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Neuer Film des "Gravity"-Regisseurs betroffen: Netflix erklärt Cannes den Krieg und droht mit Boykott des Festivals [Update]
Von Björn Becher — 09.04.2018 um 18:03
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Netflix vs. Cannes und damit gegen das Kino. Rund um den Streamingdienst brennt derzeit eine heftige Kontroverse in der Filmwelt, bei der martialische Wörter benutzt werden und die konkrete Auswirkungen auf uns User hat. Wir erklären euch, welche…

Netflix

2017 zeigten die renommierten Filmfestspiele von Cannes mit „Okja“ und „The Meyerowitz Stories“ zwei Produktionen von Netflix in ihrem Wettbewerb, was zu vielen Diskussionen führte. Denn der Streamingigigant führte die Filme anschließend nicht bzw. kaum („Okja“ lief in Südkorea) in den Kinos auf, sondern veröffentlichte sie direkt auf seiner Plattform. In Cannes, wo man sich dem klassischen Kinoerlebnis, dem Genießen eines Films auf der großen Leinwand verpflichtet sieht, war man darüber verärgert und verbannte für die Zukunft alle Netflix-Produktionen ohne Kinoauswertung zumindest in Frankreich aus dem Wettbewerb (außerhalb von diesem dürften sie laufen), was man vor wenigen Tagen noch einmal klarstellte. Und nun feuert Netflix zurück.

Wie Vanity Fair berichtet, hat Netflix sich nämlich unter anderem die Rechte an „Roma“, dem ersten Film von Regisseur Alfonso Cuarón seit seinem Mega-Hit „Gravity“, erworben. Eigentlich war das Werk fest für eine Vorführung in Cannes (aufgrund der Regeln halt außerhalb des Wettbewerbs) eingeplant und bei der Bekanntgabe des Programms diese Woche ein Highlight sein. Doch nun droht Netflix angeblich damit, den Film und vier weitere Produktionen zurückzuziehen. Doch warum soll mich das als Kinogänger, der sowieso nicht in Cannes vor Ort ist, interessieren?

Diese Folgen könnte die Kontroverse haben!

Dass und warum wir es für problematisch halten, wenn Netflix die Rechte von eigentlich für die große Leinwand geplanten Produktionen – oft ohne Zustimmung der eigentlichen Filmemacher – einkauft und so Filme quasi aus den Kinos klaut, haben wir schon deutlich auf unserer Seite ausgeführt. Und auch wenn es der Autor dieser Zeilen nun erneut bedauert, dass er einen Film wie „Roma“ deshalb nicht im Kino sehen kann, geht das Problem hier noch weiter, denn hinter den Kulissen tobt ein veritabler Machtkampf. Die Vanity Fair zitiert eine Quelle mit den Worten, dass mit der Boykottdrohung „Cannes als Waffe benutzt werde“. Der Hollywood Reporter spricht von einem „Vergeltungsschlag“ des Streamgindienstes. Kriegerische Rhetorik und am Ende schauen die Filmemacher und wir Kunden in die Röhre?

Cannes ist für viele Filmemacher DAS Festival schlechthin, es ist eine Ehre mit seinem Film dorthin eingeladen zu werden. Vielen Regisseuren ist es daher wichtig, an dem Festival teilnehmen zu können. Netflix droht damit, sie um dieses Erlebnis zu bringen, obwohl sie bereits eingeladen wurden. Dies könnte dazu führen, dass renommierte Regisseure sich in Zukunft zwei Mal überlegen, ob sie wirklich mit dem Streamingdienst arbeiten wollen. Wer will schon zum Spielball werden? Das Problem ist aber: Die fast nur noch auf Großprojekte fixierten Studios sind immer weniger gewillt, kleinere, an der Kinokasse schwierig einzuschätzende Projekte zu finanzieren und bis zur Kinoauswertung zu begleiten. Und am Ende führt das vielleicht sogar dazu, dass selbst ein Regisseur wie Cuarón sein Herzensprojekt gar nicht mehr finanziert bekommt und dann lieber einen großen Studiofilm als Auftragsarbeit umsetzt.

Diese Filme sind betroffen

Noch besteht die Möglichkeit, dass Netflix und Cannes einen gemeinsamen Weg finden. Am 12. April 2018 wird das Programm an der Croisette bekanntgegeben. Neben Alfonso Cuaróns „Roma” seien auch „Norway” von Paul Greengrass („Jason Bourne“) sowie Jeremy Saulniers neuestes Werk „Hold The Dark” vom Rückzug bedroht. Obwohl sie alle laut Vanity Fair bereits eingeladen waren und vorgestellt werden sollten, droht Netflix, das mittlerweile die Rechte an all den genannten Projekten besitzt, mit einem Boykott.

Dazu kommt zudem die Weltpremiere der von Orson Welles in den 1970er Jahren gedrehten Satire „The Other Side Of The Wind”, die dank der Finanzierung durch Netflix nach fast 40 Jahren fertiggestellt wurde (eine erste Fassung wurde Filmemachern wie Rian Johnson und Quentin Tarantino im Januar 2018 gezeigt), und von Morgan Nevilles dazu passender Orson-Welles-Dokumentation „They’ll Love Me When I’m Dead“. Beide Filme sollten angeblich als Special Screenings laufen, was trotz der neuen Cannes-Handhabe von Netflix-Filmen möglich gewesen wäre. Aber laut dem Hollywood Reporter droht Netflix damit, auch diese Werke zurückzuhalten. Für den Streamingdienst kommt eine Kinoauswertung unter anderem nicht in Frage, weil in Frankreich per Gesetz ein Film erst 36 Monate nach Kinostart zum freien Abruf (also nicht VoD) auf einem Streamingdienst auftauchen darf. Netflix will natürlich nicht seine Kunden für 2,5 Jahre um die hauseigenen Filme bringen.

Regisseur Jeremy Saulnier, der mit „Green Room“ für viel Aufsehen sorgte, ist übrigens eine der wenigen betroffenen Regisseure, die sich bereits erklärt haben. Indiewire gegenüber bestätigte er, dass sein Film nicht laufen werde, was sehr schade sei. Dabei bemerkt der Regisseur, der insgesamt Netflix verteidigt und seine Dankbarkeit gegenüber dem Streamingdienst bezeugt, auch, dass Netflix sein Modell überdenken muss: Wenn sie weiter erstklassige Filmemacher anlocken wollen, müssen sie seiner Meinung nach auch bestimmte Filme in die Kinos bringen.

Während sich Netflix-Fans nun also freuen dürfen, dass sie fünf auf den ersten Blick sehr interessante Werke wohl im Laufe des Jahres 2018 auf ihrem Lieblings-Streamingdienst sehen können und Kinofans einmal mehr enttäuscht sein dürfen, dass sie diese Filme nicht auf der großen Leinwand zu sehen bekommen, bleibt für alle die Frage nach der Zukunft, in der es selbst renommierte Regisseure vielleicht immer schwerer haben werden, unbequeme Filme umzusetzen und so zu zeigen, wie sie es wollen…

UPDATE: Mittlerweile hat Netflix bestätigt, dass man keine Filme in Cannes zeigen wird. Gegenüber Variety erklärte Netflix-Boss Ted Sarandos, dass es keinen Sinn mache, die Filme zu zeigen, wenn man nicht am Wettbewerb teilnehmen dürfe. Dafür gibt er den Festival-Organisatoren die Schuld: Cannes habe den scharfen Ton angeschlagen, nun bestehe für die Filme von Netflix und die Filmemacher die Gefahr in Cannes respektlos behandelt zu werden. Damit spielt er auf die Pfiffe und Buhrufe an, die es 2017 bei der Vorführung von „Okja“ und „The Meyerowitz Stories“ bei der Einblendung des Netflix-Logo teilweise gegeben hat.

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