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Fahrenheit 11/9
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Fahrenheit 11/9

Michael Moore endlich wieder in Form

Von
Jahrelang arbeitete sich der Dokumentarfilmer und Berufsprovokateur Michael Moore öffentlich an seinem Lieblingsfeind Georg W. Bush ab und feierte mit dem Anti-Bush-Film „Fahrenheit 9/11“ einen sensationellen Erfolg. Der nur sechs Millionen Dollar teure Dokumentarfilm gewann die Goldene Palme in Cannes und spielte weltweit 222 Millionen Dollar ein. Das war der rauschhafte Höhepunkt in Moores Filmkarriere, die er bereits zwei Jahre zuvor mit der brillanten, oscarprämierten Anti-Waffenlobby-Doku „Bowling For Columbine“ eh schon auf ein für einen Dokumentarfilmer ganz neues Level gehievt hatte. Doch seit „Fahrenheit 9/11“ geht es für den Filmemacher und Bestsellerautor stetig bergab. Seine rüde-polemischen Methoden sind mittlerweile längst entlarvt und viele lächeln bestenfalls nur noch milde, wenn Moore mal wieder wild attackiert.

Seine jüngsten Filme „Sicko“ (2007), „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ (2009) und „Where To Invade Next“ (2015) fanden nirgendwo auf der Welt ein nennenswertes Publikum. Vielleicht auch deshalb beschwört Moore mit der Anti-Trump-Doku „Fahrenheit 11/9“ nicht nur im Titel die guten, alten Moore-Zeiten. Zwar kann der politische Filmemacher nicht ganz an seine beiden Glanztaten „Bowling For Columbine“ und „Fahrenheit 9/11“ anknüpfen, aber „Fahrenheit 11/9“ ist nicht nur eine Anklage gegen den 45. Präsidenten der USA, sondern zugleich auch eine scharf und eindringlich erklärte Warnung an seine Landsleute, sich aufzulehnen und nicht alles hinzunehmen (egal von wem, denn Obama und die Demokraten kriegen hier mindestens genauso ihr Fett weg wie Trump). Ein ernstzunehmendes Lebenszeichen von Michael Moore – und er keilt in beide politischen Richtungen aus, was seine Anklage glaubhafter macht und aufwertet.

Dienstag, 8. November 2016: Ein Tag, der Amerika so grundlegend verändern wird wie kaum ein anderes Ereignis in den vergangenen Jahrzehnten. Die Welt, wie wir sie kennen, findet an diesem Tag ein jähes Ende. Aber dass es so kommt, hatte niemand so richtig auf der Rechnung. Selbst die renommiertere New York Times lag mit ihrer Prognose, wer die US-Präsidentschaftswahl gewinnen wird, wie fast alle Medien meilenweit daneben. Nur 15 Prozent Siegchancen für Donald Trump, der für die Republikaner ins Rennen gegen die haushohe demokratische Favoritin Hillary Clinton gegangen ist, gab die New York Times dem exzentrischen Milliardär, der sich mit einem beispiellos krawalligen, schmutzigen Wahlkampf in Stellung gebracht hatte. Und wer hat die Schuld daran? Für Moore ist die Antwort klar: Gwen Stefani


Michael Moore ergründet in „Fahrenheit 11/9“, „wie zum Teufel es passieren konnte“, dass plötzlich ein politischer Amokfahrer das Steuer im Weißen Haus in der Hand hält. Wie zu erwarten, bezieht der umtriebige Filmemacher sehr wohl moralisch Stellung gegen Trump, mit dem er um die Jahrtausendwende noch harmonisch in einer Talkshow von Roseanne Barr zusammensaß und sich von Trump für seinen Film „Roger & Me“ loben ließ. Im Verlaufe des Films betitelt Moore seinen Präsidenten hingegen persönlich als „Autokrat“ und „Narzisst“, was sicherlich keine Exklusivmeinung darstellt.

Der professionelle Polemiker Moore trägt seine Anklage wie immer in der gewohnten Mischung aus staunender Naivität und beißender Schärfe vor. Doch das reicht nicht, ein typischer Moore-Move muss natürlich auch noch her: So wie er in „Bowling For Columbine“ dem Waffenlobbyisten Charlton Heston („Ben Hur“) auflauerte und ihn später bei einer Podiumsdiskussion stellte. Da er seine persönliche Begegnung mit Trump schon vor Jahren hatte und diese sehr milde ausfiel, wählt Moore in „Fahrenheit 11/9“ andere Waffen und fährt die ganz großen Geschütze auf gegen den Mann, der mit seiner selbstbezogenen Klientelpolitik seit zwei Jahren die Weltordnung aus den Angeln hebt und Amerika wie kein Präsident zuvor in zwei unversöhnliche Lager spaltet: Moore unterlegt Aufnahmen von Adolf Hitler mit Reden von Donald Trump und stellt so heraus, wie nah Amerika wirklich am Nazi-Deutschland ist. Nicht umsonst rief Trump etwa jüngst noch nach einem weltweit agierenden Staatsmedium, um seine Feinde bei CNN einzubremsen. Moore warnt seine Mitbürger, den Anfängen einer Diktatur oder Autokratie entgegenzutreten und sich zu wehren.

Sein Unmut bezieht sich aber nicht ausschließlich auf Donald Trump und die republikanische Partei, die im Rausch von Trumps eigenwilligen Machtdemonstrationen komplett jegliches Rückgrat verloren hat und selbst gegen die absurdesten Auswüchse der Trump-Politik nicht rebelliert. Die Demokraten bekommen von Moore ebenso Feuer, weil sie Kandidaten klein gehalten haben, um unbedingt Hillary Clinton als Kandidatin so stark wie möglich ins Rennen zu schicken. Durch ihre sture Haltung haben sie Trump überhaupt erst ermöglicht, so Moore. Einen echten Wirkungstreffer landet der Regisseur aber vor allem mit seiner zweiten Anklage gegen die Demokraten. Im Skandal um die Trinkwasserverseuchung in Moores Heimatstadt Flint macht nicht nur Michigans republikanischer Gouverneur Rick Snyder eine schlechte Figur, sondern auch der damalige Präsident Barack Obama. Der Polit-Heiland rauschte aus Washington heran und wollte bei einer öffentlichen Veranstaltung für die Qualität des Flint-Wassers bürgen. Er trank angeblich zwei Mal Leitungswasser aus einem Glas, doch die Kamera entlarvt den 44. Präsidenten der USA in dieser Situation als Schaumschläger, weil er nur am Glas nippt und das Gebräu eben nicht trinkt. Das mit Blei konterminierte Wasser wird mit zwölf Todesfällen in Verbindung gebracht.

„Fahrenheit 11/9“ ist voll von diesen Abschweifungen und wilden Sprüngen weg vom eigentlichen Thema, das ist Schwäche und Stärke zugleich. Einerseits verliert Moore so des Öfteren seinen Fokus, weil er zwischendurch einfach mal aus der Hüfte geschossen etwas komplett anderes erzählt. Aber dabei springen eben auch immer wieder interessante Begegnungen heraus, wenn er persönlich auf Leute trifft, die genug vom Abwarten haben und selbst im kleinen Stil in die Politik gehen und sich in einem Wahlkreis aufstellen lassen. Denn das ist die große Gabe Michael Moores: Er verbindet große Probleme mit kleinen Leuten. Eine Erklärung für Trumps Erfolg hat er jedenfalls parat. An einer Stelle beschreibt jemand, was die Trumpisten denken: „Sie glauben an ihn. Und das ihnen wichtiger als die Wahrheit.“ – ein Totschlagargument als Freifahrtschein für Trump. Der Hass auf das linke Establishment ist im ländlichen Amerika so groß geworden, dass diese Revolution möglich war. Das zeigt Moore mit seinen Besuchen und seinen Streifzügen durch die amerikanische Provinz.

Fazit: Michael Moore meldet sich mit seiner unfokussierten, aber ebenso unterhaltsamen und bissigen Dokumentation „Fahrenheit 11/9“ zurück auf der großen politischen Bühne und fährt eine polemische, eindringliche und teils erhellende Frontalattacke gegen US-Präsident Donald Trump und all diejenigen, die ihn überhaupt erst möglich gemacht haben.
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