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    All Of Us Strangers
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    All Of Us Strangers

    Ein so schmerzvolles wie tröstliches Meisterwerk

    Von Sidney Schering

    Ein besonders beliebtes Gedankenexperiment (auch im Kino) lautet: „Was wäre, wenn ich meinen Eltern als Gleichaltrigen begegnen würde?“ Das bekannteste Beispiel: In „Zurück in die Zukunft“ trifft der Teenager Marty McFly auf seine gleichaltrige Mutter – und muss damit klarkommen, dass sie mit ihm zu flirten beginnt (und seinen Vater deshalb erst mal links liegen lässt). Besonders schön auch Céline Sciammas „Petite Maman“, in dem eine Grundschülerin beim Spielen im Wald eine neue Freundin findet, die sich als die Kind-Version ihrer Mutter herausstellt. Basierend auf Taichi Yamadas Roman „Sommer mit Fremden“ kreiert Autorenfilmer Andrew Haigh wiederum ein kühl-beklemmendes, traurig-schönes Treffen zwischen einem Mann Mitte 40 und seinen etwas jüngeren Eltern. Damit beginnt ein bittersüßes Gedankenspiel über das Wiedersehen mit geliebten, bereits verstorbenen Menschen, in dessen Verlauf „All Of Us Strangers“ zu einem todtraurigen, so beklemmenden wie tröstenden Meisterwerk heranwächst.

    Fernsehautor Adam (Andrew Scott) macht eine melancholische Phase durch: Wenn er nicht gerade Löcher in die Luft starrt oder sich alte TV-Auftritte von Frankie Goes To Hollywood („The Power Of Love“) ansieht, arbeitet er an einem autobiografischen Skript. Eines Nachts unterbricht eine Zufallsbegegnung Adams nachdenkliche Einsamkeit: Er trifft den trunkenen Harry (Paul Mescal), der sich selbst zur Verkostung eines japanischen Whiskys in Adams Apartment einzuladen versucht. Adam lehnt ab – bereut dies aber sofort und sucht daraufhin Harrys Nähe. Es bahnt sich zügig eine Liebesbeziehung an, die allerdings durch Adams Kindheitstrauma auf die Probe gestellt wird: Vor 30 Jahren sind seine Eltern (Jamie Bell und Claire Foy) gestorben – denen er nun aber in seinem alten Heimatviertel auf unerklärliche Weise wiederbegegnet. Sie sind um keinen Tag gealtert – und damit sogar etwas jünger als er selbst...

    Walt Disney Pictures

    Die meisten kennen ihn als Gegenspieler von Benedict Cumberbatch in „Sherlock“: In „All Of Us Strangers“ liefert Andrew Scott die beste Leistung seiner Karriere!

    Illustriert Andrew Haigh mit den Begegnungen zwischen Adam und seinen Eltern nur den Schreibprozess seines Protagonisten? Sind es Visualisierungen eines inneren Dialogs, den der an sich zweifelnde Adam führt, während er über seine Karriere sinniert oder sich fragt, wie seine Eltern wohl auf seine sexuelle Orientierung reagiert hätten? Wird Adam wahnsinnig? Geht etwas Übernatürliches vor? Der Regisseur des queeren Kultfilms „Weekend“ und des Arthouse-Hits „45 Years“ lässt verschiedene Interpretationen zu. Es geht ja sowieso viel weniger um das „Warum?“ als um die Frage, was Adams geisterhaften Begegnungen emotional auslösen. Dieses Dickicht an Emotionen könnte kaum verworrener und undurchdringlicher sein: Adam ist eine zutiefst einsame, eingangs noch zwischen träger Melancholie und ratloser Apathie gefangene Person. Daher ist er auch ein Mann eher weniger Worte, weshalb es Andrew Scott obliegt, die überwältigenden Emotionen, die sich in ihm auftürmen, oftmals non-verbal auszudrücken. Eine Herausforderung, die den „Sherlock“-Moriarty zu einer Karrierebestleistung antreibt.

    Ein unkontrolliert nach oben zuckender Mundwinkel signalisiert, dass trotz aller Trauer über den Tod seiner Eltern doch auch ein Funken Freude über das unwirkliche Wiedersehen aufkeimt. Vielsagend ist auch die einzelne, herzzerreißende Träne, die sich langsam in seinem Auge bildet, während Adam versucht, ein unaufgeregtes Gespräch am elterlichen Esstisch zu führen. Dass die Gespräche nach dem ersten Wiedersehen zunehmend komplexer und widersprüchlicher geraten, verschafft dann nicht nur Adam einen Kloß im Hals: So reagiert Adams in den 1980ern stehengebliebene Mutter auf sein Outing mit besorgten Fragen. Und Adams Bericht, dass er in der Schule stets Mobbing-Zielscheibe war, entlockt seinem Vater nur eine ernüchternde Antwort. Das lässt Adams Blick auf seine Eltern natürlich nicht unberührt. Allerdings sind sie auch nicht derart herzlos, dass er mit ihrem Verlust einfach so abschließen könnte: Claire Foy („Verschwörung“) säuselt die Vorurteile, die in Adams Mutter schlummern, mit einer unterschwelligen Empathie, die hoffen lässt, dass sie aufgeschlossener wäre, hätte sie weiter die Möglichkeit gehabt, durch gesellschaftlichen Wandel dazuzulernen.

    Queer oder schwul

    Und dem Blick von Jamie Bell („Fantastic Four“) wohnt zu großer Kummer über väterliche Verfehlungen inne, als dass man ihn aufgrund lang zurückliegender Fehlurteile abschreiben möchte. Durch solche Entwicklungen konfrontiert uns Haigh mit der Erkenntnis, dass uns geliebte Menschen, denen wir viel zu verdanken haben, oftmals auch unbeabsichtigt tiefe Narben verpasst haben. Sowie mit der Frage, ob wir ihnen Wachstum zutrauen oder dies nur Wunschdenken wäre. Die Folgen davon, zwar behütet, aber unverstanden aufgewachsen zu sein, äußern sich auch in weiteren Passagen:

    Harry mag es mit entwaffnendem Hundeblick und forschem Handeln geschafft haben, den passiven Adam rasch in eine Beziehung zu verwickeln. Aber wenn sie sich nicht durch sinnlich-zärtlichen Sex von finsteren Gedanken ablenken, verlieren sie sich in kummervollen Gesprächen. Etwa darüber, wie schlechte Erfahrungen sie dazu brachten, ihre eigene Identität zu hinterfragen: Adam identifiziert sich als schwul, weil er das Label „queer“ mit herablassenden Formulierungen aus seiner Kindheit und Jugend assoziiert. Der jüngere Harry dagegen beschreibt sich selbst als queer, weil er beim Begriff „schwul“ bloß daran denken kann, wie er ihn jahrzehntelang als Schimpfwort zu hören bekam.

    Walt Disney Pictures

    Seit „Aftersun“ ein Arthouse-Star – und demnächst in der Hauptrolle von „Gladiator 2“ zu sehen: Paul Mescal.

    Dass Adam und Harry derart introspektive Gespräche bereits kurz nach ihrem Kennenlernen führen, suggeriert, dass sie sich beieinander geborgen fühlen und sich vertrauen. Aber sie abseits des Liebesspiels mit belegter Stimme und den Tränen nahe zu erleben, schmälert jegliches Harmoniegefühl und lässt eher Sorgen um ihr Wohlbefinden aufkommen. Die geisterhafte, mit halbdurchsichtigen und verzerrten Reflexionen spielende Bildsprache intensiviert diesen Gefühlsknoten aus Verwirrung, Angst, Freude, Kummer, Trauma und Trost: Haigh und sein Kameramann Jamie Ramsay („Living“) machen aus London eine Geisterstadt, deren ominös-unterbevölkerten Straßenzüge im Zuge eines Augenschlags von behaglich-intim zu beunruhigend wechseln. Das fast in Schwarz übergehende Nachtblau vieler Szenen wabert zwischen betörend und bedrückend, und dass die herumgeisternde Kamera öfters einen beachtlichen Teil des Bildes unscharf einfängt, wirkt gleichermaßen verträumt wie albtraumhaft.

    Dieser Tanz aus traumhaft und traumatisiert intensiviert sich mit zunehmender Laufzeit – bis skurriler Humor, herzzerreißende Gespräche über Todesängste und Versöhnung sowie groteske, surreale Schrecken nahtlos ineinander übergehen. Bereichert wird Haighs betörend-schwermütige Meditation über Trauerbewältigung, den Kreislauf des Abkapselns und die Suche nach Nähe durch eine intensive Klangwelt: Markerschütternde Hilfeschreie gehen in wohlige Atemgeräusche über, Musikstücke der Komponistin Emilie Levienaise-Farrouch vermitteln zugleich Behäbigkeit, Nervosität und Erleichterung. Und immer wieder erschallen Adams Kindheits- und Jugendhits – eine spezifische Songauswahl mit allgemeingültiger, nebulöser Wirkung, die nach dem Gesehenen ebenso bedauerlich wie tröstend im Ohr hängen bleibt.

    Fazit: Kühl, betörend, traurig, tröstlich, schön: „All Of Us Strangers“ ist ein hypnotisierend-gleitendes Nebeneinander von Traum und Albtraum, Trost und Trauma – ein Gefühlsrausch, der unter die Haut geht.

     

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