At The Sea
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
At The Sea

Zwischen Psychogramm und Groschenroman

Von Michael Bendix

Kornél Mundruczó steht für ein Kino des Schmerzes, das nur zu gern mit inszenatorischem Großgestentum protzt: Im vielbeachteten Netflix-Psychodrama „Pieces Of A Woman“ (2020) etwa blies er eine im Kern intime Geschichte um Trauerarbeit und emotionale Asynchronizität – ein Paar wird vom Verlust seines neugeborenen Kindes zerrieben – dadurch auf, dass er ihr eine 24-minütige Plansequenz voranstellte, in der eine qualvolle Hausgeburt minutiös und in ihrer ganzen Drastik ausgestellt wird. Dass der ungarische Regisseur in seinem jüngsten Film „At The Sea“ formal abrüstet und man am Ende eher keinen Gesprächsstoff in technischen Kraftanstrengungen findet, legt aber in erster Linie andere Probleme frei.

Die erste Einstellung besteht aus einem ausdauernden Close-up von Amy Adams, deren leicht an der Kamera vorbeidriftender Blick keinen Zweifel an ihrer Versehrtheit lässt. Der „Verwünscht“-Star spielt Laura, die einst die renommierte Tanzkompanie ihres so genialischen wie skandalerprobten Vaters übernommen hat und in der Folge selbst zur Modern-Dance-Größe aufgestiegen ist. Nun hat sie einige Monate in einer Entzugsklinik hinter sich gebracht und steht kurz vor der Rückkehr in ihr idyllisch in unmittelbarer Meernähe gelegenes Elternhaus. Das führt zum konfliktreichen Wiedersehen mit ihrem Mann Martin (Murray Bartlett), Teenager-Tochter Josie (Chloe East) sowie ihrem kleinen Sohn Felix (Redding Munsell).

Laura (Amy Adams) kehrt nach einem mehrmonatigen Klinikaufenthalt zu ihrer Familie zurück – doch leider ist damit noch lange nicht wieder alles gut. ATS Production LLC
Laura (Amy Adams) kehrt nach einem mehrmonatigen Klinikaufenthalt zu ihrer Familie zurück – doch leider ist damit noch lange nicht wieder alles gut.

Assoziativ zwischenmontierte Erinnerungssplitter geben reichlich Aufschluss über die Natur von Lauras Traumata, etwa wenn ein rotierender Kreisel mit blutigen Ballettschuhen kurzgeschlossen wird, die Pirouetten ausführen. Ja, die Protagonistin schleppt noch immer reichlich schweres Gepäck mit sich herum, das sich teils seit ihrer Kindheit aufgestapelt hat: ein berühmter, toxischer Vater, Erfolgsdruck und Entmündigung, eine Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten, die sich in exzessivem Alkoholkonsum äußert. Das psychologische Gutachten schreibt sich quasi von selbst.

Ihr Umfeld ist mit der Situation überfordert: Martins Bemühungen, zumindest einen Anschein von Normalität wiederherzustellen, scheitern schon deshalb, weil er zugleich sehr damit beschäftigt ist, eine allzu große Nähe zwischen Laura und Felix zu verhindern – der seiner Mutter ohnehin mit Distanz begegnet. Josie – die sehr zum Unmut von Laura selbst eine Tanzkarriere anstrebt – ist sogar regelrecht feindselig gestimmt: Als sie ihre Mutter vom Flughafen abholt, wartet sie die Antwort auf die Frage, ob sie denn Musik anmachen dürfe, gar nicht erst ab. Der Freundeskreis, größtenteils deckungsgleich mit Lauras beruflichem Umfeld, ist über den tatsächlichen Grund ihrer Abwesenheit derweil nicht einmal informiert. Martin hat die Version verbreitet, seine Frau habe sich auf Bali entspannt.

Zähe Therapiestunde

„At The Sea“ will sich mit verbissenem Ernst als Psycho- und Charakterstudie verstanden wissen, hat mitunter aber eher den Charakter eines Groschenromans. Die seelischen Verwerfungen und das daraus hervorgegangene Unglück sind kaum mehr als generische Plot-Bausteine, die musikalische Untermalung liefern melodiös zärtelnde Geigen, die in Spannungsmomenten (greift Laura wieder zum Glas oder nicht?) aber auch mal dramatisch anschwellen. Mundruczó, ohnehin selten um eine überdeutliche Metapher verlegen, nutzt grundsätzlich die abgegriffensten aller möglichen Bilder, um die Innenwelt seiner Protagonistin zu illustrieren – der Film spielt sicher nicht ganz zufällig am Meer, das in der Kunst- und Literaturgeschichte seit jeher für das Verborgene und Verdrängte steht, dessen Weite aber auch ein ideales Sehnsuchtsmotiv ist, das schon Kitschautor Nicholas Sparks zu schätzen wusste.

An dessen Werk denkt man auch, wenn Laura den ebenfalls mit einer Suchtproblematik hadernden, durchaus attraktiven Keegan (Brett Goldstein) kennenlernt, der Laura seine Begeisterung fürs Drachensteigen damit erklärt, dass er auf diese Weise gelernt habe, loszulassen. Bei Sparks (oder auch seiner modernen Entsprechung Colleen Hoover) hätte sich aus dieser Szene die Handlung entwickelt – in „At The Sea“ hat Keegan lediglich die Funktion eines Stichwortgebers, der direkt wieder aus dem Film verschwindet, nachdem sein Job erledigt ist.

Man wäre bereit, all die Klischees zu schlucken, würde der Film sie umarmen und ihnen mit Emphase begegnen. Doch dafür ist Mundruczó schlichtweg der falsche Regisseur. Bis zum von zahlreichen Mikro-Eskalationen durchzogenen Quasi-Finale auf einer Gartenparty nimmt sich „At The Sea“ als zähe Therapiestunde aus, die trüblaunig in den immergleichen Wunden stochert. Am Schluss kommunizieren Mutter und Tochter via Tanz alles, was sich nicht sagen lässt, und Laura kann nun vielleicht doch ein Stück weit loslassen – das jedenfalls legt das Bild eines in den Himmel emporsteigenden Drachens nahe.

Fazit: Dröges Psychogramm, das aus seinem Hang zu Kitsch und Cringe leider nicht die richtigen Schlüsse zieht.

Wir haben „At The Sea“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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