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    Jennifer Lawrence über Darren Aronofskys "mother!": "Der Film ist ein Angriff! Wir stechen den Leuten direkt in die Augen"
    Von Carsten Baumgardt — 14.09.2017 um 08:00
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    Wir haben Jennifer Lawrence in London getroffen, um mit ihr über ihre Rolle in Darren Aronofskys außergewöhnlichem Horror-Thriller „mother!“ zu sprechen – die extremste schauspielerische Herausforderung, die der Superstar bisher meistern musste.

    Paramount

    In dem verstörenden Psycho-Schocker „mother!“ spielt Oscarpreisträgerin Jennifer Lawrence („Silver Linings“, „Die Tribute von Panem“) eine namenlose junge Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als mit ihrem Ehemann ein Kind zu bekommen. Doch der von Javier Bardem („Skyfall“, „No Country For Old Men“) gespielte eitle Dichter ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu bemerken, was seine Frau umtreibt. Aber erst zwei ungebetene Gäste (Ed Harris, Michelle Pfeiffer) sorgen dafür, dass die unterschwelligen Konflikte offen ausbrechen… Aus dieser auf dem Papier harmlosen Prämisse entwickelt Extrem-Regisseur Darren Aronofsky („Black Swan“, „The Wrestler“) einen zunehmend exzessiven Film, in einer albtraumhaften Parallelrealität brechen sich schließlich ungezügelte Gewalt, gewagte biblische Allegorien und der pure Wahnsinn Bahn. Das Publikum nimmt bei diesem Horror-Kammerspiel die Perspektive von Jennifer Lawrences Figur ein, die als einzige Empathie ausstrahlt.

    Manche lieben „mother!“, manchen hassen ihn

    FILMSTARTS: Kannst du darüber reden, wie es ist, solch einen außergewöhnlichen Film auf dem Markt zu haben? Normalerweise sind deine Filme nicht so extrem. Dieses Mal gibt es eine bewusste Kontroverse. Manche Leute lieben den Film …

    Jennifer Lawrence: … und manche hassen ihn…

    FILMSTARTS: Wie fühlt sich das an?

    Javier Bardem und Jennifer Lawrence in "mother!"

    Jennifer Lawrence: Ach, ich liebe das wirklich. Es ist nicht so, dass wir das nicht erwartet hätten, als wir den Film gemacht haben [lacht]. „mother!” ist ein Angriff! Wir stechen den Leuten direkt in die Augen. Wir wussten also ganz genau, dass das ein Film ist, den du entweder total liebst oder absolut hasst. Es war aufregend für mich, diesen Schritt zu machen. Ich musste für den Film lernen, eine andere Person zu sein. Als ich das Drehbuch gelesen habe, fragte ich mich: Wie hört sich diese Frau an? Wer ist sie? Sie ist das genaue Gegenteil von mir. Diese Herausforderung ist sehr aufregend für mich.

    FILMSTARTS: „mother!“ ist ein sehr düsterer und intensiver Film. Wie hast du während des Drehs den Stress abgebaut?

    Jennifer Lawrence: Es gibt im Film eine Szene, in der ich mich emotional an einen Ort begeben muss, zu dem niemals jemand gehen müssen sollte. Da sammeln sich eine Menge Emotionen an. Normalerweise kann ich das gut abschütteln, aber diese Szene beschäftigte mich schon Tage vor dem Dreh. Als wir den ersten Take gefilmt haben, bin ich kurz ohnmächtig geworden und habe bei einer weiteren Aufnahme hyperventiliert. Es war einfach anstrengend, so weit zu gehen. Ich musste mich noch nie so sehr überwinden - und werde das in Zukunft wohl auch nicht noch einmal können. Wenn ich sowas noch einmal in einem Drehbuch lese, würde ich sagen: „Nein, danke!“ [lacht]

    Jennifer Lawrence über ihr „Kardashian-Zelt“ und ihre Privatsphäre

    FILMSTARTS: Und wie schützt du dich in solchen Situationen? Schließlich musst du total offen sein…

    Jennifer Lawrence: Ein paar Tage vor der Szene, als ich anfing, darüber nachzugrübeln, haben wir mein Happy Place eingerichtet, mein „Kardashian-Zelt“. Dort laufen dann Reality Soaps und Serien mit den Kardashians und „24“, da kann ich „Gunballs“ spielen, fröhlich sein. Es braucht seine Zeit, um abzuschalten. Es ist mir ein bisschen peinlich, weil ich die Rollen bisher immer wegdrücken konnte. Das war hier also definitiv unentdecktes Land für mich.

     

    FILMSTARTS: Der Film handelt von Eingriffen in die Privatsphäre …

    Jennifer Lawrence: … oh, darüber weiß ich überhaupt nichts [ironisch] …

    FILMSTARTS: … ist Berühmtsein manchmal ein bisschen wie in einem Horrorfilm zu sein?

    Jennifer Lawrence: [lacht] Nein, ist es nicht. Ich liebe meinen Job und ich liebe meine Fans, aber auch ich bin ein Mensch und verdiene persönliche Grenzen. Niemand mag es, wenn jemand in seine Privatsphäre eindringt.

    FILMSTARTS: Du bist unglaubliche 66 Minuten lang während des Films in Großaufnahmen zu sehen. Hat das beim Dreh einen Unterschied für dich gemacht?

    Jennifer Lawrence: Es ist definitiv etwas, woran ich mich gewöhnen musste. Davor hatten wir schließlich auch noch diesen riesigen Probenprozess, der drei Monate dauerte - was ich noch nie gemacht hatte. Dort haben wir auch Bewegungen und Choreographien mit dem Kameramann [Matthew Libatique] einstudiert. Dieses große schwarze Ding [die Kamera] direkt vor meinem Gesicht, daran musste ich mich wirklich gewöhnen. Und wir mussten lernen, uns zusammen zu bewegen.

    FILMSTARTS: Wenn du solch extreme Filme guckst, wie geht es dir dabei? Bist du cool und relaxed oder fängst du an zu schreien?

    Die Hausherrin (Jennifer Lawrence) mag keine ungebetenen Gäste

    Jennifer Lawrence: Ich habe „mother!“ gestern Abend mit Publikum [in Venedig bei der Weltpremiere] gesehen. Ich bin in dem Film, ich weiß alles, was dort geschieht. Ich bin’s! Ich weiß also, dass alles okay ist. Aber der Film ist wirklich, wirklich verstörend, ich musste die Augen schließen. Ich war total durcheinander, als wir den Saal verlassen haben. Ich sagte zu mir: „Was haben wir getan? Was haben wir hier entfesselt.“ Ich bin dann zurück zu meinem Hotel und mir wurde klar, dass ich panisch reagiert habe. Der Film hat Emotionen geweckt. Und genau darum geht es hier. Es ist in dem Moment schwer anzusehen, aber diese Bilder bleiben im Gedächtnis und die Gefühle auch.

    Kampf für die Gleichberechtigung von Frauen in Hollywood

    FILMSTARTS: In einem Gastbeitrag bei Lennys Letter hast du dich vor einiger Zeit für die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen in Hollywood stark gemacht. Läuft dein Kampf noch?

    Jennifer Lawrence: Ja. Aber nicht nur in Hollywood. Ich habe den Brief nicht geschrieben, um mich zu beschweren, nach dem Motto: „Ich bekomme nicht genug Millionen“ [lacht]. Es geht vielmehr um die Ungerechtigkeit. Es gibt immer noch eine Gehaltslücke von 20 Prozent zwischen den Geschlechtern in vielen Berufsfeldern im Amerika. Es geht also nicht wirklich um Hollywood, darüber habe ich nur gesprochen, weil das meine Arbeit ist. Es geht um Gleichberechtigung für alle Frauen.

    FILMSTARTS: Wie fühlt es sich an, nach einem Dreh wie „mother!“ einen Film wie „X-Men: Dark Phoenix“ in Angriff zu nehmen?

    Jennifer Lawrence: Das ist richtig nett! [lacht]. Mein „X-Men“-Vertrag war ausgelaufen [nach „X-Men: Apocalypse“]. Ich musste nicht noch einen „X-Men“-Film machen. Aber was wäre die Geschichte von Mystique, wenn es hier aufhört? Ich denke, dass ich den Fans und auch der Figur selbst einfach noch einen Film schulde.

    Durchbruch im Kaninchenbau? Jennifer Lawrence in "mother!" auf Entdeckungsreise

    FILMSTARTS: Wie sagt du eigentlich „Ja“ oder „Nein“ zu einem Drehbuch? Wonach entscheidest du?

    Jennifer Lawrence: Der Regisseur ist wahrscheinlich das wichtigste Kriterium. Ich möchte herausgefordert werden. Wenn ich etwas lese, das fantastisch und herausragend ist, ich es aber schon gemacht habe und es im Schlaf spielen könnte, lasse ich es, weil es nicht aufregend ist.

    FILMSTARTS: Du bist an einem Punkt in deiner Karriere, wo du so viel Macht hast, dass Projekte mit deiner Zusage „grünes Licht“ bekommen. Wie gehst du mit dieser Verantwortung und dem damit verbundenen Druck um?

    Jennifer Lawrence: Das ist ein ungeheurer Druck. Wenn ich Leidenschaft für ein Projekt entwickle und daran glaube, kann es tatsächlich umgesetzt werden. Das ängstigt mich aber auch. Ach du meine Güte, all diese Leute unterschreiben. Glauben die wirklich an das Drehbuch oder folgen die nur alle mir? Und was ist, wenn ich mich irre? Filmproduktionen nehmen Jahre in Anspruch. Und manchmal entwickelt man einen Stoff, der außergewöhnlich ist, aber Jahre später ist man plötzlich in einer anderen Situation in seinem Leben und es passt einfach nicht mehr so wie vorher. Bei mir geht es immer um Zeit. Aber wenn sich etwas in meinem Kopf festgebissen hat und ich immer wieder dorthin zurückkehre mit meinen Gedanken, ist es toll, das umsetzen und rauslassen zu können.

    „mother!“ startet am 14. September 2017 in den deutschen Kinos.

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