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    Das Ende von "Once Upon A Time In Hollywood": Highlight oder Frechheit?
    Von Daniel Fabian — 06.09.2019 um 16:30
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    Das „Once Upon A Time“-Finale ist umstritten: Höchst unterhaltsam für die einen, widerwärtig und sensationsgeil für die anderen. Musste das wirklich sein? FILMSTARTS-Redakteur Daniel Fabian findet: Das Ende ist perfekt durchdacht.

    Sony Pictures

    +++ Meinung +++

    Lange Zeit passiert in „Once Upon A Time... In Hollywood” nicht viel. Wir sehen Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), wie sie ins Kino geht oder Einkäufe erledigt, Western-Fernsehstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), der sich mehr schlecht als recht und stets besoffen durch seinen Berufsalltag schlägt, und dessen Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt), wie er durch die Straßen von Los Angeles cruist oder eine Antenne repariert. Es ist fast so, als würde sich Quentin Tarantino regelrecht dagegen wehren, dass in seinem Film was passiert – so lässt er etwa auch offen, ob Cliff ein Frauenmörder ist oder lässt den Film-Ranch-Besitzer George Spahn (Bruce Dern) entgegen den Erwartungen des Zuschauers, der bereits das Schlimmste befürchtet, tatsächlich nur ein Mittagsschläfchen halten.

    Es dauert lange, bis auf die Tarantino-typischen Zitate und Popkultur-Referenzen auch seine altbekannten Gewaltspitzen folgen, die zweifelsohne im krassen Kontrast zum Rest des Films stehen. Nicht zuletzt deswegen äußerten sich auch viele Kritiker negativ über den großen Showdown: Eric Kohn von IndieWire findet das Finale beispielsweise „gehetzt, kontraproduktiv und völlig neben der Spur“ und auch Bilge Ebiri von Vulture sieht darin „das falsche Ende für diesen Film und einen wenig durchdachten Versuch, das alte Hollywood mit dem neuen zu versöhnen.“ Dabei hätte es für die Geschichte gar kein besseres Ende geben können ...

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    Mehr als nur ein Schaukämpfer: Cliff Booth (Brad Pitt) zeigt im Finale, was in ihm steckt.

    Wahrheit trifft Fiktion

    Die vermutlich unnötigste Diskussion, die über Tarantinos neunten Film geführt wird, ist die über den Wahrheitsgehalt des Films. Denn während gewisse Details wie die glamouröse Filmpremiere in einem Schmuddelkino oder das Fernsehprogramm an bestimmten Tagen des Jahres 1969 geradezu akribisch genau den historischen Fakten entsprechen, entscheidet sich Tarantino an anderen Stellen dafür, die Geschichte neu zu schreiben. Mit dieser Freiheit, die jedem Künstler übrigens verdammt nochmal zusteht, behält er sich nicht nur das große Überraschungsmoment, sondern konserviert damit auch seine Sicht auf die faszinierend-magische Stimmung der 60er Jahre, die in den USA spätestens mit den Manson-Morden begraben wurde.

    Die Ära von Tarantinos Kindheitshelden ging mit einem Paukenschlag zu Ende, doch selbst er kann die Zeit nicht zurückdrehen und Geschehenes ungeschehen machen. Mit „Once Upon A Time“ zollt er aber nicht nur jener Zeit Tribut, die ihn später auch als Filmemacher besonders prägte, sondern macht ihr (tragisches) Ende auch gewissermaßen obsolet. Stattdessen ermöglicht er den 60ern einen märchenhaften Abschied, die einen fast glauben lassen, dass die wilde, freie und ach so unbekümmerte Zeit gar nie wirklich endete.

    Dass letztlich nicht Tate und ihre Freunde ermordet werden, sondern die Manson-„Familie“, mag im ersten Moment vielleicht überraschen, ist letztlich aber nur konsequent. Ich meine, der Filmtitel beginnt mit „Once Upon A Time“ (deutsch: „Es war einmal“) – wann, wenn nicht dann, wäre denn ein märchenhaftes Happy End passender?

    Tarantino und die Gewalt gegen Frauen

    Da im Finale vor allem zwei Frauen des Manson-Klans (gespielt von Mikey Madison und Madisen Beaty) ihr Fett wegkriegen, wurde Tarantino von vielen Seiten auch für seine Darstellung der Gewalt ihnen gegenüber kritisiert. Während der Regisseur in der Vergangenheit aber auch zahlreiche starke Frauenfiguren etablierte – Uma Thurman metzelt in den „Kill Bill“-Filmen ganze Scharen von Männern nieder und in „Death Proof“ zeigt ein Badass-Frauen-Trio sogar dem obercoolen Kurt Russell, wo der Hammer hängt –, hält sich Tarantino was die (Nicht-)Mörder-Besetzung in „Once Upon A Time In Hollywood“ angeht, schlicht an die Fakten.

    Es waren damals eben tatsächlich drei Frauen, die gemeinsam mit Charles „Tex“ Watson (im Film gespielt von Austin Butler) in die Polanski-Residenz einstiegen, um „des Teufels Werk“ zu tun – und die perfiden Befehle ihres Rädelsführers Charles Manson gewissermaßen blind befolgten. Tarantino dreht den Spieß in seinem Film nun um und macht dabei nicht bloß die Peiniger zu Opfern, sondern lässt die eben auch mit derselben Grausamkeit bezahlen, mit der damals auch die Manson-Jünger vorgingen.

     

    2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
    Fällt der Manson-„Familie“ (doch) nicht zum Opfer: Sharon Tate (Margot Robbie)

    Das Massaker im Film mag Tarantino-typisch übertrieben sein, anfänglich deswegen auch ein wenig schocken und letztlich vielleicht sogar belustigen, ist aber wohl kein bisschen drastischer als die wahren Gräueltaten hinter der Geschichte, sondern fast schon eine Spiegelung dessen. Immerhin wurde die hochschwangere Sharon Tate mit 16 Messerstichen getötet, ihre Gäste Abigail Folger und Wojciech Frykowski wurden mit 28 bzw. 51 Stichen sowie zahlreichen Hieben auf den Kopf hingerichtet. Und genau das will Tarantino in seinem Film nun ebenfalls nicht verharmlosen.

    Cliff Booth und das Flammenwerfer-Inferno

    Dass Tarantino im Finale seines Films (und auch davor schon) rein gar nichts dem Zufall überlässt, zeigt sich zudem in der Rolle von Brad Pitt, der als Cliff Booth die Angreifer nahezu im Alleingang überwältigt – und endlich hält, was er in der kontroversen Bruce-Lee-Szene versprach. Die Rolle des Stuntmans ist dabei ganz klar als Anlehnung an Donald Shea, ein weiteres Opfer der Manson-Jünger, zu verstehen.

    Shea, der eigentlich Schauspieler werden wollte, war vor allem als Stuntman tätig und arbeitete außerdem als Rausschmeißer auf der Spahn Ranch, auch nach dem Einzug der mörderischen Kommune. Auf Geheiß von Charles Manson, der befürchtete, Shea hätte ihn und seine Gefolgsleute bei der Polizei verpfiffen, wurde Shea wenige Wochen nach Sharon Tate und ihren Freunden ermordet. Die Leiche wurde allerdings erst acht Jahre später gefunden. Genauso lange haben sich Cliff Booth und George Spahn übrigens nicht mehr gesehen, bevor es den Stuntman dank Anhalterin Pussycat (Margaret Qualley) an seine alte Wirkungsstätte verschlägt.

    "Once Upon A Time In Hollywood": Darum ist die Darstellung von Bruce Lee so wichtig

    Und dass wir den Flammenwerfer aus „Die 14 Fäuste des McCluskey“ später tatsächlich noch einmal zu sehen kriegen, mag zwar typisch tarantinoeskes Over-the-Top-Grindhouse-Kino sein, kam allerdings mit Ansage. Wenn Booth früh im Film nämlich Werkzeug aus dem Geräteschuppen holt, um die Dachantenne auf Daltons Haus zu reparieren, hält Tarantino mit der Kamera sogar noch extralang auf den Flammenwerfer drauf, um zu signalisieren – oh ja, es wird später noch heiß hergehen. Ganz egal, ob man das auf den ersten Blick erkennt oder nur beiläufig wahrnimmt: Tarantino kündigt damit bereits das feurige Finale an, in dem der „mechanische Drache“ deswegen auch einfach zum Einsatz kommen muss. Alles andere hätte eine Enttäuschung jener bewusst gesteuerten Erwartungen zur Folge.

    2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
    Hat glücklicherweise einen Flammenwerfer im Geräteschuppen: Rick Dalton (Leonardo DiCaprio)

    Ein Abgesang auf die Helden von früher

    Mit „Once Upon A Time In Hollywood“ verlangt Tarantino seinem Publikum so einiges ab. Es ist nun mal ein Film für Nerds, die nicht bloß einen „typisch fetzigen Tarantino-Film“ erwarten, sondern sich tiefergehend mit der Materie beschäftigen. Dass der Film einen vielleicht langweilt, wenn man keinerlei Kenntnisse über das Hollywood der 60er Jahre mitbringt und vielleicht auch noch typisches Storytelling erwartet, ist in Anbetracht der Lauflänge trotz der herausragenden Schauspielleistungen irgendwie nachvollziehbar. „Once Upon A Time In Hollywood“ ist nun mal kein Film für jedermann, ebenso wie das Finale, an dem sich viele stören.

    Und trotzdem: So willkürlich, absurd und überzogen der blutrünstige Schlussakt auch wirken mag, setzt der große Showdown am Ende nicht nur einen konsequenten Schlussstrich, wie er kaum besser zu einem 60er-Jahre-Hollywoodmärchen passen könnte, sondern ist fernab heutiger Rollenbilder (was vielen Zuschauern wohl ebenfalls sauer aufstößt) auch ein Abgesang auf jene Männer, die mal eben im Hinterhof die Muskeln spielen lassen, im Bademantel Frozen Margaritas aus dem Mixer schlürfen, „Pussy“ lieben und den Sprung ganz nach oben aber nie schafften – und im Film als Helden aus der zweiten Reihe letztlich doch ein versöhnliches Ende finden, eines, das ein märchenhaft-verträumtes Licht auf eine wahrlich magische Ära wirft, von der ich nun selbst 50 Jahre später das Gefühl habe, sie erlebt zu haben. Wenn auch nur für 161 Minuten.

    So viel Wahrheit steckt in "Once Upon A Time In Hollywood"

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