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    Tyler Rake: Extraction
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tyler Rake: Extraction

    Krachende Action für Netflix

    Von Björn Becher
    Von Hal Needham („Ein ausgekochtes Schlitzohr“) bis zu den „John Wick“-Machern David Leitch und Chad Stahelski – dass professionelle Stuntleute irgendwann auch selbst auf dem Regiestuhl platznehmen, kommt immer wieder vor. Sam Hargrave, der sich vom Double von Chris „Captain America“ Evans in „The Return Of The First Avenger“ zum Stunt-Koordinator bei „Civil War“, „Avengers: Infinity War“ und „Avengers: Endgame“ hocharbeitete, ist nun der nächste – wobei es seine für all diese vier Filme verantwortlichen Marvel-Chefs Joe und Anthony Russo waren, die ihm diesen Sprung auf den Regieposten überhaupt erst ermöglicht haben.

    Der Netflix-Action-Kracher „Tyler Rake: Extraction“ wurde nicht nur von den Russos produziert, sondern basiert auch auf einem Comic der Regie-Brüder. Joe hat zudem noch das Drehbuch selbst geschrieben. Dabei gab es zwar einige Änderungen (statt im paraguyanischen Ciudad del Este spielt der Film in Dhaka, der um ein Vielfaches größeren Hauptstadt von Bangladesch), aber die kompromisslose Härte der ultrabrutalen Schwarz-Weiß-Vorlage ist geblieben. Die – unnötig – auf fast zwei Stunden aufgeblasene Laufzeit sorgt zwar für den einen oder anderen Hänger, aber auf die folgen dann auch immer wieder verdammt starke Actionszenen.

    Bollywood-Action-Star Randeep Hooda im Duell mit Chris Hemsworth.


    Der 14-jährige Ovi (Rudhraksh Jaiswal) wird von einem Rivalen seines im Gefängnis sitzenden Vaters, der der mächtigste Drogenboss von ganz Indien ist, nach Bangladesch verschleppt. Der mit dem Leben seiner Familie für Ovis Sicherheit bürgende Saju (Randeep Hooda) sieht nur eine Chance: Er heuert eine Söldner-Organisation an, obwohl er weiß, dass er diese nicht bezahlen kann. Einsatzleiterin Nik (Golshifteh Farahani) schickt also den abgehalfterten, seine Dämonen mit Alkohol und Schmerztabletten betäubenden Tyler Rake (Chris Hemsworth) in die Millionenstadt Dhaka.

    Ovi aus den Händen der Kidnapper zu entreißen, klappt noch relativ reibungslos, doch die Extraktion aus Dhaka wird zum Problem. Denn der mächtige Amir (Priyanshu Painyuli) kontrolliert nicht nur Polizei und Militär, sondern hetzt Tyler auch seine kaum weniger schwerbewaffneten Kindersoldaten auf den Hals. Saju hat unterdessen einen Plan ersonnen, um die zweite Rate für die Söldnertruppe nicht blechen zu müssen – und so findet sich Tyler schon bald auf sich allein gestellt in einer gigantischen, verwinkelten, ihm rundherum feindlich gesonnenen und offenbar ausweglosen Metropole wieder…

    Einer gegen Millionen


    Schon der Comic „Ciudad“ erzählt eine sehr geradlinige Story: Mann und – in der Vorlage noch – Mädchen müssen sich den Weg aus einer feindlich gesinnten Großstadt freischießen, in der wirklich jeder auf der Straße eine Waffe tragen und sofort losballern könnte. „Tyler Rake: Extraction“ ist ähnlich geradlinig, es wird viel und dann auch mal härter gemetzelt – und das vor allem zu Beginn auch durchaus variantenreich. Passend zum Nachnamen des Protagonisten kommt dabei sogar ein Rechen (das tut schon beim Zuschauen weh) zum Einsatz. Da kommt dann auch das Talent des Debütregisseurs voll zum Tragen: Sam Hargrave ist sicher kein zweiter Chad Stahelski, aber er versteht es, starke und vor allem wirkungsvolle Action zu inszenieren.

    Auch in „Tyler Rake“ gibt es die im modernen Action-Kino inzwischen fast schon obligatorischen, auch mal über längere Zeit schnittlosen Sequenzen in engen Hausfluren und Treppenhäusern, die zwar nicht an die Qualität übergroßer Vorbilder wie „The Raid“ heranreichen, aber dennoch einen mehr als soliden Punch entwickeln. Bei einer Autoverfolgungsjagd, bei der das Geschehen zu Beginn konsequent nur aus der Innenansicht des flüchtenden Protagonisten gefilmt wird, schafft „Drive“-Kameramann Newton Thomas Sigel sogar ganz herausragende Bilder, bei denen man augenblicklich die große Kinoleinwand vermisst.

    Ovi muss Tyler Rake vertrauen.


    „Tyler Rake“ ist so geradlinig, dass selbst jeder Ansatz eines Twists vollkommen klar ist – und vermutlich soll auch gar nix überraschend sein, dafür ist das alles schon in der Anlage viel zu offensichtlich. Das ist gerade im Actionfach ja auch nicht per se etwas Schlechtes, da muss man die Dinge nicht auf Teufel komm raus verkomplizieren. Allerdings muss man dann auch fragen, warum die Geschichte dann nicht auch in knackigen 90 Minuten abgehandelt wird. Stattdessen blasen Autor Joe Russo und Regisseur Sam Hargrave ihre Story mit einigen unnötigen Schlenkern oder Hintergrundinfos auf knapp zwei Stunden auf – und das schadet dem Film spürbar.

    Die Versuche, den rudimentären Figuren mehr Fleisch zu geben, scheitern nahezu durchweg: Tyler Rake bleibt trotz Alkoholproblemen (und finsterem Schuld-und-Sühne-Familienhintergrund) immer der fürs Gute kämpfende Sonnyboy. Dass er seinen Schützling einfach zurücklassen könnte, wie es eigentlich von ihm verlangt wird, steht jedenfalls nie wirklich zur Debatte. Wirklich zerrissen ist der Söldner trotz des Ausbleibens der zugesagten Bezahlung nicht – da kann er noch so nachdrücklich seine Chefin Nik über Funk anbrüllen, die Kohle zu organisieren.

    Ambivalenz? Nicht mit Chris Hemsworth!


    Dafür bleibt Chris Hemsworth in der Hauptrolle trotz aller (angeblichen) Gebrochenheit auch einfach zu sehr strahlender Held. Der Australier, der die Rolle vom schon 2012 für den Part vorgesehenen Dwayne Johnson übernahm, erweist sich aber dennoch als gute Wahl: Nur allein aufgrund seines stets präsenten Charismas braucht es keine weitere Erklärung, warum Ovi ihm schnell vertraut und freiwillig an seiner Seite bleibt. Dass Stunt-Experte Hargrave seinen Star bereits durch die gemeinsame MCU-Arbeit bestens kannte, dürfte auch nicht geschadet haben. Zumindest ist der in der Branche ohnehin als vielseitiges Action-Talent geltende Hemsworth jederzeit voll in seinem Element, wenn es kracht – egal ob mit großen Wummen, Messern oder auch nur seinen Händen, mit denen er die Köpfe seine Gegner durch alles rammt, was halt gerade so herumsteht.

    Die Story aus dem 320.000 Einwohner zählenden Ciudad del Este ins mit rund neun Millionen Menschen bevölkerte Dhaka zu verlegen, steigert den Action-Gigantismus der Vorlage sogar noch einmal: Am Ende steht so ein fast schon surreales Finale, in dem selbst vorherige Schreibtischtäter plötzlich zu großkalibrigen Waffen greifen und einfach nur noch aus allen Richtungen geballert wird. Das passt nicht ganz zum vorher eher ernsten Tonfall, ist aber so augenzwinkernd absurd überhöht, dass man damit richtig viel Spaß haben kann. Und ein bisschen Augenzwinkern ist natürlich auch ganz gut, um über die doch sehr negative und platte Zeichnung der bangladeschischen Kultur hinwegzusehen.

    Bleibt immer ein Sunnyboy: Chris Hemsworth.


    Der Reiz des kulturellen Schmelztiegels Ciduad geht dabei unterdessen verloren – und auch der vielleicht interessanteste Aspekt der Vorlage geht ein Stück weit unter: Während im Comic die Spannungsschraube auch dadurch angezogen wird, dass jedes kleine Kind mit unschuldigem Gesicht an jeder Ecke plötzlich das Feuer eröffnen könnten, nimmt die Hintergrundgeschichte eines dieser „Kindersoldaten“ in der Verfilmung zwar viel Platz ein, doch für die Haupthandlung bleibt von dem zentralen Element der Vorlage kaum mehr als eine Seitengassen-Konfrontation, bei der Tyler Rake den bis an die Zähne bewaffneten Kids relativ schnell ein paar kräftige Backpfeifen mitgibt. Aber immerhin ist auch diese Sequenz erneut schön schnörkellos und trotz der Teenie-Kontrahenten knüppelhart – so bleibt die Action das herausstechende Prunkstück, selbst wenn darüber sicherlich hinaus noch mehr drin gewesen wäre.

    Fazit: „Tyler Rake: Extraction“ ist immer dann am besten, wenn es einfach nur möglichst laut kracht – und das ist trotz der etwas überzogenen Laufzeit zum Glück oft genug der Fall!

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