebter“ zu machen, seinen eigenen Film vor: So nimmt er den Kritikern an seiner Sicht und seinen Methoden direkt selbst den Wind aus den Segeln, indem er alle Argumente gegen „Vice“ noch auf der Leinwand aussprechen lässt. Aber das ist feige und die in diesen Szenen mitschwingende Kritik an Trump-Wählern ziemlich platt. Dann schon lieber der amüsante Seitenhieb auf das „Fast & Furious“-Franchise.

Seinen Status als Oscarfavorit hatte Christian Bale („The Dark Knight“) ja quasi schon ab der Sekunde sicher, als bekanntwurde, dass er sich – nach seinem oscarnominierten Part in „American Hustle“ - auch für diese Rolle wieder eine stattliche Wampe anfressen wird. Aber seine Performance als Dick Cheney, vom durchtrainierten Säufer bis zum fetten Strippenzieher, ist zum Glück mehr als nur eine möglichst präzise Imitation. Vielmehr trägt Bale kongenial zum Plan seines Regisseurs bei, indem auch er hier und da eine gewisse Menschlichkeit durchscheinen lässt, um im nächsten Moment wieder in einen teufelsgleichen Machtmodus umzuschalten. Dasselbe gilt für Amy Adams („Arrival“) als Cheneys Ehefrau Lynne, die nach einer Herzerkrankung quasi für ihren Mann seine erste Wahl gewinnt. Ohne sie hätte es wohl auch nicht gereicht, weil Cheney selbst einfach keine Massen überzeugen kann und deshalb auch früh einsehen musste, dass er selbst es niemals zum Präsidenten bringen würde. Aber zum Glück hat er ja für den Job noch einen Dummen gefunden...

Fazit: Adam McKay ist sich bewusst und nimmt in Kauf, dass ein beachtlicher Teil seines Publikums seine Polit-Satire abgrundtief verachten wird. Alle anderen werden mit der bitterbösen Abrechnung, die schon fast einer standrechtlichen Exekution gleichkommt, allerdings eine Menge Spaß haben, solange sie nicht an ihrem im Halse feststeckenden Lachen ersticken. Und die Leistung von Christian Bale ist als Teufel in Person ohnehin über jeden Zweifel erhaben.
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