Der geniale Komponist als todgeweihter Popstar
Von Gaby SikorskiEine Sonate war ursprünglich ein reines Instrumentalstück – im Gegensatz zur Kantate, bei der auch gesungen wird. In der Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven) wurde daraus eine eigene Kunstform in drei oder vier Sätzen, meist für Klavier oder Violine komponiert. Eines der bekanntesten Stücke des polnisch-französischen Komponisten und Pianisten Frédéric Chopin wurde sein „Trauermarsch“, der 3. Satz seiner Klaviersonate Nr. 2 in b-Moll. Die ikonische Melodie wurde zur Begleitmusik für zahlreiche Bestattungen von Staatsoberhäuptern, zu denen neben Winston Churchill und John F. Kennedy auch viele sowjetische Staatschefs inklusive Josef Stalin zählten.
Doch die erste Trauerfeier mit dem sogenannten „Marche funèbre“ war die von Frédéric Chopin selbst. Im Biopic „Chopin – Eine Sonate in Paris“ über den früh verstorbenen Komponisten taucht sein größter Hit gar nicht auf – und dafür gibt es gute Gründe: Zum einen passt der Evergreen rein stimmungsmäßig nicht in das opulente Drama von Michał Kwiecinski, das keineswegs ein Trauerspiel ist, sondern eine zwar ziemlich tragische, aber auch von Optimismus und Lebensfreude getragene Geschichte erzählt. Außerdem wird sein Tod nicht gezeigt – und das wäre vermutlich der einzige passende Anlass gewesen. Schließlich muss ja auch nicht jede Erwartung unbedingt erfüllt werden, was in gewisser Weise sogar die Qualität des Films unterstreicht.
Neue Visionen
Schon zu Beginn des Films spuckt Chopin (Eryk Kulm) immer wieder Blut. Er hat Tuberkulose, damals noch unheilbar. Doch Chopin denkt nicht daran, sich zu schonen, die empfohlenen Medikamente zu nehmen oder in den Süden zu reisen. Zwischen den Krankheitsschüben sprudelt er nur so vor Energie. Er überspielt gekonnt seine Schwächen, auch wenn er zwischendurch von Ängsten geschüttelt wird. Immer wieder baut er sich mit seiner Musik selbst auf und präsentiert sich als Popstar, der seinen Ruhm genießt: Alle kennen ihn, alle lieben ihn, den polnisch-französischen Bonvivant mit Entertainerqualitäten, der versiert zwischen seinen zwei Muttersprachen wechselt und sich zwischendurch sogar an Deutsch versucht.
Gemeinsam mit seinem besten Freund Franz Liszt (Victor Meutelet) ist er ein gern gesehener und umjubelter Gast in den Salons der Hautevolee ebenso wie in ärmlichen Kaschemmen. Wo immer Chopin auftaucht, zeigt er sich als Lebemann, der gern feiert, Witze erzählt und nebenbei Akquise für seinen Klavierunterricht betreibt – denn schließlich muss der Künstler auch Geld verdienen. Während Liszt als Frauenheld auftritt, der sich vor Groupies nicht retten kann, ist Chopin eher zurückhaltend. Er könne nicht lieben, sagt er einmal. Erst als er George Sand (eher unauffällig und tatsächlich nicht in Männerkleidung: Joséphine de la Baume) kennenlernt, die ihm intellektuell ebenbürtig ist und Zigarren rauchend sein Herz erobert, scheint es, als ob er endlich seinen emotionalen Anker und seine große Liebe gefunden hat …
So wie die Krankheit Chopins Leben beeinflusst hat, bestimmt sie auch den Film. Manches erinnert fatal an die Covid-19-Epidemie. Dabei galt die Tuberkulose gar nicht als Seuche. Sie brach nur bei 5 – 10 % der Infizierten aus, und der Verlauf erstreckte sich – siehe Chopin – manchmal über viele Jahre. Anders bei der Cholera, die 1832 in Paris ausbrach, als sich Chopin mit Auftritten und Klavierunterricht gerade eine halbwegs solide Lebensgrundlage geschaffen hatte. Da werden aktuelle Parallelen besonders deutlich. In bedrückend klaren Bildern läuft Chopin durch das plötzlich menschenleere Paris, die Straßen weiß vom Löschkalk. Der einzige Lärm kommt von den Wagen, mit denen die Leichen eingesammelt werden.
Aus einer Kirche ist leiser Gesang zu hören, und Chopin entdeckt einen Chor von Nonnen, die Mozarts Requiem singen. Es sind solche bewegenden Bilder in Kombination mit der Musik, die dem Film durch den immer wieder hervorgehobenen Gegensatz zwischen Glamour und Elend eine melancholische Atmosphäre voller Sehnsucht und Sympathie für den kranken Künstler verleihen. Eryk Kulm spielt Chopin als willensstarken Optimisten, der höchstens mal einen miesen Tag hat. Immer ätherischer und blasser wird seine Erscheinung. Er wehrt sich nach Kräften gegen die aufkommende Schwäche, doch bis zum Schluss bewahrt er sich seinen Humor und seinen Überschwang.
Neue Visionen
Dabei geht es mehr um den Menschen Frédéric als um den Musiker Chopin. Peinliche Filmszenen über Komponist*innen und ihre Arbeit gibt es schließlich schon genug, siehe „Copying Beethoven“ mit dem bemitleidenswerten Ed Harris. Oder sogar Parodien wie in einer Szene aus Ken Russells legendärem Musikfilm-Klassiker „Tschaikowsky – Genie und Wahnsinn“, wenn der Komponist mit seinem Bruder Modest am Esstisch sitzt und dieser ihm – schmatzend und aus vollen Backen Hühnerknochen knabbernd – vorschlägt, die namenlose neue Sinfonie „Pathétique“ zu nennen. Der polnische Regisseur Michał Kwiecinski verzichtet in seinem mit vielen Effekten üppig ausgestatteten musikalischen Drama dankenswerterweise auf jede klischeehafte Darstellung von Kunst und Genie.
Nur gelegentlich – siehe die Cholera-Epidemie oder Chopins morphiuminduzierte Halluzinationen – greift „Eine Sonate in Paris“ Ken Russells überbordende Bildsprache auf, allerdings ohne dessen pompöse und provokante Extravaganz. Stattdessen erzählt Kwiecinski die Geschichte von Chopin in Paris – immerhin 18 Jahre und damit beinahe die Hälfte seines Lebens. Kwiecinski zeigt keine Jahreszahlen. Sie sind nicht wichtig, denn hier kommt es nicht auf historische Genauigkeit an. Im Vordergrund steht Chopins Persönlichkeit als jemand, der für seine Musik lebt. Und die zweite Hauptrolle spielt die Stadt Paris – ein Moloch, eine multikulturelle Metropole, in der die Gegensätze zwischen Arm und Reich ebenso offen zutage treten wie das geradezu manische Bedürfnis aller Schichten und Kreise nach Kunst und Ablenkung.
Fazit: Nicht nur für Klassikfans, sondern für alle, die opulentes Kino lieben: Das Biopic über Frédéric Chopin ist ein ausdrucksstarkes, stimmungsvolles Drama, das in einer Atmosphäre zwischen flirrender Leichtigkeit und melancholischer Schwermut von Kunst und Vergänglichkeit erzählt.