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Tatort: Meta
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Tatort: Meta
Von Lars-Christian Daniels
Als der „Tatort“ zum ersten und bisher einzigen Mal Bezug auf die Internationalen Berliner Filmfestspiele nahm, war das Ergebnis ein mittelschweres Krimi-Desaster: Urs Odermatts „Tatort: Ein Hauch von Hollywood“ fuhr 1998 mit 1,1 Millionen Zuschauern die bis heute niedrigste Einschaltquote aller erstmalig ausgestrahlten „Tatort“-Folgen ein – was neben der minderwertigen Betacam-Ästhetik und einem missglückten satirischen Ansatz vor allem daran lag, dass der Krimi aufgrund der eklatanten Mängel nicht wie gewohnt an einem Sonntag, sondern an einem Montag um 23 Uhr ausgestrahlt wurde. Schnell wanderte die Berliner Folge in den berühmt-berüchtigten „Giftschrank“ der ARD und wurde seit Jahrzehnten nicht mehr im Fernsehen wiederholt. Mit Regisseur Sebastian Marka und Drehbuchautor Erol Yesikaya wagen sich nun erneut zwei Filmemacher an einen „Tatort“, der auf der Berlinale spielt, doch anders als ihre Vorgänger landen sie einen echten Volltreffer. Denn ihr hochkomplexer „Tatort: Meta“ ist ein nicht nur ästhetisch herausragendes Spiel mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität – eine strukturell außergewöhnliche, begeisternde Film-im-Film-Konstruktion, deren Hollywood-Anleihen nie zum Selbstzweck verkommen.

Als den Hauptkommissaren Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) der Finger einer Frau zugeschickt wird, ist die dazugehörige Leiche schnell gefunden: In einem Berliner Lagerhaus wurde eine minderjährige Prostituierte in Formaldehyd konserviert. Wer hat sie getötet? Die Ermittler, die bei ihren Recherchen von Kommissarsanwärterin Anna Feil (Carolyn Grenzkow) und ihrem Kollegen Mark Steinke (Tim Kalkhof) unterstützt werden, suchen den Absender des Pakets und stoßen auf die Filmproduktionsfirma von Regisseur Michael Schwarz (Isaak Dentler), dessen düsterer Thriller „Meta“ gerade seine Premiere bei der Berlinale feiert. Zur Handlung des Films ergeben sich auffällige Parallelen: Auch die Kino-Polizisten Rolf Poller (Ole Puppe) und Felix Blume (Fabian Busch) suchen den Mörder einer Prostituierten. Hat Drehbuchautor Peter Koteas (Simon Schwarz), der sich ein paar Monate vor der Premiere das Leben genommen hat, womöglich vor seinem Tod ein filmisches Geständnis abgelegt? Karow glaubt nicht an diese Theorie und schlägt sich die Nächte um die Ohren, um nach weiteren Parallelen zwischen der Filmwelt und der Berliner Realität zu suchen. Schon bald stößt er dabei auf einen Geheimdienst und ein Netzwerk der Kinderprostitution...

Meret Becker („Lügen und andere Wahrheiten“) bezeichnete den „Tatort: Meta“ im Vorfeld der Erstausstrahlung als einen „Zwiebeltatort“, während ihr Kollege Mark Waschke („Dark“) von einer „Film-im-Film-im-Film-Geschichte“ sprach – und die beiden Hauptdarsteller haben damit absolut Recht. Stellenweise hat man in diesem verschachtelten Krimi-Experiment des rbb das Gefühl, als würde man einen Spiegel in einem Spiegel spiegeln, wenn sich zum Beispiel bei einer von Karows Filmsichtungen gleich mehrere inhaltsähnliche Erzählebenen auf einmal eröffnen. Schon während des Vorspanns laufen die Schatten von Kinozuschauern durchs Bild, die im Saal Platz nehmen und den Krimi auf der großen Leinwand genießen – ein großartiger Meta-Einstieg, der beim Abspann des grandiosen Sonntagskrimis gekonnt wieder aufgegriffen wird. Bei Stammzuschauern dürfte der Film aber auch Gegenwind ernten: Bereits der herausragende Wiesbadener „Tatort: Wer bin ich?“ brachte 2015 Teile des Publikums auf die Palme, weil der Zuschauer plötzlich hinter die (fiktiven) Kulissen einer Filmproduktion des Hessischen Rundfunks blickte und Hauptdarsteller Ulrich Tukur am Ende sogar seiner eigenen Figur Felix Murot begegnete – und beim „Tatort: Meta“ gehen die Filmemacher sogar noch einen Schritt weiter.

Regisseur Sebastian Marka („Hit Mom: Mörderische Weinachten“) und Drehbuchautor Erol Yesikaya („Gonger – Das Böse vergisst nie“) haben als kongeniales Duo mit ihrem vielgelobten Münchner „Tatort: Die Wahrheit“, dem hochspannenden Frankfurter „Tatort: Das Haus am Ende der Straße“ oder dem brillanten Wiesbadener „Tatort: Es lebe der Tod“ in den vergangenen Jahren schon mehrfach für Aufsehen in der Krimireihe gesorgt und knüpfen nahtlos an diese tollen Vorgänger an: Wenngleich der Handlungsschlenker um den BND-Vorläufer Gehlen ein wenig überambitioniert wirkt und man Karow die fast fanatisch vorgetragenen Verschwörungstheorien nicht immer ganz abkauft, überzeugt der 1048. „Tatort“ doch vor allem durch das faszinierende Spiel mit den verschwimmenden Grenzen zwischen Film, Film im Film und Film im Film im Film. Ähnlich wie in Steven Soderberghs meisterhaftem Drogenthriller „Traffic – Macht des Kartells“ kennzeichnen Farbfilter die verschiedenen Handlungsebenen – wohl auch um den weniger mindfuckerprobten Zuschauern, die den Kommissaren ab und zu einen Schritt bei den Ermittlungen voraus sind, beim Entwirren der miteinander verknüpften und verknoteten Handlungsfäden Hilfestellung zu bieten.

Was den „Tatort: Meta“ aber zu einem nicht „nur“ sehr guten, sondern sogar herausragenden TV-Film macht, sind neben dem düsteren Soundtrack auch die elegant eingearbeiteten Bezüge zu Martin Scorseses Meisterwerk „Taxi Driver“, die das Herz eines jeden Cinephilen höherschlagen lassen. Nach einer Schnitzeljagd zu den Klängen von Bernard Herrmanns berühmtem Score zünden die Filmemacher die nächste Stufe und montieren beim mitreißend-brutalen und humorvoll abgerundeten Showdown drei Handlungsstränge parallel: Während sich Vietnam-Rückkehrer Travis Bickle (Robert DeNiro) in bekannter Manier den Weg freischießt, quält sich der angeschossene Karow in ein heruntergekommenes Kinderbordell und auch Leinwand-Polizist Poller muss vor ähnlicher Kulisse um sein Leben fürchten. Bei all dem verkommt der Krimi nie zum reinen Zitatfeuerwerk, sondern es gibt auch wieder all die Elemente eines beinharten Milieuthrillers, die den Berliner „Tatort“ zuletzt schon geprägt haben: So muss auch der bedauernswerte Karow einmal mehr blankziehen und reichlich Malträtierungen ertragen. Letztlich ist es aber vor allem das für „Tatort“-Verhältnisse außergewöhnlich mutige Meta-Drehbuch, das die winzigen Schönheitsfehler eindrucksvoll überstrahlt und den Berlinale-„Tatort“ schon jetzt zu einem TV-Highlight des Jahres 2018 macht.

Fazit: Würden bei der Berlinale auch Bären für Fernsehkrimis verliehen, hätte Sebastian Markas „Tatort: Meta“ zweifellos einen verdient.
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