Wird das der große Oscar-Gewinner 2027?
Von Pascal ReisSelten ist ein Schauspieler so unauflöslich mit einer Rolle verschmolzen wie Sylvester Stallone. Noch bevor sein Name fällt, ist da bereits Rocky Balboa (später, in einer anderen Tonlage, sollte auch Rambo hinzukommen). Jener schlichte, aber großherzige Boxer aus Philadelphia, der sich aus den Niederungen des Lebens ins gleißende Licht des Erfolgs kämpft – und dabei eine Lektion lernt, die weit über den Ring hinausweist: dass es mitunter weniger darauf ankommt, auszuteilen, als einzustecken.
In „Rocky“ verdichtete sich nicht nur das archetypische amerikanische Aufstiegsversprechen, sondern auch Stallones eigene Biografie. Der Schauspieler, der selbst lange vergeblich um seinen Platz im Filmgeschäft gerungen hatte, schrieb sich die Rolle des Außenseiters auf den Leib und machte aus einer vermeintlich kleinen Underdog-Ballade gegen alle Widerstände eine moderne Legende. Genau diese Geschichte erzählt Oscarpreisträger Peter Farrelly („Green Book“) nun in „I Play Rocky“. Obwohl der Film dabei allzu gefällig und brav daherkommt, entwickelt er durchaus einen packenden Sog.
Leonine
New York, Mitte der 1970er-Jahre. Mike Stallone (Anthony Ippolito) ist ein erfolgloser Schauspieler ohne Geld und Perspektive. Bei seinen Vorsprechen erntet er regelmäßig Gelächter, weshalb er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten muss. Als Kinoeinlasser lernt er schließlich Sasha (AnnaSophia Robb) kennen. Er verliebt sich in sie und profitiert zugleich von ihren klugen Ratschlägen für seine Karriere. So schlägt sie ihm vor, endlich seinen bürgerlichen Namen zu verwenden: Sylvester Stallone.
Gemeinsam ziehen sie nach Los Angeles, wo Stallone Drehbuch um Drehbuch schreibt. Als er eines Abends den legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Chuck Wepner verfolgt, hat er eine Eingebung – und braucht daraufhin nur dreieinhalb Tage, um eine Idee zu Papier zu bringen, die sein Leben verändern sollte: „Rocky“. Erstmals zeigt Hollywood Interesse an seinem Stoff. Doch Stallones Forderung, selbst die Hauptrolle zu spielen, bringt das Studio bald an den Rand des Wahnsinns ...
Was die weithin bekannte Entstehungsgeschichte von „Rocky“ im Kern so imponierend macht, ist Sylvester Stallones Beharrlichkeit: Selbst in finanziell oft aussichtslos erscheinenden Situationen hält er unbeirrbar an dem Glauben fest, seine Träume verwirklichen zu können. Genau hier knüpfen Peter Farrelly und sein Drehbuchautor Peter Gamble Robinson an, wenn sie versuchen, Stallone als Figur zu ergründen: in der eigentümlichen Kraft eines Menschen, der unter allen Umständen darauf besteht, seine Würde und Integrität zu bewahren.
Mit hohem Tempo und einer leider flachen, televisuell anmutenden Digitaloptik, aber gerade in Sachen Ausstattung stimmigem Zeitkolorit erzählt „I Play Rocky“ episodisch von Stallones Anfängen als Schauspieler in New York. Er steckt Rückschlag um Rückschlag ein, bis er erkennt: Sein Durchbruch gelingt nur, wenn er sich die Hauptrolle selbst auf den Leib schreibt. Doch auch der Umzug nach Los Angeles bringt zunächst vor allem Existenzsorgen mit sich. In einer der bewegendsten Szenen muss Stallone seinen geliebten Hund Butkus vor den Augen der versammelten Kundschaft eines Supermarkts für 40 Dollar verkaufen, um überhaupt über die nächste Woche zu kommen.
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Tatsächlich vergeht die knapp 130-minütige Laufzeit von „I Play Rocky“ wie im Flug, denn der aus dem Komödienfach kommende Peter Farrelly versteht es mit schlafwandlerischer Sicherheit, klassisches Erzählkino mit nostalgischem Überbau und treffsicherem Situationswitz zu verbinden. Besonders viel Vergnügen bereitet der Film immer dann, wenn er das cineastische Vorwissen seines Publikums aktiviert: Da kann man sich ein Schmunzeln kaum verkneifen, als dem angesichts Stallones Unerfahrenheit skeptischen Produzenten beruhigend versichert wird, dass man im Falle eines Flops schließlich noch „New York, New York“ in der Hinterhand habe – und sich die Erlöse beider Filme einfach zusammenrechnen ließen. Schließlich liefere Martin Scorsese doch einen Hit nach dem anderen!
So darf man sich von all den Verweisen und Referenzen bestens unterhalten lassen und mit ordentlich Schwung durch die Entstehung eines popkulturellen Meilensteins rauschen. Gerade in einem vollen Kinosaal dürfte das für reichlich Vergnügen sorgen – inklusive tosendem Szenenapplaus, wenn Sylvester Stallone immer wieder Angebote ausschlägt, sein Drehbuch für mehrere hunderttausend Dollar zu verkaufen. Ein Geschäft, das ihn auf einen Schlag von allen finanziellen Sorgen befreit und über Nacht reich gemacht hätte. Doch Stallone bleibt stur. Genau darin liegt der vielleicht schönste Running Gag.
So launig „I Play Rocky“ auch daherkommt, so oberflächlich und simpel bleibt der Film letztlich. Die Rekonstruktion einer tatsächlich inspirierenden und Generationen prägenden Geschichte gerät zum formelhaften Malen-nach-Zahlen-Crowdpleaser, der sich geradezu davor scheut, seinem Publikum auch nur einen Hauch von Reibungsfläche zuzumuten. Dass der nicht am Projekt beteiligte Sylvester Stallone dem Film nach der Sichtung seinen Segen gegeben hat, versteht sich da fast von selbst: Seine Figur wickelt das Publikum mit liebenswertem Durchhaltevermögen um den Finger und entwirft ihn als blütenreines Ideal des unbeugsamen Kämpfers.
Sein größtes Problem sind die gelegentlich aufwallenden Selbstzweifel, für die das Drehbuch stets denselben Lösungsansatz bereithält: Irgendein Nebencharakter, wahlweise seine Frau oder die Produzenten Irwin Winkler (P.J. Byrne) und Robert Chartoff (Toby Kebbell), darf Stallone unter Begleitung sanfter Klaviermusik in Momenten des Zauderns gut zureden und ihm versichern, unerschütterlich an ihn zu glauben. Unter die Oberfläche blickt „I Play Rocky“ dabei nie. Selbst die extrem schwierige Beziehung zu seinem Vater (Matt Dillon) bleibt nebensächlich und darf sich schließlich in Wohlgefallen auflösen. Um sich Stallone vollends anzubiedern, dichtet ihm der Film sogar noch ein stattliches Gemächt an, was seine Ex-Frau Brigitte Nielsen einst im „Dschungelcamp“ übrigens nicht bestätigen konnte.
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Ja, „I Play Rocky“ ist ein gefälliges, durchkalkuliertes Pastiche, dem es ums Nachahmen geht, nicht ums Entschlüsseln, Verstehen und Einordnen – also um jene profunde, tiefere Wahrheit, die über bloße Imitation hinausweist. Das gilt auch für Anthony Ippolitos Performance. Die Oscar-Nominierung dürfte hier eigentlich nur Formsache sein. Positur, Gestik, Mimik: Der 27-Jährige fängt Stallone in einer detailversessenen Mimikry geradezu verblüffend präzise ein. Das ist nicht bloß zum Verwechseln ähnlich, sondern in Sprache, Bewegung und Attitüde bisweilen nahezu deckungsgleich.
Mehr als ein durchaus beachtliches Abpausen von Verhaltensmustern ist es allerdings nicht, denn hinter der perfekten Kopie bleibt die eigene Identität verborgen. „Rocky“-Regisseur John G. Avildsen (Jay Duplass) erklärt Stallone im Film einmal, es gehe um jenes metaphysische, nicht greifbare „Etwas“, das aus einem sehenswerten Streifen ein Meisterwerk mache. Ganz abgesehen davon, dass sich Magie nicht kopieren lässt und „I Play Rocky“ die Schlüsselszenen von „Rocky“ mitunter lieber zerredet, fehlt dem Film genau dieses „Etwas“.
Fazit: „I Play Rocky“ ist ein astreiner Publikumsliebling, der gerade im voll besetzten Kinosaal jede Menge Spaß bereitet. Peter Farrelly erzählt die inspirierende Entstehungsgeschichte der legendären Underdog-Ballade temporeich, launig und gespickt mit jeder Menge Branchenverweisen. Letztlich bleibt der Film aber ein gefälliges Pastiche, dem es jenseits der perfekten Imitation an Reibung, Tiefe und eigenen Erkenntnissen fehlt. Unterhaltsam ist das allemal – und bei den Oscars 2027 dürfte „I Play Rocky“ wohl für einiges Aufsehen sorgen.