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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
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Als kurz nach seiner Weltpremiere Anfang April 2018 auf dem South-by-Southwest-Festival der erste Trailer zum Action-Kracher „Upgrade“ veröffentlicht wurde, kürten wir ihn kurzerhand zum „bisher geilsten Trailer des Jahres“. Trotzdem stellte uns der Clip vor eine echte Herausforderung, denn schon in den zweieinhalb Minuten des Trailers wurde klar, in welche blutig-brutalen Höhen der Film von „Saw“-Autor und „Insidious: Chapter 3“-Regisseur Leigh Whannell wohl vordringen würde – und so konnten wir den „geilsten Trailer des Jahres“ aus Jugendschutzgründen leider nicht zeigen, bis heute gibt es kein einiges Video zu dem Film auf FILMSTARTS. In der markantesten Szene des Videos spaltet der zur menschlichen Hightech-Kampfmaschine hochgerüstete Protagonist seinem Widersacher mit einem Messer den Kiefer von den Mundwinkeln bis zu den Wangenknochen – und die Kamera hält dabei voll drauf.

Tatsächlich stammt dieser Moment aus der ersten halben Stunde von „Upgrade“ und ist der Startschuss für ein aberwitziges Actionfest irgendwo zwischen „RoboCop“, „Crank“ und „Hardcore“. Doch Whannell gelingt mit seiner erst zweiten Regiearbeit nicht bloß eine stilistisch äußerst ansehnliche Aneinanderreihung von bravourös inszenierten Kampfchoreographien, sondern auch eine verdammt witzige One-Man-Show. Der Clou an der Sache ist nämlich, dass der alle plattmachende Protagonist Grey bei all den Massakern nur eine Art Passagier in seinem eigenen Körper ist und die blutigen Ereignisse dabei ähnlich ungläubig beäugt wie der Zuschauer im Kinosaal, was dem Ganzen einen herrlich ironischen (Meta-)Unterton verleiht.

In einer weit entfernten, technikfixierten Zukunft meint es das Schicksal nicht gut mit Grey (Logan Marshall-Green). Nach einem schlimmen Autounfall werden er und seine schöne Frau Asha (Melanie Vallejo) auch noch Opfer eines Gewaltverbrechens. Sie stirbt, während Grey nach einem Schuss in die Wirbelsäule fortan an den Rollstuhl gefesselt ist. Er hat mit dem Leben schon so gut wie abgeschlossen, als ihn ein außergewöhnliches Angebot erreicht. Sein Klient Eron Keen (Harrison Gilbertson) ist im Besitz eines revolutionären Computerchips namens STEN, der die Wissenschaft und die Medizin grundlegend verändern könnte. Mit Greys Erlaubnis pflanzt Eron ihm den Chip ein, der es ihm ermöglicht, seinen gelähmten Körper wieder vollständig zu bewegen. Doch STEN kann noch mehr und erweist sich als eine Art hyperintelligentes Betriebssystem, das Grey nicht bloß mit Rat und Tat zur Seite steht, sondern auf Wunsch auch vollständig die Kontrolle über seinen Körper übernehmen kann. So will Grey die Mörder seiner Frau überführen und Rache an ihnen nehmen…

Auch wenn es bis zur ersten von vielen Actionszenen eine knappe halbe Stunde dauert, geht es in „Upgrade“ von Anfang an knallhart zur Sache. Schon nach rund zehn Minuten ist Greys Frau tot, bevor noch einmal ähnlich viel Zeit dafür draufgeht, um seine zunehmende Verzweiflung wegen der Lähmung zum Ausdruck zu bringen. Und schließlich wird er durch die Transplantation des Mikrochips zum vermutlich unverwundbarsten Actionhelden der Kinogeschichte, denn wenn Grey den mit ihm sprechenden STEN erst einmal die Kontrolle über sich übernehmen lässt, ist es für seine Widersacher vollkommen unmöglich, ihm auch nur ein einzelnes Haar zu krümmen.

Damit das auch so richtig schön zur Geltung kommt, wird Kameramann Stefan Duscio („Backtrack“) mit seiner Arbeit zum gar nicht so heimlichen Star von „Upgrade“ und filmt die äußerst dynamischen, sich stets auf engem Raum und nur zwischen wenigen Gegnern abspielenden Fights auf eine atemberaubende Weise. Die Kamera klebt förmlich an Hauptdarsteller Logan Marshall-Green und folgt ihm bei den Zweikämpfen wie auf Schienen. „Upgrade“ erweist sich als Antithese zur in modernen Action-Blockbustern Usus gewordenen Wackelkamera-Optik à la Paul Greengrass („Bourne 2 - 4“): Selbst in den hektischsten Momenten bleibt stets die Übersicht gewahrt und wenn sich die Kamera schließlich auch noch gemeinsam mit Grey auf den Kopf stellt, hat man tatsächlich das Gefühl, mittendrin statt nur dabei zu sein. Allein wegen diesem famosen Zusammenspiel aus exzellenten Stuntchoreographien und einer diese optimal zur Geltung bringenden Kameraarbeit ist „Upgrade“ für Genrefans absolutes Pflichtprogramm.

Wie es die vielzitierte Kieferknacker-Szene bereits ankündigt, wird es in „Upgrade“ extrem brutal. Da werden Knochen gebrochen, Visagen zerschlitzt und Köpfe weggeballert, was bei dem jederzeit herrlich entsetzt dreinblickenden Logan Marshall-Green mindestens genauso viele WTF-Momente provoziert wie bei unsereins. Der „Prometheus“-Star, dem man nur den im Rollstuhl sitzenden Gelähmten nicht so ganz abnimmt, ist nicht bloß durch sein unverbrauchtes Gesicht die Idealbesetzung für die tollpatschig-unbedarfte Hauptfigur. Er bringt seinen inneren Zwiespalt auch jederzeit optimal zum Ausdruck: Einerseits will er sich unbedingt (und möglichst brutal) an den Mördern seiner Frau rächen, andererseits ist er – zumindest zu Beginn – viel zu zahm dafür, die tödlichen Handgriffe und Attacken selbst auszuüben.

Zudem ist er mit den neuen Fähigkeiten seines Körpers heillos überfordert. So kommt es, dass Grey zunächst nicht bloß beschämt wegschaut, sondern auch immer mal wieder ungläubige Ausrufe von sich gibt, während er STEN die ganze blutige Arbeit verrichten lässt. Die darauffolgenden Dialoge zwischen Mensch und Betriebssystem sowie die Kombination aus killendem Superkörper und emotionalem Feigling wirft tatsächlich einige herausragende Comedy-Momente ab, was durchaus dafür entschädigt, dass die Dialoge insgesamt ruhig noch eine Spur wahnwitziger hätten ausfallen dürfen.

Auf die Idee eines durch einen Computerchip gesteuerten, ansonsten fast vollständig gelähmten Körpers muss man sich natürlich schon einlassen. Aber weil die Verantwortlichen ihre High-Concept-Prämisse mit aller Konsequenz durchziehen, drückt man gern ein Auge zu, wenn sie es auf der anderen Seite mit der Plausibilität nicht immer ganz so genau nehmen. Der durchaus effektvolle Twist am Ende, der noch einmal einen netten Seitenhieb auf die sich immer stärker auf die Technik verlassende moderne Welt abgibt, schlägt in dieselbe Kerbe. Denn seien wir ehrlich: Wie schwer kann es schon sein, das Computersystem, das einen kaum noch bewegungsfähigen Menschen zur waschechten Killermaschine macht, einfach abzuschalten und ihn damit unschädlich zu machen?

Eine kleine Enttäuschung sind hingegen die Schurkenfiguren. Die sich selbst im Nahkampf versuchenden (und dabei kontinuierlich an Grey scheiternden) Bösewichter besitzen überhaupt kein Profil. Und die finsteren Typen, die wenigstens ein paar Dialogzeilen abbekommen, könnten auch aus jedem anderen B-Actionfilm stammen und dort ihre mal mehr, mal weniger coolen Oneliner von sich geben. Gleichwohl gibt es an „Upgrade“ aber auch so genug zu entdecken, so dass sich derartige Schwachpunkte leicht verkraften lassen. Wir sind uns zumindest jetzt schon sicher, dass Whannell mit seinem Film Kultstatus erreichen wird, was es umso bedauerlicher macht, dass der Regisseur selbst ein Sequel bereits kategorisch ausgeschlossen hat.

Fazit: Mit seinem hyperstylischen Kracher „Upgrade“ gelingt Leigh Whannell ein kleines, brutales Genreglanzstück, das sich mit seiner abgefahrenen Idee, viel morbidem Witz und einer spektakulären Optik einen Platz in den Annalen der Actionfilmgeschichte sichern dürfte.

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