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    Tatort: Die Zeit ist gekommen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Die Zeit ist gekommen

    Starker Thriller, miese Auflösung

    Von Lars-Christian Daniels
    In der fast 50-jährigen Geschichte der beliebtesten deutschen Krimireihe gab es schon eine ganze Reihe spannender Geiselnahmen zu sehen – zuletzt etwa im überraschend starken Schweizer „Tatort: Friss oder stirb“ oder auch als humorvollere Variante im Wiesbadener „Tatort: Murot und das Murmeltier“, einer köstlichen Hommage an Harold Ramis‘ Zeitschleifen-Klassiker „…und täglich grüßt das Murmeltier“. Der Dresdner „Tatort: Die Zeit ist gekommen“ reiht sich nun ebenfalls thematisch ein: Unter Regie von Stephan Lacant („Freier Fall“), der zum ersten Mal für die ARD-Reihe am Ruder sitzt, ist ein emotionaler und mitreißender Geiselnahme-Thriller entstanden – dass die Auflösung des einleitenden Mordfalls dabei brutal enttäuschend ausfällt, schmälert den ansonsten starken Gesamteindruck allerdings empfindlich.

    Der vorbestrafte Familienvater Louis Bürger (Max Riemelt) will endlich Ordnung in sein Leben bringen: Gemeinsam mit seiner Frau Anna (Katia Fellin) und seinem zwölfjährigen Sohn Tim (Claude Heinrich), der sich in der Obhut des Jugendamts befindet, plant er einen Neustart in Kroatien. Doch soweit kommt es nicht: Vor dem Haus, in dem auch Louis‘ Schwager Holger Schanski (Karsten Antonio Mielke) mit seiner Frau Lilly (Bea Brocks) wohnt, wird die Leiche eines Polizisten gefunden. Louis steht unter dringendem Tatverdacht und wird von den Dresdner Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) verhaftet. Aus der U-Haft kann er jedoch fliehen. Gemeinsam mit Anna fährt er zu dem Kinderheim, in dem Tim lebt, doch die Ermittlerinnen sind ihm auf den Fersen – und sehen sich vor Ort mit einer Geiselnahme konfrontiert. Die Bürgers verschanzen sich im Heim und die Einsatzkräfte unter Leitung von Kripo-Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) umstellen das Gebäude…

    Der Mordverdächtige Louis Bürger (Max Riemelt) weiß sich nicht mehr anders zu helfen.


    Der dritte gemeinsame Fall der Dresdner Kommissarinnen Gorniak und Winkler beginnt mit einem echten Schockmoment: Die Drehbuchautoren Stefanie Veith („Sitting Next To Zoe“) und Michael Comtesse („Familie verpflichtet“) greifen am Anfang ein paar Tage vor und zeigen Louis Bürger nach dessen Verhaftung in seiner U-Haft-Zelle. Dort spitzt der vorbestrafte Häftling gerade seine Zahnbürste an, um sie sich Sekunden später ins Ohr zu rammen und seinen cleveren Fluchtplan damit vorzubereiten. Direkt im Anschluss springt die Handlung zwei Tage zurück und wir befinden uns wieder in der gewohnten „Tatort“-Chronologie, bei der auf die kurze Einführung des (vermeintlichen) Täters und seiner Gattin Anna der Leichenfund vorm Wohnhaus folgt. Die Beweislage gegen Louis liest sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt so erdrückend, dass eines so gut wie sicher scheint: Bürger ist nicht der gesuchte Täter. Das ist im „Tatort“ nämlich (fast) immer so.

    Ein klassischer Whodunit ist die 1127. Ausgabe der Krimireihe aber nicht, denn mit der Geiselnahme im Kinderheim ergibt sich die typische Pattsituation, die wir nicht nur in den einleitend erwähnten „Tatort“-Folgen, sondern auch im Kino schon häufig zu sehen bekommen haben: Drinnen die Kriminellen, draußen die Polizisten – und während die in die Enge getriebenen Täter ihre Forderungen mit aller Macht erfüllt sehen wollen, geht es für die Kripo-Beamten darum, das Ganze ohne Zugeständnisse unblutig zu Ende zu bringen. Sieht in den Anfangsminuten – der chronisch klamme Louis schenkt seiner Frau einen Roller und lädt sie zur Spritztour ein – noch vieles nach einer „Bonnie und Clyde“-Variation im „Tatort“-Korsett aus, wandelt sich der Film schon nach 20 Minuten zum klassischen Geiselnahme-Thriller, dessen Parallelen zum Hollywood-Klassiker „Hundstage“ sich nicht allein in den sommerlichen Temperaturen erschöpfen.

    Spannung in drei Stockwerken


    Unterstützt vom stimmungsvollen Soundtrack von Dürbeck & Dohmen darf in und rund um den unübersichtlichen Kinderheimkomplex – es gibt mehrere Ein- und Ausgänge, dutzende Zimmer mit Fenster und nicht zuletzt einen Keller – mitgefiebert werden, ob es den Kommissarinnen wohl gelingt, den Täter zum Aufgeben zu bewegen und die Geiseln zu befreien. Dass dabei Variablen und Unbekannte ins Spiel kommen, um die Spannungskurve dauerhaft hoch zu halten, versteht sich fast von selbst. Auf dem tropisch heißen Dachboden des Heims haben sich zum Beispiel die zwei Mädchen Verena (Emilia Pieske) und Larissa (Paula Donath) versteckt und halten ohne Wissen der Täter Sichtkontakt mit den Ermittlern – im Erdgeschoss wiederum versucht der aufmüpfige Teenager Nico (Emil Belton) ein ums andere Mal, dem gereizten Louis ein Schnippchen zu schlagen.

    Das gestaltet sich bis auf die Zielgeraden packend und abwechslungsreich – aus dem überzeugenden Cast sticht dabei vor allem Max Riemelt („Napola“) in seiner Rolle als verzweifelter, aber durchaus geläuterter Familienvater hervor, der im Leben viel falsch gemacht und aus seinen Fehlern gelernt hat. So sehr wir den Kommissarinnen – schließlich sind sie im „Tatort“ die Heldinnen und Identifikationsfiguren für das Publikum – aber die Daumen drücken, auch für Louis‘ Affekttaten können wir durchaus Verständnis aufbringen. Dass Dienstvorschriften keine Rolle zu spielen scheinen und die Dresdner Kripo einen dicken Fehler begeht, der ihr bereits 2019 im vielgelobten „Tatort: Das Nest“ unterlaufen ist, sei den Filmemachern im Sinne des Unterhaltungswerts verziehen.

    Kommissarin Karin Gorniak setzt auf Deeskalation.


    Schon in den Anfangsminuten deutet sich allerdings an, dass die Auflösung des Mordfalls eine herbe Enttäuschung werden könnte – und diese Befürchtung bewahrheitet sich schließlich: Der Kreis der Verdächtigen ist in diesem Film so überschaubar, dass außer dem viel zu verdächtigen Bürger kaum noch andere Personen für den Mord infrage kommen. Was genau hinter dem Auftaktmord hinter dem Polizisten steckt, welches Motiv den/die Täter/in dazu bewogen hat und wie das Ganze zu Ungunsten Bürgers vertuscht werden sollte, wird schließlich sagenhaft oberflächlich in einem rund einminütigen Monolog von Kripo-Chef Schnabel vorgetragen und prompt ohne Widerstand bestätigt. Das wirkt völlig beliebig und ist dieser ansonsten so gelungenen „Tatort“-Folge schlichtweg nicht würdig.

    Fazit: Packender Geiselnahme-Thriller, der durchaus ein „Tatort“-Highlight hätte werden können – wäre da nur nicht die enttäuschende Auflösung, die den tollen Gesamteindruck erheblich schmälert.
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