Eine kongeniale Verfilmung des Bestsellers!
Von Christoph PetersenMan hätte leicht in die Falle tappen können, den autobiografischen Roman* von Daniela Dröscher, der es 2022 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, als grau-graues Alltagsdrama in Szene zu setzen. Aber man darf eben nicht vergessen: Die Geschichte wird aus der Perspektive des zu Beginn erst sechs Jahre alten Alter Egos der Autorin erzählt – und die hat erst viel später in der Rückschau verstanden, was damals eigentlich wirklich geschehen ist. Stattdessen beginnt „Lügen über meine Mutter“ also im aus kindlicher Sicht harmonischen Italienurlaub – und „Das schönste Mädchen der Welt“-Regisseur Aron Lehmann nimmt die mediterrane Sonne anschließend einfach mit in die rheinland-pfälzische Provinz der Achtzigerjahre.
Das erwachsene Kinopublikum hingegen bemerkt sofort, dass in dieser Beziehung etwas nicht stimmt. Die passiv-aggressiven Bemerkungen des Familienvaters Werner (Golo Euler) über das Gewicht seiner Frau Cornelia (Rosalie Thomass) wirken nicht etwa liebevoll-besorgt, sondern so übergriffig wie kontrollierend – und besonders weh tut es zu sehen, wie Tochter Ela (Elise Lindner), ohne es überhaupt selbst einordnen oder reflektieren zu können, zu seiner Komplizin wird. Nach all den gar nicht subtilen Spitzen und titelgebenden Lügen hat sie irgendwann selbst eine solche Angst um die Gesundheit ihrer Mutter, dass auch sie zur mäkelnden Aufpasserin über das elterliche Essverhalten wird. Dabei geht es hier am Ende natürlich gar nicht um Kilos, sondern um Macht.
TOBIS Film GmbH / Frank Dicks
Werner ist dabei zwar schon ein astreines Arschloch, aber zugleich auch ein Getriebener des als allgemeingültig verkauften Wohlstandsversprechens der Achtzigerjahre – und wenn sich das nicht immer und überall erfüllt, dann muss dafür eben ein Schuldiger oder noch besser eine Schuldige her. „Ich bekomme niemals eine gehobene Stelle ohne eine vorzeigbare Frau“, entlarvt er sein eigenes Unvermögen; aber dafür leiden muss eben trotzdem Cornelia, die sich fortan allmorgendlich unter seiner Aufsicht auf die Waage stellen soll. In der einzigen Sexszene des Films scheint jedenfalls auch er voll auf seine Kosten zu kommen, aber selbst das führt nicht dazu, dass er auch nach außen zu seiner Frau steht.
So verweist „Lügen über meine Mutter“ immer auch über die spezifischen Kindheitserinnerungen hinaus auf eine gesamtgesellschaftliche, gerade aus weiblicher Sicht besonders beklemmende Lebenswirklichkeit. Weniger Ambivalenzen lässt hingegen Juliane Köhler als Oma Martha zu – der „Nirgendwo in Afrika“-Star sichert sich stattdessen einen Platz im Kino-Pantheon der absoluten Horror-Schwiegermütter! Schon mit ihrem ersten Satz – „und hat sie sich gelohnt, die große Reise, war ja teuer genug für meinen Werner“ – hat sie die Passiv-Aggressivität praktisch durchgespielt; und man könnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, auch nur einen einzigen Kaffeeklatsch mit ihr durchzustehen (geschweige denn, wie Cornelia mit ihr unter einem Bauernhofdach zu leben).
TOBIS Film GmbH / Luis Zeno Kuhn
Die umstrittenste Rolle – im Roman wie im Film – ist tatsächlich Tochter Ela. Sie durchbricht nämlich immer wieder die Vierte Wand und zitiert in Richtung des Publikums Informationen oder Statistiken über die Rolle der Frau in den Achtzigern. So sollte schon auf den Buchseiten deutlich werden, dass wir das Geschehen zwar aus den Augen eines Kindes betrachten, zugleich aber auch die erwachsene Autorin mit ihrem heutigen Wissen und ihren heutigen Reflexionen zu uns spricht. Aron Lehmann und seine selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnende Hauptdarstellerin Rosalie Thomass haben diesen Kunstgriff zwar zurückgefahren, aber er kommt trotzdem vor – und eröffnet auch auf der Leinwand eine spannende zweite Ebene, selbst wenn es mitunter etwas trocken klingt, wenn Ela plötzlich über den lateinischen Ursprung des Wortes „Familie“ (der Gesamthaushalt des Mannes inklusive aller Sklav*innen) sinniert.
Rosalie Thomass („Beste Zeit“) ist nicht nur wegen ihrer zweiten Drehbucharbeit nach „Jagdsaison“ wohl DIE treibende Kraft hinter „Lügen über meine Mutter“ – sie passt auch als Darstellerin höllisch auf, dass ihre Figur weder zum bloßen Opfer degradiert wird noch ihre definitiv vorhandenen Schwächen (in einem besonderen Moment der Überforderung droht sie sogar vor ihrer Tochter mit Selbstmord) beschönigt werden. Fast wäre auch ich hier wieder in die alte Filmkritik-Falle getreten, eine größere Nase von Nicole Kidman in „The Hours“ oder eine fahlere, faltigere Haut von Charlize Theron in „Monster“ automatisch als „mutige“ Performances zu bezeichnen. Wobei: Dass einem zumindest in den Kopf kommt, dass es schon eine gewisse Courage erfordert, sich mit „so vielen Kilos“ auf der Leinwand zu zeigen, offenbart im selben Moment aber womöglich auch, dass wir in den vergangenen 40 Jahren als Gesellschaft noch längst nicht so weit gekommen sind, wie wir es uns vielleicht gerne einreden.
Fazit: „Lügen über meine Mutter“ ist auch als Kinofilm ein oft schmerzhafter, aber dafür umso kraftvollerer Befreiungsschlag.
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