Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos

Zu viele Zufälle verderben den Brei

Von Björn Schneider

Cesc Gay interessiert in seinen Filmen vor allem ein Thema: die Komplexität zwischenmenschlicher Bindungen. Es geht ihm dabei in erster Linie um die Betrachtung dieser Beziehungen in der Lebensmitte – die meisten seiner Figuren, Haupt- wie Nebencharaktere, sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Wie gestalten sich Älterwerden, Freundschaften, Liebe und der Umgang mit Schicksalsschlägen in diesem Lebensabschnitt?

Mit seiner Tragikomödie „Sentimental“ (2020) bewies Gay, selbst 57 Jahre alt, sein großes Talent für feinfühlige Beobachtungen und erzählerische Ausgewogenheit. Darin mussten sich zwei Paare die Frage stellen: Was macht eine „moderne“ Partnerschaft aus? In seiner vorherigen Arbeit, dem Drama „Freunde fürs Leben“ (Goya für den „Besten Film“ 2016), behandelte Gay die Themen Abschied und Tod. Weg von der Schwere und Last dieser Inhalte bewegt er sich mit der romantischen Komödie „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos“. Positivität, Lebenslust und Leichtigkeit will der Spanier mit seinem neuen Film versprühen und unters Volk bringen – und das gelingt ihm zwischendurch durchaus. Ein fahriges Drehbuch und die eindimensionale Figurenzeichnung bremsen den Film jedoch immer wieder auf halber Strecke aus.

Auf der Suche nach Liebe

Die in Barcelona lebende Eva (Nora Navas) ist gerade 50 geworden. Sie ist seit über 20 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder im Teenageralter. Auf einer beruflichen Reise in Rom geschieht etwas, das ihr Leben radikal auf Links krempelt: Sie lernt den sympathischen Drehbuchautor Alex (Rodrigo de la Serna) kennen, der ein paar Tage in der Stadt ist – und der in ihr ein Feuer entfacht, das schon lange erloschen schien. Eva stellt daraufhin ihr bisheriges Leben infrage und trifft eine mutige Entscheidung: Sie trennt sich von ihrem Mann und lässt ihr altes Dasein hinter sich.

In „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos“ (ein etwas ungelenker deutscher Verleihtitel) seziert Gay wieder einmal das Beziehungs-, Berufs- und Alltagsleben urbaner Großstädter ganz genau – geht dabei aber mit weit mehr Humor und Heiterkeit zu Werke als bisher. Es soll hier nämlich auch um die Möglichkeiten und Chancen gehen, die einem das Leben in der zweiten Hälfte bietet. Und Eva eröffnen sich nach der Trennung etliche, ungeahnte Möglichkeiten, als sie beginnt, sich in amouröse Abenteuer zu stürzen.

Eva (Nora Navas) hat es bislang kaum für möglich gehalten, sich mit 50 noch einmal zu verlieben – bis Alex (Rodrigo de la Serna) in ihr Leben tritt. Neue Visionen Filmverleih
Eva (Nora Navas) hat es bislang kaum für möglich gehalten, sich mit 50 noch einmal zu verlieben – bis Alex (Rodrigo de la Serna) in ihr Leben tritt.

Mit Augenzwinkern und Ironie widmet sich Gay in der zweiten Filmhälfte ausführlich den Absurditäten der modernen Dating-Welt. Wenn sich Eva und die Männer in diversen Restaurants gegenübersitzen und heillos aneinander vorbeireden oder es zu anderen Missverständnissen kommt, dann entlarvt „Mi Amiga Eva“ (so der schlichtere spanische Originaltitel, der so viel wie „Meine Freundin Eva“ bedeutet) auf pointierte, sehr komische Weise die Herausforderungen der Partnersuche und die Vielschichtigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation. Die Botschaft ist klar: Die Suche nach der Liebe ist mitnichten immer romantisch, sondern gleichsam kräftezehrend und zeitintensiv.

Dabei hat Eva ihren neuen Traumprinzen mit Alex nach den ersten fünf Minuten doch bereits gefunden! Es gehört daher zu den Stärken und Überraschungen des Films, dass sich „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos“ zunächst ganz anders entwickelt als thematisch ähnlich gelagerte Filme. Ohne zu viel zu verraten: Alex wird in den folgenden 90 Minuten weit weniger häufig zu sehen sein und eine weitaus geringere Rolle im Verlauf der Handlung spielen als vermutet. An dieser Stelle unterläuft Gays neunter abendfüllender Film gekonnt die Erwartungen der Zuschauer.

Mehr als eine unglaubwürdige Wendung zu viel

Umso ärgerlicher sind einige eklatante Drehbuchschwächen, die sich vor allem in den unglaubwürdigen Zufällen zeigen, mit denen Gay sein Werk ausschmückt. Das zeigt sich gleich zu Beginn, wenn Eva und Alex erstmals aufeinandertreffen, um die Handlung überhaupt erst ins Rollen zu bringen. Da treffen sich die beiden nicht nur in der Hotellobby – was man dem Film noch abnehmen könnte –, sondern innerhalb weniger Stunden rein zufällig auch noch vor dem Hotel, beim Frühstücksbuffet und im Flur.

Diese in ihrer Häufigkeit wenig glaubwürdigen Begegnungen und Vorkommnisse ziehen sich durch den ganzen Film. Sie finden ihren ärgerlichen Höhepunkt gegen Ende, als erneut Eva und Alex im Mittelpunkt stehen. Man begegnet einander ungeplant im Kino, wenig später „überraschend“ in einer Buchhandlung. Und dann platzt auch noch Evas Tochter in einem wahrlich ungünstigen Augenblick dazwischen. Man merkt: Gay will den Spannungsbogen auf krampfige Art in die gewünschten Bahnen lenken – was im Ergebnis bemüht und beliebig wirkt.

Bis auf die Protagonistin Eva (Mitte) sind Identifikationsfiguren und Sympathieträger leider rar. Neue Visionen Filmverleih
Bis auf die Protagonistin Eva (Mitte) sind Identifikationsfiguren und Sympathieträger leider rar.

Apropos Figuren: Ein weiteres Problem des Films ist sein Mangel an Identifikationsfiguren und sympathischen, greifbaren Charakteren. Das betrifft zum Beispiel Evas Mann. Er ist ein wenig feinfühliger Zeitgenosse, der Eva in Anwesenheit von Freunden mit seinen Unterstellungen und Vorwürfen ein ums andere Mal in unangenehme Situationen bringt. Die betreffenden Freunde sind mit ihren belehrenden Sprüchen, unreflektierten Ratschlägen und abfälligen Bemerkungen allerdings auch nicht gerade eine Unterstützung. Einmal bekommt Eva aufgrund ihrer emotionalen Schieflage folgenden Spruch gedrückt: „Jetzt kommen ihr ja schon wieder die Tränen.“ Und als Zuschauer fragt man sich spätestens da unweigerlich, wieso sich die Hauptfigur überhaupt so häufig mit diesen Personen abgibt.

Immerhin macht die charismatische Hauptdarstellerin Nora Navas ihre Sache wirklich gut. Am leider doch recht dürftigen, unausgereiften Skript ist sie schuldlos. Stattdessen changiert sie gekonnt zwischen Melancholie und unbändigem Frohsinn, zwischen Grübelei und Tatendrang. Navas spielt ihre Rolle mit subtilem Witz und expressiver Mimik – und hält die Anziehungskraft ihrer Figur konsequent bis zum Schluss aufrecht.

Fazit: „Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos“ folgt einer verheirateten Frau, die in ihren reifen Jahren vor allem einen Wunsch hat: sich noch einmal zu verlieben! Der Mix aus Liebesfilm, Komödie und Drama betrachtet dabei an vielen Stellen punktgenau und pointiert den Wahnwitz zwischenmenschlicher Begegnungen, Kommunikation und Dating-Bemühungen. Das unausgegorene bis unglaubwürdige Drehbuch macht es jedoch schwer, mit der Hauptfigur mitzufühlen.

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