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303
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
303
Von
Wie Maryanne Redpath, die Leiterin der Kinder- und Jugendfilmsektion „Generation“ der Berlinale bei der Vorstellung ihres Eröffnungsfilms 2018 in der Kategorie „14plus“ so treffend bemerkte, passen die Genres „Road Movie“ und „Coming of Age“ eigentlich perfekt zueinander, denn „Erwachsenwerden ist schließlich auch eine Reise“. Und dass man auch mit Mitte 20 noch einiges über das Leben zu lernen hat, führt uns Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“) im besagten Eröffnungsfilm, dem nach einem Mercedes-Modell benannten Roadmovie „303“, auf charmante Weise vor Augen.

„ATP ist DER Energiespeicher des organischen Lebens. Das müssen Sie wissen!“ - Nach dem unrühmlichen Ende ihrer mündlichen Prüfung will die 24-jährige Biologiestudentin Jule (Mala Emde, „Wir töten Stella“) erst mal eine wichtige Entscheidung mit ihrem in Portugal wohnenden Freund Alex persönlich besprechen und bricht mit ihrem alten zum Wohnmobil umgebauten 303er-Bus nach Süden auf. Irgendwo anders in Berlin wird dem gleichaltrigen Politikwissenschaftler Jan (Anton Spieker, „Von jetzt an kein Zurück“) eröffnet, dass eine konservative Stiftung sich für einen anderen Kandidaten entschieden habe - vermutlich, weil Jan zu sehr auf seine persönlichen Standpunkte beharrte, statt sich beim Anbiedern flexibel zu zeigen. Nun will er im spanischen Bilbao (unangemeldet) seinen leiblichen Vater kennenlernen, aber seine Mitfahrgelegenheit platzt. So landet er beim Trampen auf Jules Beifahrersitz und die zunächst unter einem schlechten Stern stehende Fahrgemeinschaft entwickelt sich nach und nach zu mehr.



Die sich ohne Längen auf fast zweieinhalb Filmstunden verteilende Kennenlernfahrt zeichnet sich neben den auffällig malerischen Locations (aus ungeklärten Gründen fährt man über Belgien!) vor allem durch die ständigen kabbelig-spielerischen Diskussionen der beiden Hauptfiguren aus. Jan und Jule, die schon durch den Stabreim ihrer Vornamen wie füreinander geschaffen wirken, referieren dabei nicht nur auf ihren beiden Fachgebieten überzeugender als gegenüber ihren Professoren, in ihren soziologischen Grundsatzdebatte mit verschwörungstheoretischen Einsprengseln über die repressive Gesellschaft (ein Standard bei Regisseur Hans Weingartner, eine typische Fragestellung ist hier so etwas wie „Macht der Kapitalismus den Menschen zum Neandertaler?“) bekommt das Zwischenmenschliche immer breiteren Raum. So geht es um die vom Geruchssinn bestimmte Wahl des perfekten Partners, um gegensätzliche Einschätzungen der menschlichen Natur („Ötzi hatte eine Axt, keine Friedenspfeife!“) und um ganz persönliche Eingeständnisse („Ich steh einfach auf Frauen, die nicht auf mich stehen. Ich fühl mich in der Ablehnung zu Hause, weil ich als Kind nicht geliebt wurde“).

Abgesehen von dem Road-Movie-Aspekt der ständigen Bewegung und Ortswechsel erinnert „303“ stark an Richard Linklaters „Before Sunrise“, in dem einst die Interrailreisenden Ethan Hawke und Julie Delpy für eine Nacht durchs malerische Wien stromerten (und ihr Gespräch später in zwei Sequels wiederaufnahmen). Neben vielen etwas gewollt klingenden Dialogen gibt es andere Zitate, die das Zeug zum Klassiker haben wie „Eine einzige zärtliche Berührung killt Tausende von Stresshormonen“. Wenn Jan der gerade mal geknickten Fahrerin im richtigen Moment einen Apfelkuchen besorgt oder besagte „zärtliche Berührung“ wie nebenbei austeilt, so hat dies natürlich einen hochromantischen Aspekt, zu dem letztlich auch das heimliche Schnuppern am herumliegenden T-Shirt des anderen gehört, auch wenn es da vorgeblich darum geht, die zuvor diskutierten Theorien über „genetische Kompatibilität“ zu testen.

Die Dramaturgie von „303“ wirkt zu Beginn etwas holprig (eine frühe Trennung im Streit und eine Wiederzusammenführung unter dramatischen Vorzeichen kommen ziemlich gewollt daher) und die vermeintlich zufällig gewählten Punkte der Reise strapazieren in ihrem detailliert durchdachten Abwechslungsreichtum etwas die Glaubwürdigkeit (Waldspaziergang, Meer, Gebirge, Klosterbesuch, Höhlenmalerei, Surfen und die rechte Eisdiele oder Bäckerei im perfekten Augenblick - das hätte TUI nicht besser zusammenstellen können), aber Charisma und Chemie der Hauptdarsteller drängen gewisse Bedenken über diese „perfekt geplante Spontanität“ des Films in den Hintergrund - und die Geschichte bleibt trotz aller knospenden Kino-Partnerschaftsidylle alltäglich genug, um sich darin wiederzuerkennen.

Fazit: Eine langsame, sehr zögerliche Lovestory „on the road“, die am Ende selbst den hartherzigsten Betrachter mit ihren Glückshormonen mitreißen dürfte.

Dieser Film läuft im Programm der 68. Internationalen Filmfestspiele von Berlin, wo er die Sektion Generation 14plus eröffnet.
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