Von der Schwierigkeit, sich vernünftig zu trennen
Von Kamil MollAle (Itsaso Arana) hat von ihrem Vater einmal gesagt bekommen, dass Paare nicht eine Party schmeißen sollten, wenn sie zusammenkommen, sondern erst, wenn sie sich trennen. Aber eigentlich ist das nur möglich, entgegnet Ale ihrem Partner Alex (Vito Sanz), wenn beide in der Beziehung auch das Gleiche wollen. So eine Trennungsfeierlichkeit müsste dann also schon so einvernehmlich sein wie eine Hochzeit. Nur eben andersherum. Am 22. September, dem letzten Tag des Sommers, wollen die beiden in der (Anti)-RomCom „Volveréis - Ein fast klassischer Liebesfilm“ deshalb ein großes Trennungsfest veranstalten und ihre Freunde dazu einladen.
Und sommerlich sind nahezu alle (in Deutschland leider bislang noch eher unbekannten) Filme von Jonás Trueba und seinem Filmkollektiv Los Ilusos. Die brennend heißen Monate in Madrid scheinen für den Regisseur die geeignetste Zeit zu sein, um Beziehungsgeschichten über Veränderungen und neue Anfänge zu erzähle. Der Tonfall ist bevorzugt sonnig und heiter, aber hinter der vermeintlichen Leichtigkeit äußern sich unaufdringlich hintergründige Emotionen – fast so wie einstmals in den Filmen des französischen Meisterregisseurs Éric Rohmer („Pauline am Strand“).
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Verhandeln Komödien oftmals die unmöglichen Bedingungen, unter denen Beziehungen sich bewähren und stabilisieren müssen, stellt „Volveréis“ stattdessen mit unangestrengtem, fast schon schlafwandlerisch eingeübtem Witz vermeintlich einvernehmliche Trennungen auf den Prüfstand. Die Hürden, denen das sich in Auflösung befindende Paar zunächst ausgesetzt ist, sind dabei unterschiedlich schwer: Eine Liveband muss für die musikalische Untermalung her, sagt Alex, und will alte Musikerfreunde aus Granada einladen, die er seit Langem nicht mehr gesehen hat. Diese sind allerdings schon etwas aus der Übung gekommen und bezweifeln, ob sie überhaupt noch mal auftreten können: „Wir sind mittlerweile eingerosteter als Robocop!“
Andere anstehende Veränderungen sind da schon gewichtiger und folgenreicher: Wer übernimmt die gemeinsame Wohnung, wer sucht sich eine wahrscheinlich kleinere, neue? Bei gemeinsamen Besichtigungen mit einer Maklerin wird den beiden schnell klar, dass es für frisch gebackene Singles schwierig ist, eine nicht zu winzige, gleichwohl auch nicht zu teure Wohnung zu bekommen. Und andere Lebensbereiche werden auch schnell aus den Angeln gehoben: Sollen Alex und Ale, er ein Schauspieler, sie eine Regisseurin, weiterhin zusammenarbeiten? Und wie läuft es ab jetzt, wenn man sich mit den gemeinsamen Freunden in einer Kneipe verabreden will? Erst du, dann ich – wie mit einem Kind bei einer Scheidung?
Das Stadtleben in Madrid scheint also von der Wohnsituation zu den Arbeitsverhältnissen und sozialen Kontakten eigentlich Paare zu begünstigen – aus diesem Gedanken zieht Trueba den durch und durch charmanten und eloquenten Humor seines Films. Eine Gesellschaft, die um feste Paarbeziehungen strukturiert ist, treibt jene, die sich trennen wollen, unweigerlich wieder zueinander zurück. Selbst der Antiquitätenhändler an der Straßenecke scheint darin nicht unbeteiligt. Von Alex auf zwei Sessel, die er verkaufen möchte, angesprochen, was ein einzelnes Exemplar kosten solle, antwortet er, sie seien nur zusammen zu erstehen: „Ein solches Paar kann niemand trennen.“ Darauf verweist auch schon der spanische Originaltitel: „Sie werden wieder zurückkommen“, heißt „Volveréis“ frei übersetzt.
In seiner betonten spielerischen Form ist das auch ein durch und durch von der Liebe zur Kinogeschichte durchdrungener Film. Immer wieder lässt Trueba seine beiden Darsteller über andere Filme reden: Blake Edwards‘ vermeintliche Altmännerfantasie „10“ zum Beispiel, oder die Schriften des Philosophen Stanley Cavell, der die amerikanischen Komödien der 1930er- und 1940er-Jahre als sogenannte „Comedies Of Remarriage“ bezeichnete, also als Filme, in denen miteinander fremdelnde Paare durch eine Verkettung von Ereignissen wieder zueinanderfinden. Damit lässt Trueba die Figuren nur allzu deutlich auch auf seinen eigenen Film selbst verweisen – und trotzdem verzichtet „Volveréis“ auf jegliche Theorieschwere und ausgestellte Cleverness, bleibt stattdessen stets ein luftiger, entspannter Sommerfilm.
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Mit ihrem Tonmann spricht Ale in einer Szene über die passgenaue Abmischung der Begleitmusik einer Szene: Nicht zu penetrant im Vordergrund dürfe sie sein, aber auch nicht zu leise im Mix verschwinden. Als Ale nach der Arbeit durch die Stadt spaziert, setzt diese Melodie wieder ein, untermalt mit einer bittersüßen Note ein Gespräch, in dem sie ihren Bruder mit Fingerspitzengefühl auf die Trennung einstimmen möchte. Vom Finden des richtigen Tons im Leben, der wohlgesetzten Balance zwischen Aufhören-Wollen und Weitermachen-Müssen, erzählt „Volveréis - Ein fast klassischer Liebesfilm“.
Fazit: Trennungen sind wie Hochzeiten, nur andersherum. Mit leichtem, sommerlichem Witz, unter dem hintergründige Emotionen lauern, erzählt Jonás Trueba von einem Paar, das sich trennen möchte und alle gemeinsamen Freunde zu einer Abschiedsparty einlädt – und schafft so eine der schönsten und wahrhaftigsten Beziehungskomödien der letzten Jahre.